Von der leeren Weinflasche über das alte Handy bis zur Konservendose – heutzutage wirft man ausgediente Dinge nicht einfach weg. Sie werden gesammelt und zur Wiederverwertung aufbereitet. Das funktioniert auch bei Bauabfällen. «Hier lohnt sich Recycling ganz besonders, denn Rückbaumaterialien machen nebst den Siedlungsabfällen den grössten Teil unserer Abfallmenge aus», sagt Caspar Steiger, Architekt HTL aus Uetikon am See ZH. Bis vor wenigen Jahren nannte man es Abbruch, heute spricht man von Rückbau: Die Häuser werden nicht mehr mit der Abrissbirne geschleift und in eine Deponie gekarrt, sondern man demontiert und sortiert die einzelnen Bauteile nach Material und Wiederverwertbarkeit.
Abbruch für Neubau
Der Mehraufwand lohnt sich, denn es fallen alljährlich rund 12 Millionen Tonnen Bauabfälle an. Diese werden unter anderem zu Granulaten verarbeitet, um daraus Recyclingbeton zu fertigen. Wie muss man sich das vorstellen? «Beton entsteht durch Mischen von Kiessand, Zement und Wasser. Die Festigkeit erhält der Beton durch eine chemische Reaktion zwischen dem Zement und dem Wasser. Beim Recyclingbeton wird der Kiessand je nach Anforderung durch Granulat aus Beton- und Mauerwerkabbruch ersetzt», erklärt Caspar Steiger. Damit können weniger stark beanspruchte Bauteile erstellt werden. Er ist tendenziell billiger als herkömmlicher Beton, kann diesen aber im Hochbau in vielen Bereichen ersetzen.
Ein weiterer häufig verwendeter Baustoff im Hochbau ist Stahl. «Mit Stahl kann materialsparend gebaut werden. Kein anderer Baustoff kann so viel Last mit so wenig Volumen tragen», sagt der Architekt. Stahlträger und Stahlprofile werden häufig aus Recyclingstahl gemacht. Die rund 1,3 Millionen Tonnen Stahlschrott, die die Schweizer Bevölkerung alljährlich produziert, können nämlich zu hundert Prozent und ohne Qualitätseinbussen wiederverwertet werden. Recyclingstahl braucht zudem bei der Herstellung etwa 70 Prozent weniger Energie als Primärstahl.
Ökologische Alternativen
Nebst Beton und Stahl gibt es aber noch viele andere alternative Baustoffe wie zum Beispiel Kalksandstein. Dieser wird aus Kalk, Sand und Wasser zu Steinen gepresst und gebrannt und zeichnet sich durch besonders gute Schallschutzwerte aus. Zudem ist er weniger empfindlich auf Feuchtigkeit als herkömmliche Backsteine. Der natürliche Baustoff Holz wird in Form von Balken, Brettern und Spanplatten verbaut.
Man probiert heutzutage aber auch weniger gebräuchliche Materialien aus, wie zum Beispiel Lehm. Dieser besteht aus Ton, Kies, Sand und Schluffstein und ist vielerorts im Boden zu finden. Verarbeitet wird er in Form von Steinen, Mörtel, Platten oder als Stampflehmwand. Lehm ist sehr feuchtigkeitsregulierend und hat einen positiven Einfluss auf das Raumklima. Er ist zu 100 Prozent recycelbar, jedoch nicht wasserbeständig. Ein weiteres ungewöhnliches Material für den Hausbau ist Stroh.
Typische Baustoffe für das Dach sind Schiefer und Ziegel. Schiefer wird aus Tonstein gewonnen und ohne weitere Zugaben verwendet. Zudem hat er eine lange Lebensdauer und dadurch eine gute Ökobilanz. Ziegel, aus Lehm, Ton und Wasser gebrannt, ist wohl das älteste Baumaterial überhaupt. Inzwischen gibt es Ziegel, die bereits integrierte Wärmedämm-Zusätze enthalten, beispielsweise Perlite, ein körniges Pulver vulkanischen Ursprungs.
Entscheidende Dämmung
Eine wichtige Rolle beim Hausbau spielt die Wärmedämmung, also die Isolation der Gebäudehülle. «Im besten Fall ist ein Haus so gut gedämmt, dass es ohne Heizung auskommt», so der Architekt. Gebräuchliche Dämmstoffe sind mineralische Fasern wie Stein- oder Glaswolle oder künstliche organische Schäume wie Polystyrol. Aber auch hier gibt es eine ökologische Alternative. Etwa ein Viertel des gesammelten Altglases wird zu Baustoffen verarbeitet, unter anderem auch zu Schaumglas für den Hochbau. Für die Herstellung von Schaumglas werden die Glasscherben zu feinem Glasmehl zermahlen. Das Mehl wird mit weiteren Zuschlagstoffen gemischt und bei grosser Hitze im Backofen aufgeschäumt. So entsteht ein poröses, aber sehr druckfestes Material. «Die eingeschlossene Luft ergibt einen hohen Dämmwert und damit eine gute Isolation», sagt Caspar Steiger. «Zudem ist Schaumglas aussergewöhnlich druckfest, dampfdicht, wasserfest, hitzebeständig und sehr langlebig.»
Zeitungen und Zapfen
Ein weiterer ökologischer Dämmstoff ist Zellulose. Diese wird aus zerfasertem Altpapier unter Zugabe von Borsalzen hergestellt. Letzteres dient als Brandschutz und als Schutz gegen Schimmel und Schädlinge. Der Zellulosedämmstoff wird in die Schalung eingeblasen. Dabei kommt es zu starker Staubentwicklung, weshalb eine solche Dämmung unbedingt durch eine spezialisierte Firma gemacht werden muss. Zellulosedämmstoff hat sehr gute Dämmeigenschaften und ist zudem recht günstig.
Auch Kork ist ein idealer Baustoff. Er ist belastbar, wasserabweisend, atmungsaktiv, geruchsfrei und nur schwer entflammbar. Gebrauchte Flaschenkorken
werden gereinigt und zu Korkschrot verarbeitet. Das Granulat kann direkt als Isolation in Wände, Böden oder Decken eingebracht werden. «Es kann aber auch zu Presskork weiterverarbeitet werden und dient dann unter anderem als Bodenbelag. Dieser vermittelt ein angenehmes Wärmegefühl und bietet einen gewissen Trittschalldämmeffekt», so der Fachmann.
Lavabo wird Bodenbelag
Im Innenbereich kommen ebenfalls Recycling-Materialien zum Zug. Recyclingstahl beispielsweise findet man in Küchenabdeckungen – ohne dass man dies überhaupt erkennen kann. Und nicht metallische Küchenoberflächen gibts neuerdings aus wiederverwertetem Porzellan von Waschbecken und Keramik von Boden- und Wandplatten, alten Spiegeln und Fensterglas gefertigt. Dieser Recycling- Werkstoff ist kratzfest, widerstandsfähig, fleckenbeständig, hitzeunempfindlich und eignet sich für Oberflächen in Küchenund Badezimmern, aber auch als Bodenbelag und Wandverkleidung.
HIER ERFAHREN SIE MEHR
- Unabhängige Informationen zum Thema Recyclingmaterialien bekommt man über den Aushub-, Rückbau- und Recycling-Verband Schweiz in Kloten, 044 813 76 56, www.arv.ch
- Die Messe «Bauen und Modernisieren» mit 600 Aussteller, konzentriert sich auf das Thema energieeffizient bauen. Vom 1. bis 4. September 2011 in der Messe Zürich. www.bauen-modernisieren.ch






























