Das Valser Walserhaus

Mächtig steht das zweihundertjährige Walserhaus mitten in Vals – die Holzfassade von der Sonne gegerbt, die Malereien vom Wind verwittert. Doch hinter den dicken Mauern atmet die Geschichte weiter.

  • Das Walserhaus in Vals.
  • Meinrad und Renate Rieder haben sich mit der Landwirtschaft einen langgehegten Traum erfüllt.
  • Im Keller lagern Geissenwürste, Schinken und Käse aus Eigenproduktion.
  • Die alte Gravur zeugt von der Geschichte des Hauses.
  • Auch im tiefsten Winter sorgt der Ofen für eine heimelige Stube.
  • Die Sonne hat die Haustür dunkel gebrannt.
  • Immer wieder haben Bergstürze und Lawinen das Dorf heimgesucht.
  • In der Küche kochen die Rieders meist über dem offenen Feuer.
  • Der Doppelkamin zeigt, dass hier früher zwei Haushalte gemeinsam unter einem Dach gelebt haben.
  • Beim Umbau wurde das Traditionelle erhalten.
  • Renate und Meinrad Rieder mit ihren Burengeissen, einer Rasse aus Südafrika.
  • Der Krug steht auf dem einstigen Wasserausguss, der direkt auf die Strasse führt.

Ein fernes Grollen kündete das Unheil an. Aus dem Grollen wurde ein Dröhnen und Brausen, und schliesslich donnerten die Gesteinsmassen mit einem ungeheuren Tosen ins Tal. Tagelanger Regen und Hagel hatten den steilen Hang des Horns gegenüber von Vals aufgeweicht und ins Rutschen gebracht. Gewaltige Erdmassen schoben sich nun auf das Bündner Dorf zu. Der Valser Rhein, angeschwollen vom Rüfenschutt, trat über die Ufer. Eine Flut aus Geröll und Dreck wälzte sich in die Gassen hinein, zerstörte die Brücke, überschwemmte Häuser und Ställe und riss das Vieh in den Tod. Die Rüfeniedergänge von 1849 waren nicht die ersten und auch nicht die letzten, die grosse Zerstörungen im kleinen Dorf in der Surselva anrichteten. Immer wieder haben Bergstürze, Lawinen und Hochwasser die Menschen obdachlos gemacht und die Äcker und Wiesen im Tal verwüstet.

Das Riederhaus steht am Dorfplatz gegenüber vom Fluss. Robust und mächtig hat es den Naturgewalten seit über zweihundert Jahren getrotzt. Doch auch an ihm kann man die Kräfte der Natur ablesen. Die Fassade aus Fichtenholz ist von der Sonne schwarz gebrannt. Im Dunkel des Holzes verschwindet die einstige Bemalung fast. Nur die Blumenmotive hinter den Fensterläden lassen die frühere Farbigkeit des Baus erahnen. Die Kellerfenster sind halb unter der Erde verborgen: «Beim Umbau stiessen wir unter dem heutigen Kellerboden auf zwei weitere, tiefer gelegene Kellergewölbe», erzählt Meinrad Rieder, «sie stammen vom ersten Haus.» Jedes Mal, wenn der Fluss über die Ufer trat, hinterliess er Steine, Kies und Sand auf dem Dorfplatz. Heute liegen Platz und Gasse deshalb viel höher.

So baute man damals das Riederhaus auf die Keller des alten Hauses und füllte diese mit Scherben, ausgedienten Gegenständen und Steinen auf. Nach ihrem Einzug gruben Renate und Meinrad Rieder die unteren Keller wieder aus. Für die Lagerung von Schinken, Geissenwürsten und Käse aus Eigenproduktion und allerlei Hausrat stehen der vierköpfigen Familie nun insgesamt zehn Keller zur Verfügung. Wie in der Küche sind auch im Keller die Balken schwarz vom Rauch. Damit die Kartoffeln im Winter nicht gefroren, habe man einfach ein Feuer mitten im Raum angezündet, erklärt Hausherr Meinrad Rieder.

Walser in Vals
Vor rund 700 Jahren wanderten die Walser vom Wallis her nach Graubünden ein, errichteten die ersten Siedlungen im Gebiet von Vals. Klima und Landschaft bestimmten die Bauweise ihrer Häuser und prägten Lebens- und Wirtschaftsformen. Deshalb unterscheiden sich die Walserhäuser je nach Gegend und vorhandenem Baumaterial voneinander. Gemeinsam sind allen Häusern die Dächer, die mit Schiefer, Granit oder wie das Riederhaus mit grün schimmerndem Gneis gedeckt sind.

Im Tal und auf terrassierten Hängen baute man Roggen und später Kartoffeln an. An den steilen Borten, wo kein Ackerbau möglich war, weidete das Vieh. Die Valser Bauern hielten sich trittsichere Kühe, Schafe und vor allem Ziegen. Genügsame Tiere, denen noch das magerste Kräutlein gut genug war.

Weil die Wiesen so abschüssig lagen, vermied man es, wenn möglich das Heu weit zu tragen. Stattdessen errichteten die Valser kleine Ställe direkt auf den Weiden
die meist mehrere Familien gemeinsam nutzten. Kühe und Ziegen zogen von Stall zu Stall. War das Heu aufgefressen, ging es weiter. Im Frühling aufwärts und im Herbst hinunter. Während die jungen, kräftigen Bauern im Tal die Feldarbeit erledigten, zogen die älteren mit den Tieren ins Maiensäss, im Sommer auf die Alp und im Herbst wieder hinunter ins Dorf.

Obwohl das Haus der Rieders gross und stattlich wirkt, ist der Bau nicht ein Zeichen von Wohlstand und Reichtum. Die zwei grossen Kamine im Eingang lassen erkennen, dass mindestens zwei getrennte Haushalte darin geführt wurden. Zeitweise seien es sogar drei Familien mit bis zu vierzig Personen gewesen, sagt Renate Rieder. Kritzeleien und Schnitzversuche an der Laubenwand zeugen von längeren Wartezeiten vor dem einzigen Abtritt im Haus. Vor allem am Sonntag vor dem Kirchgang, wenn alle zur selben Zeit aus dem Haus mussten, habe es wohl ein rechtes Gedränge auf der Laube gegeben, vermutet Renate Rieder.

Wie in alten Zeiten
Meinrad Rieder kam erst spät zur Landwirtschaft. Damit hat sich der 54-jährige Schreiner und Berufsschullehrer einen lang gehegten Wunsch erfüllt. Er sitzt am alten Arvenholztisch in der Küche. Ein Topf oder ein Erzhafen, wie man hier sagt, hängt über der Äscheplatte, einer Art Feuerstelle mitten im Raum. Es duftet herrlich nach Holz, Feuer und Polenta. Neben der Feuerstelle steht ein jüngerer Herd, ein deutscher Herd, der vermutlich aus dem 19. Jahrhundert stammt. Rieders haben die Teile auf dem Estrich gefunden und ihn wieder aufgebaut.

Später, wenn die Polenta fertig ist, wird Renate Rieder den Erzhafen auf den Pfannenknecht mitten auf dem Tisch stellen. Dann isst die Familie so, wie man hier einst gegessen hat: aus einem Topf. «Das Besteck waschen wir allerdings heute ab», lacht die 53-Jährige, früher wischte man seinen Löffel an Hemd oder Hose ab und hängte ihn wieder unter die Tischplatte oder steckte ihn in eine Ritze zwischen die Wandbretter aus rohem Fichtenholz. Rieders besitzen noch ein paar von den alten handgeschnitzten Löffeln. Meinrad Rieder hat sie beim Ausgraben der Keller entdeckt.

Polenta statt Roggenbrei
Armut und die abgeschiedene Lage zwangen die Valser, sorgsam mit ihrem Besitz umzugehen und zu reparieren, was möglich war. Trotzdem reichte es nicht immer zum Leben. In schlechten Erntejahren gingen die Vorräte oft schon vor dem Ende des Winters zur Neige. Dann war manche Familie gezwungen, eines der Kinder für Arbeit und Brot auf fremde Höfe ins «Schwabenland» zu schicken.

Da der Weg über den Valserberg eine wichtige Verbindung nach Süden darstellte, arbeiteten viele Valser auch als Bergträger. Im Herbst, wenn die Ernte eingebracht war und die Lärchenwälder goldgelb glühten, stiegen sie die schmalen, ausgetretenen Pfade hinauf und schleppten Käse und andere Lasten über den Grat nach Süden auf die Märkte Norditaliens. Von dort brachten sie Mais, gedörrte Kastanien, Reis, Salz, Zucker und Wein zurück.

Damit haben die Valser einen wertvollen Beitrag zur Bereicherung der Schweizer Esskultur geleistet, und auf dem Pfannenknecht im Riederhaus steht nun ein Topf mit feiner italienischer Polenta statt Roggenbrei.

WEITERE INFORMATIONEN

  • Das Heimatmuseum Gandahus in Vals bietet einen guten Einblick in die Lebensweise der Valser. Öffnungszeiten und Führungen unter 081 920 70 70 oder www.vals.ch
  • Virtuelles Museum und Informationen: www.wir-walser.ch
  • Rieders Fleisch von Gallowayrindern und Burenziegen kann man kaufen.


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Dann schicken Sie uns ein Foto des Hofes und die Adresse an: «Schweizer Familie», Bauernhof, Postfach, 8021 Zürich.


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