Eine Wohnsiedlung setzt ökologische Massstäbe

Die Siedlung Sunny Watt braucht nicht mehr Energie, als sie selber erzeugt. Das schont die Umwelt – und steigert das Wohlsein der Bewohner.

  • Erdwärme, Solarenergie und ökologische Baumaterialien: Die «Sunny Watt» bei Regensdorf ZH und ihre Bewohner.
  • Erbauer der «Sunny Matt»: Architekt Beat Kämpfen, 55.
  • «Allein schon die Wärme des Kochherds kann die Raumtemperatur beeinflussen»: Peter und Petra Münzenmayer mit ihren Töchtern.
  • «So sollten Häuser gebaut werden – seit wir da sind, schlafe ich wie ein Bär»: Patricia Rechberger.
  • Stefan Thomann mit Freundin Bettina Kämpfen, Tochter des Architekten.

Vor den Häusern an der Haldensteinstrasse 20 bis 42 in Watt bei Regensdorf ZH hält nie einer dieser Tankwagen mit Heizöl. Auch Gasleitungen münden keine in die Heizungskeller. Die Häuser scheinen abgeschnitten vom Üblichen. Einst aber soll es in der ganzen Schweiz so wie hier sein: Die Häuser der Überbauung «Sunny Watt» versorgen sich selber mit Energie. Fangen sie ein aus der Tiefe der Erde und aus dem Licht der Sonne. Die Häuser verbrauchen übers Jahr nicht mehr, als sie selber erzeugen. Die Zukunft hat hier bereits begonnen.

«Wir haben vorher in einem konventionellen Bau gewohnt», sagt Patricia Rechberger, 51. Sie betreibt ein Kosmetik- und Fusspflegestudio. «Als uns in Höngg vor die Nase gebaut werden sollte, haben wir uns nach etwas Vernünftigem umgesehen. Mein Mann ist bautechnisch beschlagen. Aber wir sind nicht etwa ‹Holzige›.» Doch die Konzeption von «Sunny Watt» habe sie einfach überzeugt. Die Rechbergers kauften ihre Attikawohnung ab Reissbrett. In «Sunny Watt» kosten die Wohnungen und Reihenhäuser zwischen 800 000 und 1,2 Millionen Franken. Das sind vielleicht 15 Prozent mehr als herkömmliche Rendite- und Spekulationsbauten. Dafür sind die Betriebskosten um 70 Prozent tiefer. Und die Lebensqualität ist höher. Monatliche Nebenkosten für eine vierköpfige Familie: 25 Franken. Patricia Rechberger sagt: «So sollten Häuser gebaut werden. Seit wir da sind, schlafe ich wie ein Bär.»

Diskrete Kraftwerke auf dem Dach

Diese Häuser in Watt wirken nicht wie futuristische Wohnmaschinen, zu sehen sind filigrane, mehrstöckige Bauten. Fast ein wenig brav. Sieben Reihen-Einfamilienhäuser, acht Maisonette-Wohnungen, vier Attika-Wohnungen. Fassaden in Holz, durchaus hübsch, kein architektonisches Spektakel. Wer genauer hinschaut, entdeckt auf den Dächern die diskreten Kraftwerke. Die einen wärmen das Brauchwasser. Die anderen wandeln die energiereichen Strahlen der Sonne in Elektrizität um. Für «Sunny Watt» muss kein neues Atomkraftwerk gebaut werden. Vom Keller aus führen Erdsonden 150 Meter hinein in die Tiefe. Pumpen stehen bereit, um bei Bedarf Erdwärme in die Wohnungen zu bringen. 15 000-Liter-Tanks Wasser speichern die Wärme. Aber der Bedarf ist gering, diese «Heizung» steht meistens still. Petra Münzenmayer, 38, die mit ihrem Mann und den beiden Töchtern in einem der Einfamilienhäuser lebt, sagt: «Allein
schon der Betrieb des Staubsaugers oder die Wärme des Kochherds können die Raumtemperatur spürbar beeinflussen.» Das Klima in ihrem 6-Zimmer- Haus ergibt sich aus einem organischen Zusammenspiel zwischen den Bewohnern, der Technik und der Natur. Die richtige Balance verlangt anfangs eine gewisse Aufmerksamkeit: Was geschieht, wenn die Sonne scheint, wenn das Fenster geöffnet wird, wenn der Backofen läuft? Anderswo werden 18 Grad Raumtemperatur oft als kühl empfunden, in «Sunny Watt» tragen viele bei gleicher Wärme nur ein Hemd.

Wie eine Katze in ihrem Fell

Wer eine dieser Wohnungen betritt, fühlt sich in zuerst unerklärlicher Weise sogleich wohl. Vielleicht wie eine Katze in ihrem Fell. Das «Fell» von «Sunny Watt» besteht aus den 35 Zentimetern Steinwolle – auch bei tiefer Winterkälte ziehen keine kalten Wände einem die Wärme aus dem Leib. Die «Knochen» des Hauses, also tragende Elemente und Wände, sind aus Holz. Die «Augen» sind dreifach verglaste, sehr grosszügig bemessene Fenster. Licht, viel Licht ist in den Räumen. Das macht das Dasein offensichtlich freundlich und offen. Scheint winters die tief stehende Sonne in die Räume, findet sie in den mattschwarzen Schieferböden einen kräftigen Speicher. Die Decken aus naturbelassenem Holz bringen Stimmen und Geräusche in ein trautes Volumen. Die Luft, die in die Wohnräume geleitet wird und über Bad und Küche wieder austritt, ist weit weniger mit Staub und Partikeln belastet als in konventionell gebauten Räumen. Winters wird der Luft bei ihrem Austritt die Wärme flugs wieder abgeknöpft. Über einen Wärmetauscher. Das ist ein Wohnen in fein ausbalancierter Ambiance. Und Wohlbefinden als Ergebnis kühler Berechnung – aber auch uralter Erkenntnisse.

Beat Kämpfen, 55, der an der ETH Zürich und in Kalifornien Architektur studierte, hat vor «Sunny Watt» viele Häuser mit günstigen Energiebilanzen gebaut oder renoviert. Sogenannte «Minergie»-Häuser. «Minergie» ist ein anerkanntes Label, das nach klaren Regeln die Umweltfreundlichkeit eines Hauses definiert. Kämpfens Sitzungszimmer ist reich dekoriert mit Auszeichnungen für seine Pionierarbeit. «Ich verdächtige mich», sagt er, «so etwas wie ein Rekordhalter in Solarpreisen zu sein.» Das sei aber auch nicht schwierig in der Schweiz. «An der ETH habe ich nichts gelernt über die Sonne.» Kämpfen erzählt, dass er in einem Elternhaus aufgewachsen ist, das gewiss schlecht isoliert gewesen sei, aber die Sonne, sagt er, die Sonne habe das Haus erfüllt. Und er spüre seine Wurzeln zudem im Wallis, in den Rebbergen seines Grossvaters. Die sind ja auch voll von Sonne. Das alles habe ihn geprägt. Und: Er schaut sich immer wieder mit Begeisterung die Bauweise alter Häuser genau an. Ohne über moderne Technologie verfügen zu können, haben die damaligen Baumeister sehr gut gewusst, wie ein Haus optimal hingestellt und gebaut werden muss, damit die Menschen sich wohlfühlen und möglichst wenig kostbares Brennholz in den Ofen wandert.

Dank eines Stipendiums des Möbelhauses Ikea hat Beat Kämpfen nach der ETH in Kalifornien weiter studieren können. «Das war für mich entscheidend, Kalifornien war Anfang der 1980er-Jahre in Solartechnologie vorne.» 2001 baute Beat Kämpfen das erste Null-Energie-Mehrfamilienhaus in der Schweiz. «Es musste mein Idealhaus sein, denn ich war mir sehr wohl bewusst, dass an seiner Stelle ein schönes Einfamilienhaus hatte fallen müssen.» Er nannte das viergeschossige Holzhaus «Sunny Woods». Obwohl es an einer erstklassigen Lage stehe, sagt Kämpfen, hätten sich die Leute damals nur sehr zögernd dafür entschliessen können. Holz? Das knarrt doch, nicht?

Weltelite im modernen Holzbau

Beat Kämpfen weist auf eine Tatsache hin, die wohl nur Fachleuten bekannt ist: «Im Umkreis von einhundert Kilometern rund um den Bodensee arbeitet heute die Weltelite im modernen Holzbau.» Sehr gute Berufsleute, eine lange Tradition, hohe Zuverlässigkeit und Planungskompetenz ergeben eine offenbar unschlagbare Mischung. Die Hölzer werden aufgesägt und verleimt. Verleimt mit biologisch unbedenklichem Leim. «Sunny Watt» ist zu einem wesentlichen Teil in der Werkhalle einer Holzbaufirma entstanden. Fertigelemente in Holz, unter besten Arbeitsbedingungen hergestellt, auf zwei Millimeter genau gefertigt – wo sonst eine Baugenauigkeit von einem Zentimeter als genügend gilt. Die Holzhäuser von Beat Kämpfen knarren nicht. Patricia Rechberger sagt: «Wir hören gar nix, weder drinnen noch von unten, noch von vis-à-vis.» Peter Münzenmayer, 38, verrät: «Im Winter befeuchten wir die Luft ein wenig, damit das Holz keine Spannungsrisse bekommt.» Stefan Thomann, 26, IT-Berater, sagt: «Wenn die Sonne in die Wohnung scheint, stellt sich bei mir sofort ein Feriengefühl ein. Die Kollegen, die beneiden einen schon ein wenig um diese Wohnung.»

 

 

 

Minergie – Qualitätslabel für umweltfreundliches Bauen

Die Marke Minergie ist ein geschütztes Schweizer Qualitätslabel, das für umweltfreundliche neue und erneuerte Bauten vergeben wird. Sie wird von Wirtschaft, Kantonen und Bund getragen. Das wichtigste Kriterium ist die rationelle Nutzung von erneuerbaren Energien (Holz, Sonne, Erdwärme) bei gleichzeitiger Verbesserung der Wohnqualität. Die Baukosten müssen zudem konkurrenzfähig sein gegenüber herkömmlichen Bauten. Es gibt drei Qualitätsstufen: Minergie, Minergie-P und Minergie-Eco.

Minergie: Die Gebäudehülle und die Haustechnik werden als gemeinsam wirksames System betrachtet. Für den Energiehaushalt gibt es Grenzwerte. Ein kontrollierter Luftaustausch muss ganzjährig möglich sein. Im Sommer dürfen sich die Räume nicht überhitzen.

Minergie-P: Das P steht für plus und weist darauf hin, dass die Anforderungen höher sind. Ein Minergie- P-Haus spart noch mehr Energie. Ein solches Haus ist von der Hülle bis zu den Apparaten konsequent geplant und gebaut. Die Mehrkosten dürfen aber nicht 15 Prozent über einem herkömmlich konstruierten Bau liegen.

Minergie-Eco: Häuser der ersten beiden Kategorien können zusätzlich das Eco-Label bekommen, wenn die Baumaterialien ökologisch gewonnen und gesundheitlich unbedenklich eingesetzt werden. Das betrifft etwa Farben, Leime und Hölzer. Die im Hauptartikel beschriebene Liegenschaft «Sunny Watt» hat das Label Minergie-P-Eco erhalten. Zertifizierungsstellen gibt es in jedem Kanton.

 

Informationen Minergie

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