Strohballenhaus - Wie ein Haus ohne Heizung auskommt

Eine Familie am Bielersee wünschte sich ein Haus aus regionalen Materialien. Ihre Wahl fiel auf Stroh. Ein mit diesem noch eher unbekannten Baustoff gedämmtes Haus kommt ohne Heizung aus. Und durch den Lehmverputz bleibt es im Innern auch im Sommer angenehm kühl.

  • Nach den Verputzarbeiten ist von den Strohballen nichts mehr zu sehen
  • Die Strohballen-Dämmung wird mit einer Lehmschicht verputzt.
  • Stefan Tschannen ist stolz auf die dreihundertjährige Holzstütze im Wohnzimmer.
  • Die gepressten Strohballen weisen eine hohe Isolierfähigkeit auf.
  • Als Trägermaterial für den Verputz dienen Schilfmatten.
  • Die Strohballen werden in ein Gerüst aus Holz geschichtet.
  • Stefan Tschannen hat das Haus selber entworfen und vieles mit der Hilfe von Familie und Freunden auch selbst gebaut.
  • Holz dominiert im Wohnzimmer mit Essküche...
  • ..wie auch in den Schlafzimmern im ersten Stock.

Wronka Schneider-Ludorff und Stefan Tschannen leben mit ihren Kindern in ihrem Traum. Sie wünschten sich ein Haus aus Materialien, die in der Gegend
erhältlich waren. Ergänzt mit Baustoffen, die bereits einmal verwendet worden waren. Der Verbrauch an grauer Energie, also der Energie, die bei Herstellung, Transport, Lagerung, Verkauf und Entsorgung benötigt wird, sollte möglichst klein ausfallen. Ihr neues Haus sollte zudem einmal mehr Energie produzieren, als es verbraucht. Und multifunktional sein. Die Raumaufteilung – jetzt für die Familie mit ihren drei Kindern Yemaja, Maiyun und Miromoo geeignet – sollte später einmal ohne grossen Aufwand den Anforderungen eines Mehrparteienhauses angepasst werden können.

Der Wirklichkeit gewordene Traum steht in Erlach am Bielersee. Seit Jahrhunderten haben die Menschen in dieser Region ihre Häuser aus Schilf, Stroh, Holz,
Steinen und Lehm gebaut. Wurde ein Haus abgebrochen, verwendete man das Material wieder für ein neues Haus. Was sich so lange bewährt hat, wird heute dank neuer Technologien und Methoden auch den Bedürfnissen einer modernen Familie gerecht. Deshalb entschied sich das Paar für ein Strohballenhaus und traf auf den Architekten Werner Schmidt aus Trun.

Werner Schmidt hat schon mehrere Häuser aus Strohballen gebaut und damit positive Erfahrungen gemacht. Denn Stroh ist aus vielen Gründen ein ideales
Baumaterial. Es wächst in unseren Breitengraden und ist recycelbar. Die grossen, gepressten Ballen weisen eine hohe Isolierfähigkeit aus. Ein so gedämmtes Haus kommt ohne Heizung aus. Die Dämmwerte sind sogar besser als bei einem Haus nach Minergie-P-Standard.

Bei einem solchen Haus darf der Energieverbrauch nur 30 kWh pro Quadratmeter und Jahr betragen. Das bedeutet, dass ein Minergie-P-Haus eine extrem dichte Hülle besitzt. Doch im Gegensatz zum Minergie-P-Gebäude ist das Strohhaus, sofern es mit einem durchlässigen Material wie Lehm verputzt wird, diffusionsoffen, lässt also Feuchtigkeit passieren. Die gepressten Strohballen halten einiges an Gewicht aus und können wie Backsteine neben- und aufeinandergestapelt werden. Das ist die lasttragende Bauweise. Eine weitere Möglichkeit ist ein Ständerbau. Dabei werden die Strohballen in ein Gerüst aus Holz geschichtet, ähnlich wie bei einem Riegelhaus. Die Familie entschied sich für die zweite Variante. Nicht zuletzt, weil Stefan Tschannen als ausgebildeter Zimmermann für den Bau einer Holzkonstruktion bereits viel Erfahrung und Können mitbrachte.

Baumaterial mit Geschichte

Vor einem Jahr begann man mit dem Bau. Heute lebt die Familie darin. Das Haus hat Stefan Tschannen selber entworfen und geplant. Und vieles hat er mit Hilfe von Familie und Freunden auch selbst gebaut. «Sogar die kleine Yemaja packte mit an und kippte den Sand mit ihrem Kinderschubkarren ins Wohnzimmer. Und Miromoo legte Ziegel aufs Dach», erzählt Wronka Schneider-Ludorff und blickt aus den riesigen Fenstern in den noch nicht fertigen Garten.

Von der Gluthitze draussen merkt man nichts. Drinnen im Haus ist es angenehm kühl. Der Lehmverputz temperiert und reguliert die Feuchtigkeit. Das Haus ist gut isoliert – auch innen. Von den Kindern, die im oberen Stock spielen, hört man nichts. Wohnesszimmer und Küche sind ein einziger grosser Raum. So gross, dass Wronka Schneider-Ludorff auch zu Hause ihrer Arbeit als Kunst- und Tanztherapeutin nachgehen kann. Dass die Küchenzeile aus der Bauteilbörse stammt und ursprünglich nicht für das Strohballenhaus konzipiert war, merkt man nicht. Der Hausherr hat sie perfekt in den Raum eingepasst.

Auch der Parkettboden hat eine Geschichte. Furchen und Kratzer zeugen von seinem ersten «Leben» im Gasthof Bären in Laupen. Der Boden war eine Knacknuss, selbst für den Holzfachmann Tschannen. Unzählige Stunden habe er mit dem Einbau des Parketts verbracht. «Nicht vorstellbar, wie teuer dies gekommen wäre, hätte ich hier nicht selbst Hand angelegt», sagt er und klopft an eine geschnitzte Holzstütze, die mitten im Raum steht und diesem etwas Sakrales verleiht. «Dreihundert Jahre alt ist sie und niemand weiss, wo sie früher einmal gestanden hat.»

Der Herd in der Küche ist Notofen zugleich. Falls es einmal zu kalt sein sollte, wird mit Holz gekocht. Die Wärme des Herds wird dann direkt in einen solarunterstützten Wärmespeicher geleitet, der sich im Wohnzimmer befindet und als Heizkessel für das ganze Gebäude dient.

Auch die Gartenplatten, die unter dem Secondhand-Fertigparkett im ersten Obergeschoss verlegt wurden, dienen der Speicherung von Wärme. Warmwasser liefern modernste Vakuum-Sonnenkollektoren, Strom die wiederverwendeten Solarzellen auf dem Dach.

Ängste und Vorbehalte

Die Idee des Strohballenhauses ist nicht neu. Anfang 1900 baute man die ersten derartigen Häuser in den USA. Aus dieser Zeit sind Kirchen, Museen und Einfamilienhäuser aus Stroh erhalten geblieben, und zwar ohne merkliche Bauschäden. In Europa hat die Idee des Strohballenhauses erst in den 1970er-Jahren die ersten Anhänger gefunden.

Obwohl mittlerweile in Deutschland, Österreich, Italien und in der Schweiz einige Strohballenhäuser stehen, sind die Ängste und Vorbehalte gegenüber dem nachwachsenden Rohstoff immer noch gross. Zum Beispiel die Angst vor dem Feuer, denn Stroh brennt bekanntlich gut.

Doch Fachmann Werner Schmidt winkt ab: «Wenn die Wände fertig verputzt sind, erfüllen sie die Feuerwiderstandsklasse F90, das entspricht einer
25 Zentimeter dicken Betonwand.» Auch in Bezug auf Ungeziefer gibt der Architekt Entwarnung. «Strohwände sind kein geeignetes Umfeld für Tiere. Für Mäuse sind die Ballen zu stark verdichtet, um einen Nestbau zu ermöglichen. Ausserdem sind die Wände beidseitig durch eine fünf Zentimeter dicke Lehmputzschicht geschützt. Gemäss einer Untersuchung meiden selbst Termiten Strohwände.»

Den Härtetest im Winter hat die Familie noch vor sich. Doch Wronka Schneider- Ludorff und Stefan Tschannen sind zuversichtlich. «Einschränken werden wir uns nicht müssen. Im Gegenteil. Zum Kochen können wir in unserem Haus sogar unter vier Möglichkeiten auswählen: Bei Sonnenschein mit Strom vom Dach oder mit dem Solarkocher draussen, im Winter mit Holz oder wenn kein Solarstrom zur Verfügung steht, es aber noch zu warm ist, um zu heizen, gibt es noch einen Gasherd. Wer hat das schon!»

 

 

BUCHTIPP

  • Bauen mit Stroh. Helmuth Santler, Astrid Gruber, oekobuch-Verlag, 21.90 Franken
  • Handbuch Strohballenbau. Gernot Minke, oekobuch-Verlag, 39.50 Franken

 

 

Baumaterialien – fürs Strohballenhaus Tschannen in Erlach

 

  • Wände: Stroh- und Schilfballen, Lehmsteine, Schilfmatten, maisgebundene Holzfaserplatten, Schafwolle, Verputz mit Kalk und Lehm.
  • Fundament: Recylingbeton.

 

  • Bodenschüttung: Schaumglas (Altglas).
  • Solarzellen: Stammen von der damals grössten dachintegrierten Solaranlage der Schweiz im Wankdorfstadion in Bern.
  • Bauteilbörse: Böden, Türen, Decken, Balken, Küchenzeile, Mobiliar Bad und WC stammen aus Abbruchhäusern.
  • Neuanschaffungen: Neu angeschafft wurden der Kühlschrank und die Waschmaschine, die gegenüber alten Geräten einen deutlich niedrigeren Energieverbrauch aufweisen. Ebenfalls neu sind Fenster und Haustüre mit den besten Dämmwerten.

 

 

 

Rund ums Strohballenhaus

Kosten für ein Strohballenhaus Unter Mithilfe der Bauherrschaft etwa gleich wie ein herkömmliches Haus. Der finanzielle Vorteil ergibt sich später, da die Heizkosten wegfallen.

Architekten mit Erfahrung

  • Architekturbüro Degen, Hettenbach, Müller, Therwil www.dhmar.ch

 

Gebrauchte Baumaterialien

Böden, Treppen, Zimmertüren usw. www.bauteilboerse.ch

 

 

 

Sie können mehrere Adresse einfügen, trennen Sie diese mit Kommas.
Empfehlung von (Ihr Name)
(Ihr Name) möchte Sie auf einen Inhalt der Webseite schweizerfamilie.ch aufmerksam machen.
Die E-Mail-Adresse wird nicht öffentlich angezeigt

Familienfreundliche Restaurants

Schweizer Familie auf Facebook

Fan werden

Ausflugs-Börse

Für jeden etwas dabei