Slow TV: Waldrappe und Bartgeier




 
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Entschleunigen und entspannen

Slow TV ist englisch und heisst langsames Fernsehen. Fernsehen, das die totale Entschleunigung zum Programm hat. Weil nichts beschleunigt wird, weder durch Schnitt einer Szene noch durch Auslassung ganzer Sequenzen, die langweilig erscheinen. Alles erfolgt in Echtzeit.

Eine Minute in der Realität dauert im Film 60 Sekunden. Brütet ein Vogel drei Stunden am Stück, sehen die Zuschauer den Vogel drei Stunden lang brüten. Es ist der Gegenentwurf zu einer technologisierten Welt, welche die Geschwindigkeit zur Maxime erhoben hat.

Slow TV erlaubt uns einen unverstellten Blick auf die Natur. Und verändert unsere Beziehung zu ihr. Es ist ein Unterschied, ob wir in einem Dokumentarfilm ein paar Minuten einem Vogel brüten sehen oder ob wir ihn über Tage und Wochen beobachten, wie er fürsorglich seine Küken grosszieht. Mit der Zeit entwickeln wir eine persönliche Beziehung zum Tier.

Nehmen wir Shorty. Der Waldrapp kam beim Zug in den Süden von der Route ab und strandete in der Schweiz. In einer Umgebung, die im Spätherbst für eine Überwinterung zu kalt und zu nahrungsarm ist. In kürzester Zeit meldeten sich Leute, die Shorty gesehen haben, es kam zu einer grossangelegten Einfangaktion, die im Internet vom mehreren tausend Menschen verfolgt wurde. Heute hat Shorty 4000 Freunde auf Facebook. Das Leben des Waldrapp-Weibchens wurde zu einem Schicksal, an dem die Menschen Anteil nahmen. «Diese Tiere sind keine gesichtslosen Vertreter einer Art mehr», sagt Alexander Pschera, Autor des Buches «Das Internet der Tiere», „sondern Wesen aus Fleisch und Blut. Das Tier gehe uns nahe, weil wir am konkreten Individuum plötzlich das Problem seiner Art verstünden. «Ein einzelnes Tier kann so zum Botschafter werden.»