Jörgs Gespür für Schwäne

Sie erkennen ihn schon von weitem, suchen seine Nähe und lassen sich streicheln: Schwäne haben zu Jörg Leuenberger eine besondere Beziehung. Wieso das so ist, weiss der Pensionär nicht. Sie mögen ihn, er mag sie, das genügt.

  • Wo Jörg Leuenberger ist, sind auch Schwäne.
  • Jörg Leuenberger weiss nicht, weshalb Schwäne seine Nähe suchen.

Alles schien wie immer. Und doch verhielt sich Johnny an diesem Nachmittag anders. Zielstrebig watschelte der mächtige Schwan zu Jörg Leuenberger, der auf einer Uferbank der Werdinsel bei Stein am Rhein SH sass. Mit dem Schnabel stupste ihn der Vogel am Ärmel. Dann machte er kehrt und ging zurück zum Wasser. Verblüfft sah Leuenberger zu den Büschen, hinter denen sein gefiederter Freund verschwunden war. Da tauchte Johnny wieder auf – neben sich sein Weibchen und zwei flauschig graue Jungtiere. Bei Leuenbergers Bank liess sich die Familie nieder. «Jetzt verstehe ich, du willst mir deine Kinder zeigen», sagte der 68-jährige Pensionär und fuhr sanft über Johnnys Brust.

Jörg Leuenberger ist der Freund der weissen Wildvögel. Ruft er nach ihnen, kommen sie und lassen sich berühren, schmiegen ihren Hals an seine Hand und stecken den Kopf tief in den Ausschnitt seiner Jacke. Das ist weitherum bekannt. «Jörg ist unser Schwanenflüsterer», sagt Galliano Comuzzi, Wirt in der Eschenzer «Krone ». «Hätte ich es nicht mit eigenen Augen gesehen, könnte ich nicht glauben, wie nah die Tiere ihn an sich heranlassen.» Selbst für Schwanenforscher ist Leuenbergers Beziehung zu den Schwänen  aussergewöhnlich. «Es gibt nur wenige Menschen mit diesem Gespür für die Tiere», sagt der Berner Zoologe Peter Lüps. Wissenschaftlich erklären lasse sich das nicht. «Es liegt  an der Wirkung, am Umgang, den Bewegungen und der Stimme eines Menschen.»

Warum die Schwäne gerade zu ihm Vertrauen gefasst haben, kann sich Leuenberger nicht erklären. Er, der vor ein paar Jahren entdeckte, dass die Schwäne seine Nähe
suchen, will es auch nicht. «Ich weiss nicht, was in ihren Köpfen vor sich geht, aber ich mag sie, und sie mögen mich. Das genügt mir.» Er geniesse die Beziehung zu den «stolzen Tieren». Im Sommer etwa legt sich in der Badi in Stein am Rhein ein Schwanenpärchen neben ihn, während er in der Sonne döst. Geht er ins Wasser, begleitet ihn das Weibchen. Das Männchen setzt sich derweil auf sein Badetuch. «Uns verbindet eine Freundschaft», sagt Leuenberger. Die Schwäne geben ihm Ruhe.

Doch Freundschaft sei nicht alles, was die Tiere ihm schenken. Sobald er über den Holzsteg zur Werdinsel geht, hellt sich sein Gesicht auf, die dunkelbraunen Augen glänzen. Er, der sonst gerne mit seinem schweren Motorrad über die Strassen braust oder im Walzerschritt übers Parkett gleitet, atmet durch. Die Schwäne geben ihm Ruhe. So wie heute. Leuenberger hat eine Stunde in der Kälte bei seinen Freunden verbracht. Jetzt will er heim. «Tschau Johnny», sagt er zum Männchen. Beide Schwäne strecken gleichzeitig den Hals in die Höhe und machen einen Grunzlaut. Als Leuenberger sich auf den Heimweg macht, gleitet das Pärchen dem Steg entlang übers Wasser.

VORSICHT BEI WILDVÖGELN!
Schwäne sind keine Streicheltiere. Versuchen Sie nicht, wie Jörg Leuenberger, die Tiere anzufassen. Mit ihren kräftigen Flügeln können sie zudringlichen Menschen einen Knochenbruch zufügen. Vorsicht ist geboten, besonders wenn die Schwäne Junge haben. Beginnt der Schwan zu fauchen, bewahren Sie Ruhe, und treten Sie vorsichtig einige Schritte zurück. Kinder sollten nicht ohne Aufsicht in der Nähe von Wildvögeln spielen.

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