Der zähe Nebel will sich nicht lichten. Seit Tagen hockt er über dem Silsersee im Oberengadin, verschluckt den Weiler Isola, seine Häuser und Ställe, seine herbstlich verfärbten Lärchen und Alpweiden. «Die Malojaschlange», sagt Bergbauer Fluri Cadurisch und blickt von der Eckbank in der warmen Küche nach draussen, «sie kommt über den Pass. Da kann man nichts machen.»
Er nicht – wohl aber die 90 Geissen, die der 48-Jährige mit seiner Frau Vreni und den Töchtern Bettina und Irene hält. Die flinken Tiere haben Reissaus genommen, Fluri hat sie an der Sonne im hochgelegenen Val Fedoz gesichtet. «Sie mögen Disteln, Bergkräuter und Wacholderstauden, die sie dort oben im Spätherbst noch finden», weiss Vreni Cadurisch, 44, «die kommen nicht so schnell wieder runter.»
Sie müssen auch nicht. Cadurischs Strahlenziegen führen ein freies Bergleben. Weiden am Silsersee, bewacht von Herdenschutzesel Mörin, steigen nach Lust und Laune den besten Bergkräutern nach in die Hochtäler. «Unsere Geissen sollen es gut haben», sagt Vreni Cadurisch. So geben sie auch die beste Milch, die sie von Mai bis September zu Käse verarbeitet – Lebensgrundlage der Familie: Der Bio-Ziegenkäse aus Isola ist weit herum bekannt. Die ersten Häuser und Fachgeschäfte im Tal reissen sich um die Halbkilolaibe, das Fünfsternehotel Waldhaus in Sils etwa oder die Sennerei in Pontresina. Auch Käsehändler aus dem Unterland, aus Luzern, Stans und Zürich etwa, gehören zur Kundschaft.
Immer wieder klopfen auch Wanderer direkt an die Haustüre des schmucken Häuschens der Cadurischs. «Ich hab schon Wanderer erlebt, die beissen in den Käse wie in einen Apfel – und während ich noch Tipps zur Lagerung gebe, ist der Käse gegessen», erzählt Vreni Cadurisch. Andere wiederum, Feriengäste aus Mailand, reservieren ganze Tagewerke, noch bevor sie produziert sind. «Das macht mir schon Freude. Dabei führen wir lediglich die alte Käsetradition von Isola weiter.»
Das Leben auf den Kopf gestellt
Isola war über Jahrhunderte das Maiensäss der Bergeller – Alpnomaden, die ihren Kühen und Geissen folgten. Im Frühsommer trieben sie ihre Tiere über den Maloja hinauf auf die Weiden am Silsersee, füllten die Gaden mit Heu und kästen. Im Herbst zogen die Familien wieder talwärts und verfütterten den
Tieren, was die Bergeller Matten bis Weihnachten hergaben. Dann zogen die Männer mit den Herden erneut hinauf nach Isola, kämpften sich durch den Schnee, verfütterten das gelagerte Heu und kehrten erst wieder heim, wenn die Märzsonne das Bergell vom Schnee befreit hatte. Ein karges Dasein mit vorgegebenem Jahresrhythmus, dem auch Ettore und Ines Rogantini folgten. Sie waren die Vorgänger der Cadurischs, die das Leben des jungen Paares vor 20 Jahren auf den Kopf stellten.
Fluri war damals Schreiner unten am See in Sils, Vreni wohnte oben am See in Maloja und arbeitete im Samedaner Spital. Er träumte von einer Existenz in Kanada, sie nach Matura und Krankenschwesterausbildung von einer beruflichen Tour de Suisse. Bis Fluri eines Abends buchstäblich in ein anderes Leben trat und seinen Aussteigertraum in Kanada mit einem modernen Bauernleben im Engadin eintauschte.
Der härteste Winter ihres Lebens
Der 27-Jährige war zu Fuss zu Vreni unterwegs, und als er Isola passierte, sprach ihn Ines Rogantini an. Sie weinte. Ihr todkranker Ettore lag unten im Stall, er hatte keine Kraft, die vier Kühe zu Ende zu melken. Der junge Bauernsohn aus dem Domleschg packte an. «Ines bat mich, am nächsten Morgen auf dem Weg zur Arbeit erneut zu melken. So ging das einen Monat lang weiter», erzählt er.
Die Bergellerin beobachtete den kräftigen Schreiner genau – und fragte eines Abends unvermittelt, ob er den Betrieb übernehmen wolle. Fluri Cadurisch strahlt noch heute, wenn er berichtet, wie Vreni an jenem Abend reagierte: «Ihr erster Satz war: Ja sicher, das machen wir.» Die beiden verkauften sämtliche Möbel der Wohnung in Maloja, Massanfertigungen von Fluri. Damit konnten sie die vier Kühe, das Jungvieh und die paar Strahlengeissen bezahlen, deren Preis der alte Ettore noch ausgehandelt hatte.
Einen weiteren Monat später zog das junge Paar in der Alphütte ein – und erlebte den härtesten, aber auch schönsten Winter seines Lebens. «Draussen heulte der Wind mit minus 30 Grad über den See, und drinnen zog es durch alle Ritzen und blies uns die Kerzen aus», erinnert sich Vreni Cadurisch. Einziger Luxus war ein Holzofen aus Eisen, auf dem auch gekocht wurde.
Eine alte Art des Käsens
Nach einem langen Winter zog der Frühling ins Land. Vreni Cadurisch, die als Kind oft bei Verwandten im Simmental beim Käsen geholfen hatte, lernte von Ines Rogantini, wie man Mascarpin macht – eine alte Art des Käsens in den südlichen Alpen. «Eine sehr einfache Art auch», sagt die heutige Hausherrin und macht es gleich vor: Auf dem Holzofen kocht sie Milch im Kessi auf, gibt statt des üblichen Labs gesäuerte Molke hinzu, schöpft mit der Kelle die ausgefällte Eiweissmasse ab und presst sie in runde Förmchen. Die Masse wird zwei, drei Stunden abtropfen und dann eingesalzen – und fertig ist der Mascarpin, der bis zu einem Jahr gelagert werden kann.
- Seite 1 | 2
- Nächste Seite ›


























