Gasthof Kreuz in Belp bei Bern. Hier kann man gediegen essen. Jedoch nicht übernachten. Wirklich nicht? Immerhin hausen doch gegen hundert Gäste unter dem Dach! Doch wenn die Dämmerung anbricht, verlassen sie die Herberge. «Dort oben, unter dem Dachgiebel werden sie gleich rauskommen», sagt Fritz Bigler.
Der pensionierte Luftfahrtinspektor muss es wissen. Seit 15 Jahren widmet er sich den Fledermäusen, macht Zählungen, mistet im Winter ihre Quartiere aus, redet mit Hausbesitzern und hält Vorträge. Die Kolonie von Breitflügelfledermäusen in Belp hat er selber entdeckt.
Fledermäuse sind nicht jedermanns Lieblingstiere. Doch eine immer grössere Zahl von Leuten beginnt sich für die geheimnisvollen Nachtwesen zu interessieren. Am kommenden Wochenende findet bereits zum 14. Mal die europäische Fledermausnacht statt (siehe Hinweis am Schluss).
Was nachts unterwegs ist, war den abergläubischen Menschen früher unheimlich. Der Bauer nagelte die Fledermaus lebendigen Leibes ans Scheunentor,
um das Böse zu vertreiben. Der Kriegsherr liess Fledermäuse in flüssiges Blei werfen, was daraus gegossenen Kanonenkugeln Treffsicherheit verleihen
sollte. Denn Fledermäuse fliegen ja auch zielsicher durch die dunkle Nacht. Quacksalber schliesslich brauten aus Fledermausherzen einen Zaubertrank, der gegen allerlei Zipperlein und Impotenz helfen sollte.
Gefrässige Nützlinge
Berichte von Weltreisenden über blutsaugende Fledermäuse in Süd- und Mittelamerika verstärkten den Aberglauben und die Abscheu. Tatsächlich leben dort drei Arten von Vampirfledermäusen, die sich nachts an schlafende Kühe oder Hühner machen. Sie knipsen mit den Zähnen ein Stückchen Haut weg und lecken die Blutstropfen auf. Einen Menschen würden die zierlichen Tiere nie anfallen. Das hielt den Schriftsteller Bram Stoker jedoch nicht davon ab, 1897 die Romanfigur «Dracula» zu ersinnen. Seither geistert der Mythos des Vampirs durch Bücher, Filme und die Angstträume der Menschen.
Die drei Vampirfledermausarten sind eine verschwindend kleine Minderheit. Von den weltweit über 1000 Fledermausarten fressen 50 Nektar und Pollen, etwa 230 Arten ernähren sich von Früchten. Der überwiegende Teil, rund 700 Arten, vertilgt Insekten. So auch sämtliche 30 in der Schweiz vorkommenden Fledermausarten. Sie sind äusserst nützlich. Sie fressen unzählige Mücken, Fliegen, Käfer und Nachtfalter, darunter auch einige Schädlinge. «Die Fledermäuse haben grossen Appetit. Pro Nacht vertilgen sie bis zu einem Drittel ihres eigenen Gewichts an Insekten», sagt Fledermauskenner Fritz Bigler.
Er hat ein Gerät dabei, einen sogenannten Fledermausdetektor. Damit lassen sich die Stimmen der Fledermäuse hörbar machen. Die meisten Laute der Tiere sind im Ultraschallbereich, also unhörbar für das menschliche Ohr. Der Fledermausdetektor transformiert die Geräusche so, dass wir sie hören können.
Es dämmert langsam, und plötzlich kommt Leben in die Bude. Der Fledermausdetektor beginnt zu knattern. «Vermutlich jassen sie jetzt aus, wer zuerst
raus darf», erklärt Fritz Bigler. Und schon schwebt die erste Fledermaus vom Dach, flattert eine Runde und entschwindet Richtung Belpberg. Eine zweite folgt und eine dritte. Fritz Bigler registriert sie alle mit einem Handzähler. Dort drüben fliegt auch noch eine. Aber wo kommt die denn her? «Das ist eine Zwergfledermaus. Die häufigste Fledermausart bei uns», weiss Fritz Bigler. Die komme von einem andern Tagesversteck.
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