«Eine Herde zu führen ist Knochenarbeit»

Die Hirtenfamilie Cadenazzi führt ein Nomadenleben: Jedes Jahr zieht es sie bergwärts. Mit 1200 Schafen, sieben Hunden, einem Pferd, einem Esel und einem halben Dutzend Ziegen.

Der Hund bellt ein paar Schafe an, die sich Richtung Strasse aufmachen, und Michael Cadenazzi ruft: «Moro, cuccia!» - «Moro, sei ruhig!» Der Hirte treibt die Schafe zurück und beruhigt den Hund. Mit den Hunden spricht er Bergamaskerdialekt, die traditionelle Sprache der Schäfer. Hier oben im Hochtal von Ursern nahe der Wetter- und Wasserscheide, dem Grenzpunkt zwischen Nord- und Südschweiz, zwischen Ost- und Westschweiz, vermischen sich die Dinge: Deutsch und Italienisch, Gletscherwasser und Quellwasser, moderne Zivilisation und uraltes Nomadenleben.

 

Sobald im April der Schnee schmilzt, hält die Hirtenfamilie Cadenazzi nichts mehr in ihrer Mietwohnung im Dorfkern von Hospental UR. Dann ziehen Michael, 38, Bea, 37, und die Kinder Mena, 7, Mauro, 5, Nando, 2, im Wohnwagen talaufwärts. Mit ihnen eine Schafherde, sieben Hunde, ein Pferd, ein Esel, ein halbes Dutzend Ziegen. Stufe um Stufe rücken sie vor ins Witenwasserental. Dieses einsame, baumlose Seitental mit Grenzgipfeln zum Tessin ist im Sommer von Schafen, Rindern und einigen Älplern bewohnt - im Winter trifft man ab und zu Skitourenfahrer. Weite, bucklige Hügelkuppen, Erlenstauden, Granit, Steine und Wasser bestimmen das Bild. Im Hochsommer macht die Schäferfamilie Quartier auf der Isenmannsalp auf 2300 Metern. Dort wohnt sie in einer Containerhütte und im Zelt. Gegen Herbst fährt sie mit den Wohnwagen wieder etappenweise tiefer. Die Wanderzeit geht zu Ende. Schon mehrmals waren sie eingeschneit, die Schafe mussten ihre Nahrung unter dem Schnee hervorscharren. Cadenazzis Wagenpark steht bei der Strasse eingangs des Witenwasserentales in Nachbarschaft von zwei verlassenen Trainställen des Militärs. Die Kinder kraxeln herum, Wäsche flattert, ein Brunnen plätschert, Ziegen bimmeln, und der Geissbock verströmt strenges Parfüm.

 

«He, nicht mehr weitergehen!»

Zum Mittagspicknick fährt Bea mit den Kindern einige Kilometer hinunter nach Realp, wo ihr Mann die Herde auf einer abgemähten Wiese beim Skilift weiden lässt. Die Bauern erlauben diesen Weidegang auf ihren Wiesen, denn wenn alles sauber abgefressen ist, vermehren sich die Feldmäuse weniger. Rund 7000 Schafe werden zwischen Oberalp-, Gotthard- und Furkapass jedes Jahr gesömmert. Cadenazzis Herde zählt im Sommer 1200 Tiere und gehört zu den grössten Schafherden der Schweiz. Die meisten hütet er für Bauern aus dem Unterland. Auch wenn sie ruhen oder friedlich grasen, behält der Schafhirt seine Herde stets im Auge. Auf dem Dach des Geländewagens führt er eine moderne Einzäunungsvorrichtung mit. Vorne am Wagen prangt der gehörnte Schädel eines Walliser Schwarznasenschafs. «Einfach so», antwortet er auf die Frage, ob das eine Bedeutung habe. Es müsse nicht alles einen Grund haben. «He, nicht mehr weitergehen, sonst laufen die Schafe weg!», ruft er einigen Touristen zu, die sich der Herde nähern. Sofort erheben sich die liegenden Schafe. «Es sind sensible Tiere, sie reagieren sofort auf Leute, die sie nicht kennen», erklärt der Hirte.

 

Im Talboden wachsen noch grüne Halme. Weiter oben sind die Hänge bereits bräunlich und nehmen je nach Sonnenlicht eine gelbrötliche Färbung an. Die Herbstwanderer freuen sich am Farbenspiel - den Schafen stinkt das welke Gras. Sie ertragen Kälte, Schnee und Wind, doch beim Fressen sind sie wählerisch. Schmutzige oder angemoderte Halme lassen sie stehen. Junges Gras dagegen zieht sie magisch an. Dafür würden sie aus der Herde ausbrechen und in die höchsten Felsbänder hinaufsteigen. Das ist der Grund, weshalb frei weidende Schafe bei Jägern und Naturschützern nicht den besten Ruf geniessen. Sie vertreiben das Wild und vermindern in empfindlichen Höhenlagen die Pflanzenvielfalt.

 

Jetzt droht eine neue Gefahr: Der Wolf

Nicht so bei Cadenazzis Herde, die ständig gelenkt wird. Bund und Kanton fördern deshalb die «ständige Hirtschaft» mit deutlich höheren Sömmerungsbeiträgen. Das bedeutet für den Hirten jedoch 24-stündige Kontrolle. So lange es hell ist, zieht er mit der Herde von Futterplatz zu Futterplatz. Abends gattert er die Schafe mit einem Elektrozaun ein.

Doch jetzt droht eine neue Gefahr: der Wolf. Im vergangenen Jahr gab es in der nahen Göscheneralp ungeklärte Schafrisse. Auch auf dem Oberalppass wurde ein Wolf gesichtet. «Zum Glück kam er bisher nicht in unsere Nähe», sagt Michael Cadenazzi. Seine Hunde seien nicht auf Begegnungen mit Wölfen vorbereitet. Der Wolf, das ist für ihn ein unerfreuliches Thema. Unwillkürlich fuchtelt er mit dem Stock. Wie die meisten Schafhalter hat er kein Verständnis für die Wiederansiedlung von Grossraubtieren. «Für den Wolf ist hier kein Platz», sagt er bestimmt.

Seit er sich erinnern kann, war er fasziniert, wenn der inzwischen verstorbene Schäfer Pietro Bonadei mit seiner Herde durchs Tal zog. Die Bewegung der Herde, das Bellen und Blöken, die Rufe des Hirten. Er wollte das auch lernen: eine grosse Herde im Zusammenspiel mit den Hunden zu kontrollieren.

Hirte ist einer der ältesten Berufe. Wir verbinden damit biblische Motive und Bilder eines einfachen, ungebundenen Lebens. «Vor allem ist es eine Knochenarbeit», weiss Cadenazzi. «Man ist bei jedem Wetter draussen: rauf, runter, Zäune stecken, rennen.» Er ist dabei, wenn die Lämmer auf die Welt kommen, muss vom Steinschlag getroffene Tiere von ihren Qualen erlösen. Nach zwanzig Hirtenjahren übt die Herde immer noch grosse Faszination auf ihn aus. Er geniesst die Freiheit dieses Lebens, es gefällt ihm, nicht sesshaft zu sein. «Der Michi Cadenazzi ist zwar kein Bergamasker, aber er hat die Herde im Griff», sagt Hanspeter Kempf vom Urner Amt für Landwirtschaft. Da der Beamte selber Schafe hält, weiss er: «Es ist schwierig, einen guten Hirten zu bekommen. Eine Herde zu führen ist eine Kunst.»

«Ich möchte kein anderes Leben»

Cadenazzi entspricht nicht dem Typ des wortkargen Berglers. Er schätzt den Kontakt zu den Bauern und den Älplern. Auf seinen Wanderungen begegnete er auch seiner jetzigen Frau. Bea stammt aus Davos. Sie hat eine kaufmännische Lehre abgeschlossen, war Kinderskilehrerin und Hirtin auf verschiedenen Urner Alpen, bis sie Michi traf und nun mit ihm und seiner Herde zieht. «Ich möchte kein anderes Leben», sagt sie. Ein Schritt vor den Wohnwagen, und sie ist mitten in der Natur und bei ihren Tieren. Sie ist überzeugt: «Es ist auch für die Kinder ein gutes Leben mit vielen Freiheiten.» Die drei sind immer in Bewegung, scheinen sich nie zu langweilen. Nando, der Jüngste, streichelt ein schwarzes Lämmchen. Es heisst Nemo und wurde von seiner Mutter verlassen. «Wir hörten es schreien auf der anderen Seite des Baches, und Mauro ist ins Wasser gefallen - aber wir haben es geholt», erzählt Mena. Das Lamm wird nun mit Ziegenmilch aufgeschöppelt.

Seit Mena in die 1. Klasse geht und Mauro in den Kindergarten, musste die Hirtenfamilie ihr Leben etwas umstellen. Bea fährt nun jeden Morgen mit den grösseren Kindern nach Hospental hinunter. Dort besucht Mena die Gesamtschule, Mauro steigt mit zwei weiteren Knirpsen in den Zug nach Andermatt und marschiert zum Kindergarten. Es gibt nicht mehr viele Kinder im Tal. Auch einen Laden sucht man in Realp und Hospental vergebens. Deshalb weckte das Tourismusprojekt des Ägypters Samih Sawiris im Urserental Hoffnungen. Bei Michael Cadenazzi hat sich aber bereits Ernüchterung eingestellt. Der Grund: Die Sportbahnen Winterhorn am Hospentaler Hausberg, wo er in den vergangenen Wintern als Rettungschef arbeitete, bleiben diesen Winter geschlossen. Leere Kassen. Gleichzeitig kündige der Kanton Investitionen in ein kantonsübergreifendes Mega-Skigebiet an, wundert sich Cadenazzi: «Es will mir nicht in den Kopf, dass man viele Millionen in solche Projekte investiert und das schöne Familienskigebiet Winterhorn zugrunde gehen lässt.» Zehn Leute waren dort beschäftigt. Für die Familie Cadenazzi bedeutet das, dass sie die Wintermonate getrennt verbringen wird. Bea bleibt mit den Kindern in Hospental - und Michael zieht mit einer neuen Herde auf die Winterweide im Mittelland. Verglichen mit dem sprunghaften Tourismus sind die Schafe für ihn ein sicherer Wert.

 

 

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