Kleiner Vielfrass – Die Spitzmaus

Selten bekommen wir die Winzlinge zu Gesicht. Und wenn, dann als Beute einer Katze. Spitzmäuse leben kurz und gefährlich. Der Biologe Peter Vogel widmete ihnen seine Karriere. Am Schluss entdeckte er im Tessin mit der Etruskerspitzmaus das kleinste Säugetier der Welt.

  • Biologe Peter Vogel mit einer Hausspitzmaus aus seinem Garten.

Die erste Falle gibt nichts her. Die zweite auch nicht. Bleibt noch die dritte. Wir haben Glück. Das Türchen ist zu! Vorsichtig öffnet Peter Vogel die Falle und klaubt zwischen Heubüscheln ein samtiges, graues Tier hervor. «Eine Hausspitzmaus, ein Männchen», erkennt er sofort. Schliesslich ist Peter Vogel einer der weltweit führenden Spitzmausexperten und war bis zu seiner Pensionierung vor vier Jahren Professor an der Universität Lausanne.

Er war es, der vor wenigen Wochen für eine kleine Sensation sorgte, als er im Tessin eine Etruskerspitzmaus entdeckte. Das Tierchen, kaum schwerer als eine Haselnuss, wurde letztmals vor 116 Jahren in der Schweiz beobachtet. Es galt bei uns als ausgestorben. Etruskerspitzmäuse gehören zu den kleinsten Säugetieren der Welt, sind aber ganz grosse Jäger.

Die Familie der Spitzmäuse umfasst neben der Etruskerspitzmaus noch viele andere Vertreter, weltweit rund 320 Arten. In der Schweiz kommen deren 11 vor. Der Name ist etwas irreführend, denn mit Mäusen haben die Tierchen nichts zu tun. Während Mäuse als Nagetiere und Pflanzenfresser nicht nur Freunde haben, sind die Spitzmäuse als Insektenfresser mit Igel und Maulwurf verwandt und aus menschlicher Sicht sogar nützlich. Sie vertilgen Unmengen an Insekten, Würmern und anderem Kleingetier.

Ihr Appetit ist enorm. Spitzmäuse fressen pro Tag bis zum Dreifachen ihres Körpergewichtes. Ein Mensch müsste täglich 200 Kilo Spaghetti verdrücken, um auf die gleiche Menge zu kommen. Doch wieso dieser Heisshunger? «Je kleiner ein Tier, desto grösser ist seine Körperoberfläche im Vergleich zum Gewicht», erklärt Peter Vogel. «Über die Haut verliert die Spitzmaus viel Energie in Form von Wärme, die sie mit der Nahrung ständig ersetzen muss.» So sind die kleinen Flitzer rastlos auf Futtersuche. Gefressen wird, was vor die rüsselartige Schnauze kommt. Dabei schreckt die Spitzmaus auch nicht vor Beutetieren zurück, die grösser sind als sie selbst: Mäuse, Kröten oder Fische gehören je nach Spitzmausart ebenso auf den Speisezettel wie Käfer, Regenwürmer und Larven. Mit ihrem Raubtiergebiss packt sie die Beute, während der oftmals giftige Speichel das zappelnde Opfer lähmt.

Auch das Exemplar in Peter Vogels Hand ist kein Kind von Traurigkeit. Für den Fototermin sollte es auf der Hand posieren, doch das passt ihm offensichtlich nicht. Es wuselt ständig herum, piepst und zwickt den Forscher auch mal in die Hand. Der schmunzelt: «So, so, du hast mich gebissen. Und nun schon wieder, du mit deinen kleinen Äuglein.» Man merkt, der Mann hat die Tiere gern, deren Leben er schon fast ein halbes Jahrhundert lang erforscht. «Der Biss tut übrigens gar nicht weh», sagt er. Der Wissenschaftler arbeitet nicht nur im Labor mit seinen Tieren, sondern auch daheim in Préverenges VD.

Das Haus am Genfersee unweit von Morges steht in einem Naturgarten. Da fühlen sich viele Lebewesen wohl. Den Spitzmäusen behagen die Hecken, Asthaufen und das viele Laub. Das ermöglicht ihnen, unentdeckt herumzurennen. Peter Vogel  untersuchte im heimischen Garten neben Spitzmäusen auch Mäuse. Jedes einzelne Exemplar hatte er mit einem Mikrochip markiert, am Computer konnte er verfolgen, welches  Individuum sich gerade am bereitgestellten Futter gütlich tat. «Einmal markierte ich über 100 Feldmäuse. In jenem Sommer wuchs im Gemüsebeet kein Salat mehr», erinnert er sich.

Flitterwochen für die Spitzmaus
Seine Frau und die fünf  Töchter hatten stets Verständnis für die Experimente. Dank des gemeinsamen Interesses an der Natur fanden Peter und Lotti Vogel überhaupt zusammen. Sie lernten sich in einem ornithologischen Verein kennen. Schon die Hochzeitsreise stand im Zeichen der Spitzmäuse. «Ich habe immer daran geglaubt, dass die Etruskerspitzmaus auch in der  Schweiz vorkommt», sagt Peter Vogel. Also verbrachten die frisch Vermählten ihre Flitterwochen im Tessin. Das seltene Tier spürten sie aber nicht auf. Das war vor 45 Jahren.

Im Oktober dieses Jahres wollten es die Vogels dann noch einmal wissen. Sie machten zum kleinen Ehejubiläum erneut eine Reise ins Tessin. Peter Vogel griff dieses Mal auf den Trick zurück, der sich im heimischen Garten stets bewährt hatte. «Man muss die Tiere anfüttern und erst nach ein paar Tagen fangen », erklärt er. Im Falle der Etruskerspitzmaus bestand das Anfüttern aus 150 im halben Kanton Tessin ausgelegten Pet-Flaschen, die Mehlwürmer enthielten. Im Flaschendeckel ein kleines Loch, 5 x 25 Millimeter gross, damit ja kein anderes Tier das Futter wegschnappte.

Nach einer Woche ersetzte der Biologe die Pet-Flaschen durch Fallen, die natürlich auch Mehlwürmer enthielten. Die Mühe lohnte sich: Sieben Etruskerspitzmäuse in einer Nacht! Das war sogar der «Tagesschau» einen Beitrag wert. Natürlich liess er sie nach dem kleinen Triumph allesamt wieder frei. Die Etruskerspitzmaus ist andernorts etwas häufiger als in der Schweiz. Zu Beginn seiner Forscherkarriere fing Peter Vogel in Südfrankreich ein paar Exemplare und züchtete sie dann im Labor.

Dank eines Versehens entdeckte er etwas Erstaunliches. An einem Wochenende vergass er, seine Schützlinge zu füttern. «Und als ich am Montag ins Labor kam, sah ich, dass die erste tot war, die zweite auch und die dritte ebenso. Die vierte bewegte sich noch ein wenig. Ich nahm sie in die Hemdtasche, um sie zu wärmen.» Sie erholte sich rasch und frass gierig Mehlwürmer. Als er sie ins Terrarium zurücksetzte, bemerkte der Forscher, dass die vermeintlich toten Tiere sich noch leicht bewegten. Keine Einzige war wirklich gestorben! Das Futter machte sie wieder quicklebendig. «Wegen des Nahrungsengpasses waren sie alle auf Sparflamme gegangen.» Das Phänomen nennt die Wissenschaft «Torpor». Bei dieser Überlebensstrategie fährt ein Tier Körpertemperatur und Stoffwechsel herunter und wird lethargisch.

Später entdeckte Peter Vogel den Torpor auch bei den Hausspitzmäusen in seinem Garten. Er stellte fest, dass die Tiere, die normalerweise rastlos auf der Suche nach etwas Fressbarem sind, im Winter tagsüber mehrere Stunden unbeweglich im Nest lagen. Bot er aber zusätzliches Futter an, verzichteten die Hausspitzmäuse auf ihr «Mittagsschläfchen».

Da sie alle mit einem Mikrochip markiert waren, entdeckte der Spezialist noch etwas anderes. In einer eingebuddelten Geranienkiste, ausstaffiert mit Schlafplätzen aus Heu, liessen sich bis zu elf Spitzmäuse gleichzeitig nieder, um sich eng aneinanderzukuscheln und auf diese Weise Körperwärme zu sparen. Die Kiste war versehen mit einem Mikro-chip-Lesegerät, sodass Peter Vogel jederzeit wusste, wer sich gerade im Nest ausruhte. «Im Sommer leben die Hausspitzmäuse pärchenweise zusammen und verteidigen ihr Revier. Im Winter jedoch verzichten sie offenbar auf Besitzansprüche und werden sozial», lautet seine Erkenntnis.

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