Tiere und ihr Nachwuchs

Nachwuchs ist im Tierreich begehrt – auch der von fremden Müttern. Manchmal steckt hinter einem Kinderklau aber nur der Wunsch, sich in der Mutterrolle zu üben.

  • Bei den Erdmännchen bekommt nur das Alpha-Weibchen Junge, aufgezogen werden diese aber von der ganzen Familie.
  • Den Königspinguinen im Zolli hat sich ein fremdes Weibchen angeschlossen, welches gut für das braun gefiederte Junge sorgt.
  • Somali-Wildeselstute Tana schaut gut zu ihrem Fohlen, trotzdem wurde ihr auch schon mal eines abspenstig gemacht.
  • Bei den Javaner-Affen bedeutet ein Junges Prestige für die ganze Familie.
  • Gorilladame Kati, selber kinderlos, vertrauen Mütter ihren Nachwuchs gerne an.
  • Quetta (l.) und Elora kämpfen im Zoo um Eloras Baby Henna; am Schluss setzt sich die Mutter durch.

Henna ist ein stattliches Mädchen. Sie bringt schon 800 Kilo auf die Waage. Das junge Panzernashorn im Basler Zoo gedeiht prächtig. Kein Wunder, mit zwei Müttern.

Zwei Mütter? Natürlich hat Henna nur eine leibliche Mutter. Sie heisst Elora, ist Jahrgang 1982 und schon eine gesetzte Dame. Im Gehege lebt aber auch das jüngere Nashornweibchen Quetta, geboren 1993. Mit drei Monaten begann sich Henna für Quetta zu interessieren. Die ist jünger als die Mutter und spassiger zum Spielen.

Eines Tages verschwand Quetta mit dem Nashornjungen hinter einen Felsen, ausser Sichtweite von Elora. Das war zu viel. Elora rief ihr Junges, doch das reagierte nicht. Da riss ihr der Geduldsfaden. Sie suchte ihr Kalb, und als sie sah, dass es neben Quetta stand und trotz Lockrufen nicht zu ihr kam, griff sie Quetta an. Die beiden kämpften, Henna stand abseits und beobachtete gebannt die Szene. «Das sind schon eindrückliche Momente, wenn je zwei Tonnen aufeinander losgehen», sagt Friederike von Houwald, Tierärztin und Kuratorin am Basler Zolli.

Wenn ein Weibchen ein Jungtier entführt, kann das unterschiedliche Gründe haben. Vielleicht will sich partout kein eigener Nachwuchs einstellen, während es ringsherum nur so von Müttern mit Jungen wimmelt. Oder man möchte aus purer Neugierde das Kleine kurz mal ausleihen. Manchmal spielen auch ganz pragmatische Gründe eine Rolle. Doch davon später.

Die Nashorndamen versöhnten sich bald wieder – Henna und Quetta gingen zu Mutter Elora hin und leckten sie ab. Diese Szene wiederholte sich: das «Fremdgehen» genauso wie die Versöhnung im Anschluss. Heute ist alles in Butter. «Die drei Damen benehmen sich sehr nett zueinander», sagt Friederike von Houwald.

Sie hat eine Erklärung, warum Henna bei Quetta sofort auf Sympathie stiess: Zwei Wochen vor Hennas Geburt bekam Quetta auch ein Junges, das aber starb. «Quetta hat nie probiert, Henna bei sich zu behalten», sagt die Kuratorin. Demnach sei das, was passiert sei, allenfalls ein leichter Fall von Kinderklau oder auch einfach nur Ungehorsam des Jungtieres, das nicht auf die Rufe der Mutter hörte.

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