Sambia, Ende Oktober. Es ist mehr als 40 Grad heiss. Die Luft flimmert. Apathisch dösen Gnus im Schatten alter Bäume. Zebras, Giraffen, Antilopen drängen sich um die letzten Wasserlöcher. Die Tiere sind ausgemergelt; durch ihr Fell zeichnen sich die Rippen ab.
Seit Ende April ist kein Regen mehr gefallen. Sechs Monate lang. Das Land verdorrt. Farblos liegt die Savanne in der Hitze. In der Ferne flackern Buschbrände. Keine Wolke zeigt sich am Himmel.
Lorenz Andreas Fischer und Judith Burri werden unruhig. Sie wollen dabei sein, wenn die Savanne mit dem Beginn der Regenzeit zu neuem Leben erwacht. Lorenz Fischer, der auch für die «Schweizer Familie» fotografiert, wurde vergangenes Jahr als BBC Wildlife Photographer of the Year ausgezeichnet, 2006 war er Europäischer Naturfotograf des Jahres. Judith Burri ist eine erfolgreiche Publizistin.
Mit ihrem Buch «Die Savanne erwacht» wollen die beiden Neuland erschliessen: Eindrückliche Aufnahmen von Elefanten oder Löwen in freier Wildbahn gibt es viele. Aber nur wenige Fotografen versuchten bisher, die einzigartige Pracht des südlichen Afrika in der Regenzeit einzufangen. Denn die Bedingungen sind extrem: Buschpisten können innerhalb von Minuten so verschlammen, dass selbst robuste Geländewagen stecken bleiben. Lorenz Fischer und Judith Burri schreckt das nicht.
Die beiden Reporter haben ihr Zelt im Liuwa-Plain-Nationalpark, im Westen von Sambia, aufgeschlagen und warten. Viele Tage lang. Ausgerechnet diesmal scheint der Regen auszubleiben. Anfang November sichten die beiden endlich Wolken – zart wie Watte. Dann färbt sich der Himmel purpurrot. Von Osten her wälzt eine schwarze Wolkenwand heran. Windböen wirbeln Staub auf. Blitze zucken über den Himmel. Dann kracht der Donner los. Schwere Wassertropfen
prasseln hernieder. Endlich!
Voller Körpereinsatz für ein gutes Bild
Ein Regensturm rast über die Savanne. Zebras und Gnus drängen sich eng aneinander, die Rücken zum Wind. Judith Burri und Lorenz Fischer sind wie elektrisiert. Bei strömendem Regen zu fotografieren ist eine Herausforderung. Trotz Spritzwasserschutz sind die Kameras ständig in Gefahr. Um möglichst nah ans Motiv heranzukommen, muss sich Lorenz Fischer auch in tiefen Schlamm legen.
Als nach Stunden der Regen für eine Weile aussetzt, schütteln sich die Tiere das Wasser aus dem Fell. Gnus bäumen sich auf wie übermütige Hunde. Zebras hüpfen wild in die Luft, werfen Kopf und Hufe in alle Richtungen. Die ersten Regengüsse haben den Staub aus der Luft gewaschen, es riecht nach feuchter Erde. Fischer fotografiert unermüdlich. Judith Burri macht Notizen und sucht neue Motive.
Schon wenige Tage später spriesst in der Savanne frisches Gras, und die Natur zeigt sich in ihrer ganzen Fruchtbarkeit: Weisse und rosa Lilien verwandeln kargen Savannenboden in bunte Blumenwiesen; Conyza-Pflanzen lassen zitronengelbe Blütenmeere wachsen. Bienen summen, Grillen zirpen. Frösche und Kröten graben sich aus ihren Höhlen: In den Abendstunden beginnen die Männchen um Weibchen zu werben – ein Quaken, Schmatzen und Grunzen hebt an. Ende November treffen Störche aus Europa ein. In der Schweiz fällt derweil der erste Schnee.
Doch ist es Zufall, dass der Regen so lange auf sich warten liess? Im südlichen Afrika gibt es nur drei klar getrennte Jahreszeiten: eine kühle Trockenzeit, die von Mai bis August dauert; eine heisse Trockenzeit im September und Oktober; und von November bis April die Schwüle des Regens.
In jüngerer Zeit aber häufen sich die Extreme: Nicht selten zeigt sich zu Beginn der Regenzeit keine Wolke am Himmel. Dafür aber setzen im Januar oder Februar so gewaltige Niederschläge ein, dass ganze Landstriche unter Wasser gesetzt werden. Die Menschen sind beunruhigt: Sind das Auswirkungen der Klimaveränderung? Forscher haben nachgewiesen, dass die Durchschnittstemperaturen in Sambia in den letzten 30 Jahren um bis zu 1,5 Grad gestiegen sind und die Regenzeiten sich verkürzten. Bis zum Jahr 2070 sagen sie einen weiteren Temperaturanstieg um bis zu drei Grad voraus. Dürre und Verwüstung drohen; fast die Hälfte der Tiere in den Nationalparks südlich der Sahara gilt mittelfristig als bedroht.
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