Er sieht aus wie ein Graureiher, doch sein Gefieder ist schneeweiss. Den Kopf hält er vornübergebeugt. Irgendetwas scheint nicht zu stimmen: Aha, er hat einen grossen Fisch im Schnabel und möchte ihn hinunterwürgen. Einfacher gedacht als getan. Hoffentlich bleibt der ihm nicht im Hals stecken. «Das ist ein Silberreiher», sagt Marcel Güntert und deutet auf den Vogel am Ufer, der verzweifelt mit dem Fisch kämpft. Oh, nun lässt er ihn fallen! Weg ist das Frühstück.
Marcel Güntert setzt den Feldstecher ab. Der Biologe spezialisierte sich bereits während des Studiums auf Vögel. Seit er vor einigen Monaten als Direktor des Naturhistorischen Museums Bern pensioniert wurde, hat er noch mehr Zeit für die Ornithologie. Für den Fachmann ist heute Arbeit angesagt, für mich eine spannende Exkursion. Wir wollen die Wasservögel am Klingnauer Stausee, am Nordrand des Kantons Aargau, beobachten. Dabei liegen uns besonders jene Tiere am Herzen, die Tausende von Kilometern geflogen sind, um bei uns den Winter zu verbringen. Woher unser Silberreiher nun genau kommt, bleibt sein Geheimnis. Brutkolonien dieser imposanten Vögel gibt es in Osteuropa. Auf jeden Fall scheint es dem Vogel hier zu gefallen, und er verbringt die kalten Monate in der Schweiz.
Vogelparadies Schweiz
Der Winter ist für die meisten Tiere eine harte Jahreszeit. Viele unserer einheimischen Vögel ziehen deshalb im Herbst in den Süden, manche bis ans Mittelmeer, andere bis Afrika. Zugverhalten zeigen aber auch die Vögel in nördlichen Gefilden, in Skandinavien oder in Sibirien. Vor allem die Wasservögel. «Im Winter frieren im Norden die Gewässer zu. Weil dadurch der Zugang zu Nahrung abgeschnitten wird, ziehen sie in wärmere Gegenden», erklärt Marcel Güntert. Sie fliegen nach Süden und finden oft schon bei uns ideale Bedingungen, um zu überwintern, sind sie doch viel härtere Bedingungen als die hiesigen Vögel gewohnt. Mit ihren vielen, zum Teil recht grossen Seen erscheint ihnen die Schweiz als ein Paradies.
Laut Verena Keller von der Vogelwarte Sempach verbringen rund eine halbe Million Wasservögel aus Nordosteuropa und Zentralasien die kalte Jahreszeit in der Schweiz. Von einzelnen Arten sind es ansehnliche Teile der gesamten Population, die hier überwintern. Die Schweiz trägt deshalb eine grosse Verantwortung für deren Schutz. Zu diesen Arten zählen zum Beispiel Schnatterente, Kolbenente, Tafelente oder Reiherente. Einzelnen Exemplaren gefällt es hier so gut, dass sie mittlerweile sogar bei uns brüten.
Mitte Januar zählen Fachleute in ganz Europa die Bestände an Wasservögeln. Zusätzliche Bestandesaufnahmen machen die Ornithologen hierzulande monatlich an den Gewässern von internationaler Bedeutung. Neben den «Drei Grossen» – Bodensee, Genfer- und Neuenburgerseegehört auch der Klingnauer Stausee dazu. Das ist der Grund, weshalb Marcel Güntert heute hier ist. Der Fachmann blickt konzentriert durch seinen Feldstecher. Er zählt Schnatterenten, Reiherenten und Blässhühner.
Ein Wasservogel mit stark verbreitertem Schnabel zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Der Ornithologe notiert seine Zahlen, dann erfahre ich den Namen des Tieres: Es ist eine Löffelente. Die sieht lustig aus. Fast wie eine Comicfigur. Ein seltener Gast. Nur wenige Löffelenten finden jedes Jahr den Weg aus Russland, Polen oder dem Baltikum zu uns.
Weiter hinten, vor dem Schilf, ragen zwei Hinterteile in die Höhe. Die dazugehörenden Enten «gründeln». Das heisst, sie grasen die Pflanzen dicht unter der Wasseroberfläche ab. Es sind Schnatterenten, die aus Deutschland, Polen oder Tschechien stammen können. «Die Männchen sind grau mit schwarzem ‹Füdli›, die Weibchen gesprenkelt wie Stockenten, haben aber einen weissen Fleck am Flügel», klärt mich Marcel Güntert auf.
Die Weibchen der verschiedenen Entenarten mit ihren tarnfarbenen Gefiedern sind nicht so einfach voneinander zu unterscheiden. Bei den Männchen ist es leichter: Der Reiherenten-Mann hat einen Schopf am Hinterkopf, der Kolbenenterich einen fuchsroten Kopf und der Tafelenterich einen rotbraunen. Sie lassen sich mit einem Vogelbestimmungsbuch klar identifizieren.
«Die Tafelente verdankt ihren Namen dem Umstand, dass sie früher des Öfteren auf dem Teller gelandet ist», erzählt Marcel Güntert. Von allen Tauchenten war sie diejenige, die am besten schmeckte. Denn sie ernährte sich vor allem von Pflanzen. Andere Tauchenten wie zum Beispiel die Reiherente frassen Muscheln und Schnecken, was ihrem Fleisch einen tranigen Geschmack verlieh. «Doch vor ein paar Jahren hat die Tafelente ihren Menüplan umgestellt. Sie frisst nun auch Muscheln, was sie seither davor schützt, in einem Restaurant zu enden.» Doch nicht die Angst vor einem gastronomischen Schicksal liess sie neues Futter wählen. Sondern schlicht dessen Verfügbarkeit.
In den 1960er-Jahren wurde die Wandermuschel in die Schweiz eingeschleppt. An Schiffsrümpfen haftend, eroberte sie 1962 den Genfersee, wenige Jahre später erreichte sie bereits den Vierwaldstättersee. Das freute vor allem die Reiherenten, deren Überwinterungszahl sich innerhalb von 20 Jahren verzehnfachte. Andere, vor allem nordische Vogelarten wie die Schellente oder die Sturmmöwe, kommen hingegen heute seltener, weil die Winter wegen der Erderwärmung auch im Norden nicht mehr so streng sind. Andererseits sorgt heisseres Klima zum Beispiel in Spanien für zunehmende Dürre, sodass Kolbenenten vermehrt die Schweiz als Überwinterungsort aufsuchen. Doch die Bedingungen schwanken von Jahr zu Jahr und mit ihnen auch die Zahl der Wintergäste.
Wir stehen nun auf der Aarebrücke bei Döttingen und blicken auf den Klingnauer Stausee. Marcel Güntert zieht hier das Fernrohr dem Feldstecher vor; damit kanner weiter blicken. Schneegestöber verschlechtert die Sicht. Lachmöwen fliegen schreiend über unsere Köpfe. Auch sie sind Wintergäste, obschon einige bei uns brüten. «30 000 bis 40 000 Tiere kommen aus Nordeuropa und Polen, während unsere rund 1000 Lachmöwen-Paare den Winter in der Camargue verbringen», sagt Marcel Güntert. Dank der Beringung weiss man immer besser Bescheid, wo die Zugvögel herkommen und wohin sie fliegen.
Ein grosses Verdienst daran hat der Berufsfischer Josef Hofer vom Sempachersee. Als ehrenamtlicher Mitarbeiter der Vogelwarte hat er in selbst gebauten Reusen seit 1950 bis heute rund 70 000 Wasservögel gefangen und beringt oder allfällig bereits vorhandene Ringe protokolliert. Darunter waren Tafelenten aus der Ukraine oder Gänsesäger aus Finnland. Von Josef Hofer markierte Reiherenten fand man später sogar im westafrikanischen Senegal – wohin die Tiere offenbar weiterzogen – oder in ihrem Brutgebiet in Ostsibirien, 8000 Kilometer von der Schweiz entfernt. Eine stolze Leistung für die bloss ein Kilogramm schweren Tiere.
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