Das Vergnügen ist ein kindliches. Deshalb sei es jedem ans Herz gelegt, in diesen Tagen einmal durch ein dickes Laubmeer im Wald zu waten, einzutauchen in das Rascheln und Wirbeln, Flüstern und Tanzen, Knistern und Schweben der welken Blätter.
Wer wird nicht immer und immer wieder in die flockigen Haufen hüpfen wollen, noch einmal und noch einmal und nur noch ein einziges Mal – genau wie als Kind, damals, vor zwanzig, dreissig oder vierzig Jahren? Wer wird nicht die Erde riechen und jauchzen vor urtümlicher Freude?
Erinnerungen werden auftauchen, an neblige Sonntagnachmittage im Wald, an die grosse Hand des Vaters, in der die eigene kleine Faust wunderbar Platz fand, an die gelben Gummistiefel, die man unbedingt tragen musste, weil mit ihnen das Laubschlurfen am meisten Spass machte. Und mit den Erinnerungen werden auch die Fragen von damals wiederkehren. Jene einfachen Kinderfragen, die stets komplexe Antworten fordern. Weil sie auf den Kern der Sache zielen.
Warum haben die Bäume Blätter? Wozu sind Blätter da? Warum werden sie im Herbst gelb und rot und fallen ab? Am besten trägt man Kinderfragen Menschen vor, die gewohnt sind, über elementare Dinge dieser Welt nachzudenken und sie begreiflich darzustellen. Der Botaniker Christian Körner ist seit1989 Hochschullehrer an der Universität Basel. Und er hat am «Strasburger – Lehrbuch der Botanik» mitgeschrieben, der Bibel der Botanikstudenten.
«Blätter sammeln Licht», sagt der 62-Jährige. «Das ist ihre wichtigste Aufgabe. Sie sammeln das Licht der Sonne, um Fotosynthese zu betreiben. » Und stellen so aus Kohlendioxid und Wasser Zucker und Sauerstoff her. Dieser Prozess ist einer der ältesten Kreisläufe der Erde. Mehr noch: Er ist die Basis unseres Lebens. Um zu veranschaulichen, was das wirklich heisst, macht Christian Körner einen Ausflug in die Erdgeschichte und blendet an die zwei Milliarden Jahre zurück.
Denn nicht die Blätter haben die Fotosynthese erfunden. «Vor über zwei Milliarden Jahren gab es in den Ozeanen sehr einfach gebaute Organismen, Algen und Bakterien, die das Licht der Sonne für die Energiegewinnung nutzten», sagt Körner. Schon damals entstand dabei, sozusagen als Abfallprodukt, Sauerstoff. Das Gas reicherte sich langsam in der Atmosphäre an. Bis alle Voraussetzungen auch an Land Leben möglich wurde. Vor ungefähr 400 Millionen Jahren eroberten Pflanzen, Tiere und Pilze die Kontinente – der Fotosynthese sei Dank. «Die ersten Landpflanzen waren sehr urtümlich, ähnlich wie Schachtelhalme, einfache, dünne Stängel», sagt Christian Körner. Doch auch sie ernährten sich, indem sie Fotosynthese betrieben.
Allerdings taugt ein dünner Stängel nur bedingt dazu, Licht zu sammeln – erst recht, wenn links und rechts noch andere Stängel wachsen. «Sobald die ersten Pflanzen in Massen auftraten, begann der Kampf ums Licht. Der zwang die Pflanzen dazu, Blätter zu bilden.» Und zwar äusserst vielgestaltige: filigran und hauchdünn die einen, dickledrig und grobadrig die andern, glatt oder behaart, rund oder lanzenförmig; die Ränder fein gesägt, tief gekerbt oder zart bewimpert. Keins ist gleich wie das andere, doch jedes von vollendeter Schönheit. Dies alles soll das Resultat von Konkurrenz sein? «Sicher nicht nur, aber das Leben ist ein steter Wettstreit um Ressourcen», sagt Christian Körner. «Wer das nicht akzeptiert, kann die Natur nicht verstehen.»
Hinter der verspielten Formenpracht steht aber noch etwas anderes als das Verdrängen der Nachbarn. Nämlich die Lösung eines handfesten Problems. Blätter sammeln zwar Licht, dürfen aber nicht zu heiss werden. Gerade in warmen Gegenden bleiben sie deswegen entweder klein, um der Sonne wenig Angriffsfläche zu bieten, oder sie spielen mit der Aerodynamik: Die gezackten, gekerbten, gelappten Ränder der Blätter erzeugen bei der geringsten Bewegung Luftwirbel, die einen kühlenden Effekt haben.
Für Reh, Biene und Wolf
Letztlich sorgte der Konkurrenzkampf auch dafür, dass jedes Blatt ein unglaubliches Wunderwerk ist. Eine perfekte Maschinerie, in der zahlreiche Teile ineinandergreifen, damit praktisch aus Nichts – dem Gas Kohlendioxid, wenigen Nährstoffen, Wasser und Licht – die Nahrungsgrundlage unseres Planeten geschaffen werden kann. Ob Reh, Biene, Wolf, Regenwurm oder Mensch: Alles, was auf der Erde kreucht und fleucht, lebt einzig dank Pflanzen und ihrer Blätter.
In ungezählten Vorlesungen hat Christian Körner erklärt, wie das Wunderwerk Blatt funktioniert. Das hat seine Begeisterung für die fantastischen Fähigkeiten der Blätter nicht abgeschliffen. Beim Versuch, die komplizierten Zusammenhänge möglichst einfach darzustellen, redet sich der Hochschulprofessor ins Feuer. Und manchmal scheint es, dass auch er angesichts der Dinge, die Blätter vollbringen, bloss wie ein kleiner Junge staunen kann.
Beispielsweise über ihre «Münder». Damit das Kohlendioxid verarbeitet werden kann, muss es ins Innere des Blattes gelangen, zu den Chlorophyll-Körnern, die dem Blatt auch seine grüne Farbe geben. Deshalb haben Blätter Poren. Stomata heissen diese. «Der Name stammt aus dem Griechischen», erklärt Christian Körner. «Stoma bedeutet Mund. Tatsächlich können sich die Stomata der Blätter öffnen und schliessen wie ein Mund.»
Auf einem Quadratmillimeter Fläche finden sich 100 bis 200 dieser Münder. «Sie sind wichtige Kontrollstellen. Für mich zählen die Stomata zu den bemerkenswertesten Erfindungen, welche die Natur hervorgebracht hat.»
Balance von Hungern und Verdursten
Das Innere eines Blattes ähnelt einem Schwamm; es besteht aus wassergefüllten Zellen mit viel Luft dazwischen. «Dieses Höhlenlabyrinth im Blattinneren ermöglicht es dem Kohlendioxid-Gas, zu den grünen Zellen zu gelangen. Die Chlorophyll-Körner können nur dann Kohlendioxid in Zucker umwandeln, wenn es in Wasser gelöst ist.»
Öffnen sich nun die Stomata, damit das Kohlendioxid ins Blatt strömen kann, verdunstet stets auch Wasser. Anders gesagt: Pflanzen können keinen Zucker bilden, ohne Wasser zu verlieren. «Das macht die Stomata so wichtig. Sie sind Steuerelemente», sagt Körner, «sie halten die Balance zwischen Verhungern und Verdursten.»
Wer steuert, braucht Informationen. In den Lippen der Stomata sitzen Sensoren. Die messen einerseits das Licht. Wenn es morgens hell wird, machen sie die Pforten auf. «Die Fotosynthese setzt schon bei einem Prozent Licht ein», sagt Körner. Anderseits stehen die Sensoren mit den Produktionsstätten für den Zucker in Kontakt und schätzen ab, wie viel Kohlendioxid diese noch verarbeiten können – und wann es an der Zeit ist, die Poren zu schliessen und den Nachschub zu stoppen, um den Wasserverlust in Grenzen zu halten.
Weil die Stomata Schaltstellen über Hunger und Durst einer Pflanze sind, müssen sie gut geschützt sein. Deshalb sitzen die Poren bei den meisten Pflanzen auf der Unterseite der Blätter. Aus dem gleichen Grund sorgen die Blätter mit einigem Aufwand dafür, dass sie, die inwendig unbedingt nass sein müssen, aussen ja nicht zu nass werden: Ein Film aus Wasser auf dem Blatt würde die Poren verstopfen. Zudem wären feuchte Blätter ein gefundenes Fressen für Pilze und Bakterien.
Vorbild für die Industrie
Damit die Regentropfen von der Blatthaut abperlen, ist diese mit vielen kleinen Würstchen und Plättchen aus Wachs überzogen, die ständig neu gebildet werden. «Unter dem Rastermikroskop sieht man das gut», sagt Christian Körner. «Die Oberfläche eines Blattes ist nie einfach glatt, sondern ähnelt eher dem Nagelbett eines Fakirs: Dieser sogenannte Lotuseffekt hält nicht nur Regentropfen, sondern auch Staub derart perfekt fern, dass die Industrie seit langem versucht, ihn etwa für Autolacke zu kopieren.»
Wenn es Herbst wird und der Winter heraufzieht, wenn die Tage dunkler und die Nächte kälter werden, stehen die Bäume vor einem Problem: Was soll mit den Blättern geschehen? Behält man sie? Dann müssen sie mit viel Aufwand winterhart gemacht werden. Immergrüne Bäume wie Tannen oder Fichten haben sich für diesen Weg entschieden. Ihre Nadeln, die mehrere Jahre überdauern können, sind nichts anderes als frosttaugliche Blätter. Laubbäume hingegen setzen nicht auf Kälteschutz, sondern auf Erneuerung: Sie treiben jeden Frühling neue Blätter aus. Und werfen die alten im Herbst ab.
Zuerst aber wird das Blattgrün abgebaut – die Blätter färben sich gelb oder rot. Ebenso fliesst alles, was «gut und teuer» ist, zurück in Stamm und Äste: «Blätter enthalten sehr viel wertvolle Eiweisse. Etwa die Hälfte davon wird abtransportiert.» Danach werden die Blattstiele abgeschnürt. Zurück bleibt eine ausgelaugte Hülle. Nun genügt ein laues Lüftchen, um die welken Blätter davonzutragen.
Doch wertlos sind die toten Blätter keinesfalls. Das Laubpolster am Boden ist Isolationsmatte und Futter zugleich: Die Erde friert nicht zu. Zudem machen sich Myriaden unterschiedlichster Bodenbewohner, von Regenwürmern bis zu Bakterien und Pilzen, über das Laub her und verarbeiten es zu Humus. Im Humus sind alle wichtigen Nährstoffe gespeichert. Ohne ihn kann kein Baum gedeihen. «Der Wald lebt vom Recycling», sagt Christian Körner. Das Werden und Vergehen der Blätter ist ein perfektes Beispiel für Nachhaltigkeit.
Vielleicht ist die Freude, durch einen Laubhaufen zu staksen, deshalb so rein und gross und urtümlich: Weil die welken Blätter, die einem leicht um die Füsse wirbeln, nicht nur die Vergangenheit in sich tragen; sie sind auch unsere Zukunft.
MEHR INFORMATIONEN
Lesen Sie hier die wichtigsten Antworten auf Fragen rund um das Wunderwerk Blatt.
TIPPS FÜR DAS LAUB IM GARTEN
- Lassen Sie das Laub auf Beeten, Rabatten und dem Rasen liegen. Fruchtbarer Boden ist nie unbedeckt.
- Fahren Sie mit dem Rasenmäher darüber: Zerkleinert kann es von den Bodenlebewesen schneller verarbeitet werden.
- Rechen Sie es nur auf Wegen zusammen, wo es gefährlich ist.
- Schichten Sie in einer Ecke des Gartens einen Haufen aus Laub und Ästen für Igel und Blindschleichen auf.
- Mischen Sie regelmässig Laub unter den Kompost: Das wertet ihn auf. Laubkompost reift zwar langsam aus, ist aber sehr hochwertig.
Erfahren Sie dazu mehr auf www.kompostberatung.ch.






























