Wie umweltfreundlich sind wir Schweizer wirklich?

Fast alle Schweizer stufen sich als sehr umweltfreundlich ein. Dennoch handeln wir selten konsequent. Umweltpsychologen erklären, wie wichtig die persönliche Motivation ist und dass auch kleine Taten viel ausrichten.

Es ist noch keine Woche her, dass Christina Winkler wie eine Ausserirdische bestaunt wurde. Wie ein seltsames Wesen aus einer anderen Sphäre. Dabei steht die 39-jährige Bernerin, die boxt und American Football spielt, mit beiden Beinen fest auf dem Boden: Sie gräbt ihren Garten in Köniz eigenhändig um, pflanzt Mangold und Rettich, strickt Socken aus Bio-Baumwolle und radelt mit ihrem heiss geliebten E-Bike zur Arbeit.

Kurz: Sie engagiert sich, wo immer sie kann, für unseren Planeten. Damit ist sie erdverbundener als mancher Schweizer. «Sobald ich in einem Restaurant nach einer Tofuwurst verlange, werde ich angeschaut, als käme ich direkt von der Milchstrasse. Und der Kellner scheint sich zu fragen: Welcher Stern hat mir denn diesen Gast vorbeigeschickt?»

Dabei möchte Christina Winkler mit ihrem Fleischverzicht – nicht immer, aber immer öfter – genauso wie mit dem Recyceln von Altpapier und Petflaschen, nichts anderes als einen Beitrag zum Umweltschutz leisten. Und dass ein täglicher Fleischkonsum nun mal nicht ökologisch ist, wissen wir inzwischen alle. Immerhin stufen sich 95 Prozent der Schweizer als «sehr umweltbewusst» ein. Was aber nicht heisst, dass wir auch so konsequent wie Christina Winkler handeln.

Wozu sind wir bereit?

Strom einsparen, weniger Wasser verbrauchen, aufs Schnitzel verzichten: Was wir für unsere Umwelt zu tun bereit sind, liegt in der Regel in unserem eigenen Ermessen. Und natürlich hängt das, was wir dann machen, auch mit persönlichen Vorlieben zusammen. Nicht jeder mag Batikhemden und Basttaschen. Nicht alle finden hennagefärbtes Haar und organische Häkelkleider strassentauglich. Und nicht jeder von uns sehnt sich zur Erholung auf den nahe gelegenen Öko-Bauernhof.

Genau so verhält es sich auch mit der Tofuwurst: Darum wird sie auch nicht in jedem Restaurant angeboten. Dass der eingefleischte Steakfan da schon mal die Nase rümpft, hängt auch mit dem schlechten Image zusammen, das der Sojawurst noch immer anhaftet: Blass sei sie. Fade. Exotisch zwar, aber eben nur wenig ansprechend, lautet das Urteil derjenigen, denen ihr Stück Fleisch nach wie vor lieb ist.

«Erst wenn bekannte Köche wie Jamie Oliver die Tofuwurst als echte Alternative zur Kalbsbratwurst entdecken, kann sie in unseren Küchen einen Siegeszug feiern», sagt Florian G. Kaiser, der sich vor 15 Jahren auf das Gebiet Umweltpsychologie spezialisierte. Der gebürtige Solothurner gehörte zu den Ersten, die sich an der ETH Zürich mit den Fragen beschäftigten: Warum sortieren wir unseren Müll, sind aber nicht gleichzeitig bereit, unsere Heizungen auf eine vernünftige Zimmertemperatur einzustellen? Was hindert uns daran, statt in die Luxusküche in eine umweltfreundliche Fassadendämmung zu investieren? Und warum verzichte ich nicht auf meine Ferien in der Karibik, obwohl ich weiss, dass Fliegen zu den grössten Umweltsünden gehört?

Genau hier liegt der Knackpunkt. Nicht nur dass wir manchmal zu bequem sind, um unsere Gewohnheiten zu ändern: Kaum jemand von uns möchte freiwillig
auf Wohlstand verzichten und sich einschränken. «Verzicht ist kein Lifestyle, den man Menschen schmackhaft machen kann. Mehr Genügsamkeit und Verzicht, das ist es aber, was wir erreichen müssten», gibt Florian G. Kaiser zu bedenken. «Am Ende sind es die vielen kleinen Opfer, die sich rechnen und an denen sich zeigt, wie umweltbewusst jeder Einzelne wirklich ist.»

Warum tun wir nicht mehr?

Sind wir zu egoistisch? Zu verwöhnt und nur auf unseren Vorteil bedacht? Kümmern wir uns darum nicht intensiver um unsere Umwelt? «Das wäre stark vereinfacht», meint Susanne Bruppacher, die an der Uni Basel einen Lehrauftrag für Umweltpsychologie innehat. «Immerhin gehören die heute 45-Jährigen zur ersten Generation, die mit dem Thema Umweltschutz gross geworden ist, und das macht sich in unserer Gesellschaft bemerkbar.»

Für diese Generation ist es selbstverständlich, dass sie sich bewusst kleidet und gezielt ernährt. So erklärt es sich auch, dass die Bio-Gestelle der Grossverteiler nicht selten schon vor Ladenschluss leergeräumt sind. Dass ein Umdenken stattgefunden hat und der Öko-Gedanke chic ist, zeigt sich auch an der Ladenkette Changemaker, die in Zürich und Bern je eine Filiale eröffnet hat. Das nachhaltige Sortiment – vom Bio-Schal der Luxusklasse bis zum kuscheligen Kinderkissen – vereint guten Geschmack mit gutem Gewissen. Und das Angebot scheint vielen Kunden zu gefallen.

«Umweltschutz muss auch attraktiv sein», bringt Susanne Bruppacher diese neue Naturbewegung, die auch jedem Einzelnen etwas bringt, auf den Punkt. «Sei es, dass ich mit der eingesparten Energie auch Geld einspare oder dass die Ökologisierung des Büroalltags als sozialer Event gestaltet wird.»

Wer immer nur zu hören bekommt, dass er mit Energie verschwenderisch umgeht und die Verschmutzungen unserer Umwelt verheerend sind, lasse irgendwann den Kopf hängen, darin sind sich die Umweltpsychologen einig. «Denn es sind gerade auch die kleinen Dinge, auf die es ankommt», macht Susanne Bruppacher Mut. «Und die es sich auch zu testen lohnt».

Lassen wir uns also überraschen! Vom Geschwindigkeitsrausch der ersten E-Bike-Fahrt genauso wie vom exotischen Geschmack der ersten Tofuwurst. Die ist nämlich gar nicht so schlecht. Als eine Berliner Würstelbude vor kurzem einen Tag lang Tofuwürste für Currywürste ausgab, merkte es niemand. «Genau so muss sie schmecken, die Wurst, die ich hier immer esse», meinten die Stammgäste.

Als sie erfuhren, dass die Wurst nichts anderes als Gemüse war, staunten sie nicht schlecht. Und lobten den Tofu über den grünen Klee.

 

BÜCHER ZUM THEMA:

  • «Ökologische Intelligenz – Wer umdenkt, lebt besser» von Daniel Goleman, Droemer Verlag, ca. 33.90 Fr.
  • «Kann ich die Welt retten? Verantwortungs voll leben – clever konsumieren» von Katrin Schüppel, Verlag an der Ruhr, ca. 32.90 Fr.

 

Sie können mehrere Adresse einfügen, trennen Sie diese mit Kommas.
Empfehlung von (Ihr Name)
(Ihr Name) möchte Sie auf einen Inhalt der Webseite schweizerfamilie.ch aufmerksam machen.
Die E-Mail-Adresse wird nicht öffentlich angezeigt

Familienfreundliche Restaurants

Schweizer Familie auf Facebook

Fan werden

Ausflugs-Börse

Für jeden etwas dabei