Lebensraum Weiher

Was sich da alles tummelt im trüben Wasser! Mit Fangnetz, Plastikbecken und Teesieb gehen wir auf Teichsafari. Unser Reiseführer ins Reich von Azurjungfer, Wasserassel und Hüpferling ist der Berner Biologieprofessor Jürg Zettel.

  • Biologieprofessor Jürg Zettel: «Weiher zählen zu den vielfältigsten Lebensräumen.»
  • Kaulquappe: Sie frisst gerne abgestorbene Pflanzen.

Was für ein kurioses Tierchen! Erst lang gezogen und im nächsten Moment ganz bucklig. Dann wieder lang gezogen und erneut bucklig. Einer Raupe gleich, marschiert der Schneckenegel durch das Plastikbecken. Er bleibt nicht lange allein.

Mit einem «Gutsch» Wasser werden Schnecken, Käferlarven und Kaulquappen hineingespült. Eine Hand klopft ein Teesieb aus, weitere Tierchen purzeln ins Gefäss. Die Hand gehört Jürg Zettel. Der pensionierte Biologieprofessor ist ein wandelndes Lexikon und kennt den Weiher im Gurtentäli bei Köniz BE wie seine Westentasche.

«Weiher zählen zu den vielfältigsten Lebensräumen», erklärt Jürg Zettel. Hunderte von Tier- und Pflanzenarten finden darin ein Auskommen. Der Biologe hat einen Veloanhänger voll Material mitgebracht, auf dass wir die geheimnisvolle Unterwasserwelt etwas näher kennenlernen. Mit zwei gestielten Netzen unterschiedlicher Maschenweite holt er Proben aus dem Wasser, die sich in einem weissen Plastikbecken begutachten lassen. Teesieb, Suppenlöffel, Konfigläser und ein selbst gebautes Aquarium im Taschenformat ergänzen die Ausrüstung. Eine Lupe und ein Bestimmungsbuch braucht es auch für die Teichsafari.

Zwei Krabbeltiere bewegen sich als Tandem durch ihr vorübergehendes Heim. Es sind Wasserasseln. «Das Männchen lässt seine Partnerin wochenlang nicht los, damit sie nicht etwa auf falsche Gedanken kommt», erläutert Jürg Zettel das merkwürdige Verhalten mit einem Augenzwinkern.

Eine Libellenlarve schlängelt herum. Es ist die Larve einer Kleinlibelle, vermutlich einer Azurjungfer. Man erkennt sie an den drei blattartigen Paddeln am Hinterleibsende. Die Larven der Grosslibellen, wie zum Beispiel der Königslibelle, haben im Gegensatz dazu dort keine Anhängsel. Sie sind kräftiger und wirken weniger elegant. Schwimmen können sie auch nicht, sie sind zu Fuss unterwegs. Eilt es dann doch mal, presst die Larve mit aller Kraft Wasser aus ihrem Enddarm und schiesst davon wie eine Rakete.

Eine Welt in einer Plastikwanne

Jürg Zettel macht Exkursionen, hält Vorträge und bildet Naturschutzprofis aus. Dazu braucht er auch gute Fotos. Gerne würde er jetzt die Larve einer solchen Grosslibelle ablichten, aber es will partout keine ins Netz. Dafür jede Menge Wasserschnecken. «Die können sich mit ihrem schleimigen Fuss direkt an der Unterseite des Wasserspiegels festhalten und kopfüber daran hängend herumspazieren», erklärt der Experte. Drohe Gefahr, stossen sie Luft aus ihrer Atemhöhle aus und sinken ab wie ein Stein. Wollen sie wieder aufsteigen, dehnen die Schnecken mit Muskelkraft ihre Atemhöhle und damit die darin verbliebene Luft wieder aus und schweben nach oben.

Ein weiterer Zug mit dem Netz über den Weihergrund bringt neue Überraschungen ans Tageslicht. Die vermeintliche Larve einer Libelle entpuppt sich beim näheren Hinsehen als die eines Gelbrandkäfers. Sie hat zwei furchterregende Zangen, die sie Dolchen gleich in ihr Opfer schlägt, um es auszusaugen.

Oh, da ist ja ein Molch! Das Tier ist etwa sieben Zentimeter lang und hat einen bunten Bauch. «Ein Fadenmolch», erkennt Jürg Zettel sofort, «ein Männchen im Prachtkleid.» Das Tier ist in Balzstimmung, später im Jahr wird seine Farbe unscheinbarer.

Schon herrscht reger Verkehr in der Plastikwanne. Die Tierchen schwimmen umher, jedes nach seinen Möglichkeiten: Die Schnecken im Zeitlupentempo, die Käferlarven gemütlich, und die Kaulquappen geben richtig Gas. Jürg Zettel gibt ein paar Wasserpflanzen ins Becken, «damit die Tiere etwas haben, um sich festzuhalten oder sich zu verstecken».

Doch für eine Kaulquappe kommt das Versteck zu spät. Sie ist offensichtlich zu nahe an der Käferlarve vorbeigeschwommen und zappelt nun in ihren Fängen. Aus ihr wird kein Grasfrosch mehr werden. Der Wasserasselmann hat vor Schreck sein Weibchen fallen gelassen. Dieses weiss seine neu gewonnene Freiheit zu schätzen und spaziert auf seinen vierzehn Beinchen davon.

Die Pflanze, die Jürg Zettel aus dem Weiher geholt hat, heisst «Wasserpest». Es ist eine aus Nordamerika eingeschleppte Art. Sie heisst nicht umsonst so. Als Unterwasserpflanze breitet sie sich rasend schnell aus und deckt alles zu. Zusammen mit dem Laub, das im Herbst von den Bäumen ins Wasser fällt, würde sie den Weiher bald zum Verschwinden bringen. «Damit der Weiher nicht verlandet, muss man ihn alle paar Jahre ausbaggern», sagt Jürg Zettel. Es wird aber jeweils nur die Hälfte ausgebaggert. In die andere Hälfte können sich Tiere und Pflanzen zurückziehen. So bleibt die Vielfalt in der Wohngemeinschaft Weiher erhalten.

Es ist schon erstaunlich, was jedes Gewässer – und sei es noch so klein – an Leben beherbergt. In der Regentonne wuseln Insektenlarven und Wasserflöhe. Die wassergefüllte Wagenspur auf einem Feldweg dient als Kinderstube für Kaulquappen. Und der Gartenteich ist ein wahres Biotop, sofern keine Fische darin ihre Runden drehen. Denn Fische räumen gnadenlos auf, fressen Wasserinsekten, Schnecken und Kaulquappen.

Wohnen und bewohnt werden

Jürg Zettel trägt begeistert einen neuen Fang herbei: eine Wasserwanze. Die macht gerade den Kopfstand: «Das silberne Glänzen an ihrem Bauch ist Luft, die sie in ihrem feinen Haarpelz gespeichert hat.» Diese Atemluft muss sie von Zeit zu Zeit an der Wasseroberfläche austauschen - wie viele andere Wassertiere auch, die keine Kiemen haben. Der Wasserskorpion, zum Beispiel, hält seinen vermeintlichen Stachel zum Wasser hinaus. In Tat und Wahrheit ist dies ein Schnorchel, mit dem er Luft holt, um dann erneut abzutauchen.

Ihre Wohnung stets mit dabei hat die Köcherfliegenlarve. Das Tier schützt mit einem selbst gebauten Köcher seinen weichhäutigen Hinterleib. Mit Spinnseide und allerlei Baumaterial, das sich auf dem Teichgrund so findet, baut sie ihre Ritterrüstung. Dabei bevorzugt jede der über 100 verschiedenen Köcherfliegenarten ein ganz bestimmtes Baumaterial. Die einen nehmen Steinchen, andere sammeln Pflanzenteile. Wieder andere ziehen kleine Schneckenhäuschen vor. Dabei stört es sie nicht im Geringsten, wenn das Schneckenhaus noch bewohnt ist. Es wird einfach auf den Köcher gepflastert.

Vor lauter Begeisterung für all die Tiere im Zentimeterbereich gehen beinahe die noch kleineren Tierchen vergessen. Kopfüber hängen wenige Millimeter kleine Gesellen an der Oberfläche und filtrieren Algen aus dem Wasser. Ihre Gattungen heissen Culex oder Anopheles. Als Quälgeister sind sie jedem bekannt, sobald sie aus der Puppe geschlüpft sind und als geflügelte Wesen die Luft erobern: die Stechmücken.

Noch kleiner sind die Wasserflöhe und die Hüpferlinge. Jetzt lohnt es sich, dass Jürg Zettel Lupen mitgebracht hat. So erscheinen die Tierchen nicht mehr bloss als orange Punkte, sondern als kleine Krebschen, die sie sind. Die Daphnien, wie Wasserflöhe auch genannt werden, sind ganz zähe Burschen. Droht das Gewässer auszutrocknen, produzieren die Weibchen sogenannte Dauereier, die monate- oder gar jahrelang ausharren können, bis der Tümpel sich endlich wieder mit Wasser füllt.

Austrocknen – dieses Schicksal wollen wir der bunt gemischten Gesellschaft in unseren Plastikbecken ersparen. Nachdem unser Beobachtungshunger gestillt ist, darf die Beute unserer Teichsafari wieder zurück in den vertrauten Weiher.

 

 

 

Forschung für alle

Wassertiere kann man überall beobachten: sei es in einem Tümpel, im Gartenteich oder am Ufer eines Weihers. Die Ausrüstung dazu ist leicht zu beschaffen. Nützlich ist ein Fangnetz an einem Stiel, wie es in Fischereigeschäften oder auch in Spielzeugläden erhältlich ist. Dazu ein feinmaschiges Netz. Weiter braucht man ein weisses Gefäss, in dem man die gefangenen Tiere sieht. Zwei Gefässe sind noch besser: So kann man die räuberischen von den friedlichen Tieren separieren. Marmeladengläser, Teesiebe und Suppenlöffel sind weitere praktische Utensilien. Mit einer Lupe lassen sich kleine Lebewesen beobachten.

Als Nachschlagewerk sei hier ein reich illustriertes Buch empfohlen: «Der Grosse Kosmos Naturführer Teich, Fluss, See», ca. 50 Franken. Die Abbildungen auf dem Poster stammen aus diesem Buch. Das Erkunden von Wassertieren und das damit verbundene Planschen sind ein grosser Spass für Kinder. Aber Achtung: Kinder, die nicht schwimmen können, nie unbeaufsichtigt am Wasser forschen lassen.

 

 

Zum PDF und Poster

 

 

 

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