Jeden Morgen dasselbe Schauspiel: Ballone. Hunderte davon. Noch liegt die Nacht über Kappadokien, als die Piloten schon in ihren Körben stehen. Erfahrene Männer wie Eray Bora, der rund dreihundertmal pro Jahr hier in die Lüfte steigt und in seiner dunkelblauen Uniform aussieht wie ein Jetpilot. Als käme sie aus dem Rachen eines Drachen, lässt er eine Gasflamme in die Ballonhülle schiessen, die wie eine mächtige Laterne in der Dunkelheit leuchtet und sich langsam weiter aufrichtet.
Früher zogen Besucher nur wandernd durch diese Gegend in der Türkei. Seit man hier aber perfekte Windverhältnisse für Heissluftballone entdeckt hat, gleiten Reisende jeden Tag in der Morgendämmerung darüber hinweg. Über die Türme aus Tuffstein, die Felsrücken mit hundert Tentakeln und Dörfer, deren Häuser wie siamesische Zwillinge in das sandfarbene Gestein gewachsen sind.
Als Eray Boras Ballonhülle aufrecht über ihm schwebt, lässt er seine Passagiere in den Korb klettern. Um wenige Augenblicke später still – andächtig still – in den Himmel zu steigen, während die kühle Luft des Septembermorgens sich im Korb mit der Wärme der Gasflamme vermischt und das hellblaue Licht über die Landschaft fliesst. Höher und höher hinauf trägt der Ballon Pilot und Passagiere. So hoch, bis Tufftürme, Felsrücken und die Dörfer Göreme und Uçhisar zu kleinen Mustern werden. Ein wenig wie Rahmverzierungen auf einer riesigen Torte.
Viel redet Eray Bora nicht während der Fahrt; er lässt seine Gäste staunen. Nur einmal streckt er den Arm aus, deutet nach Osten und sagt: «Erciyes – the highest volcano of Cappadocia». Der höchste Vulkan Kappadokiens. Fast viertausend Meter hoch, thront dieser wie ein König über Zentralanatolien und ist selbst im Spätsommer verschneit.
Heute ist Erciyes ein ruhender Vulkan, genauso wie sein Vetter Hasan, der gut 200 Kilometer weiter westlich liegt. Zusammen sind die beiden Berge aber für die Rahmkringel unter dem Ballon verantwortlich: Meterdicke Schichten von Asche schleuderten sie vor ein paar tausend Jahren immer wieder über das Land. Asche, die zu jenem weichen Gestein wurde, in welches Wind und Wetter im Laufe der Zeit diese typischen Felsformen Kappadokiens schliffen. Und bis heute schleifen.
«Kappadokien ist ein Traumland», sagt Wanderleiter Lütfi Okur seinen Gästen gern. Kappadokien ist ein Ort, den man sich nicht vorstellen kann und an den sich Auge und Geist erst einmal gewöhnen müssen. Denn wer hier zum ersten Mal zu Fuss unterwegs ist, wandert durch Felsformationen, wie wir sie auf dem Mond oder noch weiter weg, auf dem Mars, erwarten würden: Tufftürme, die wie erstarrte Flammen in den Himmel züngeln, und weisse Felsrücken, die Falten werfen, als wären sie aus Tuch.
Ein wenig an Sandburgen nach einem Regenguss erinnert die Landschaft hier. Bloss viel grösser. Und trockener. Manche der Wanderwege sind so staubig, als wäre seit Jahrhunderten kein Regentropfen mehr auf diesen Boden gefallen. Dank dem Schnee im Winter und den Rinnsalen im Sommer wandern Besucher aber dennoch mitten in Sand und Stein an Hainen vorbei. An kleinen Oasen, in denen Quitten und Äpfel schwer an den Ästen der Bäume hängen, darunter wilder Spargel aus dem Boden schiesst und Brombeeren im Gestrüpp dunkel glänzen.
Der Tanz des Derwischs
Wie ein Garten Eden wirken diese Orte. Und man versteht die Menschen, die Kappadokien seit Jahrtausenden besiedelten. Die Hethiter, die Römer, die frühen Christen – sie alle höhlten den weichen Tuffstein aus. Lebten darin, brachten ihre Tiere darin unter, beteten darin und schufen über die Jahrhunderte hinweg Dörfer ganz aus Fels. Bis heute sind Göreme und Uçhisar quasi in Stein gemeisselt. Einzig die Minarette heben sich als dünne Türme ab. Ansonsten zeichnen Felsen und Dörfer dieselben Silhouetten in den Himmel.
Vielleicht ist es genau diese Einheit von Mensch und Natur, welche einen hier milde stimmt. Und vielleicht ist es auch kein Zufall, dass einige der wichtigstenMystiker und Heiligen der Weltgeschichte in Kappadokien lebten. Der heilige Basilius etwa, dessen Bildnis manche der uralten Steinkirchen hinter Göreme ziert. Oder der persische Mystiker Rumi, der hier vor fast tausend Jahren dem Sufismus mit seinen humanistischen Idealen und tanzenden Derwischen zur Blüte verhalf. Bis heute erleben Besucher in Göreme denn auch das Erbe der islamischen Mystik: Jeden Abend klingt in einem Keller amDorfrand Sufi-Musik durch das Gewölbe, und die Derwische drehen sich dazu, bis ihre Röcke zu weissen Zwirbeln werden. Ein Tanz, der seit Jahrhunderten in der muselmanischen Welt vollführt wird, um dem Göttlichen näher zu sein.
Und heute im Keller am Dorfrand vielleicht auch ein wenig, um die Reisenden zu unterhalten. Denn die Besucherzahl ist gross in den kleinen Orten Göreme und Uçhisar. Was die sanftmütige Seele der Gegend vielleichtmanchmal schmerzt. Längst stehen an den schönsten Aussichtspunkten Reihen von Verkaufsständen, in denen orientalische Musik aus den Boxen scherbelt und Händler für wenig Geld Kerzenständer aus Alabaster, kleine Derwische aus Glas und Postkarten verkaufen. Derweil sich Reisende auf Kissen vom Touristenleben ausruhen und süssen Apfeltee aus kleinen Gläsern trinken.
Doch weit ist der Weg nie ins wahre Kappadokien. Nur wenige Meter von den Verkaufsständen entfernt reiten alte Frauen in Pluderhosen auf ihren Eseln ins Nachbardorf, und Männer mit gegerbten Gesichtern und schwarzen Berets fahren auf kleinen Pferdewagen Trauben und Nüsse in die Stadt.
Die Geschichte des Kuaförs
Vielleicht ins nahe Avanos. Einen Ort, wie man sich den blühenden Orient vorstellt. Mit einem Hauptplatz, an dem die Alten in Teehäusern sitzen und sich die Zeit mit Kartenspielen vertreiben, während Ömer Zorlu nebenan in frisch gebügeltem Hemd in der Tür seines Coiffeurladens steht und winkt, wenn hie und da ein ausländischer Gast über den Platz schlendert. «Venez, Messieurs, je vais vous raser!», ruft er dann in makellosem Französisch. Auf so charmante Weise, dass alle bei Ömer eintreten. Auf den Coiffeurstuhl sitzen und sich rasieren lassen. Dazu einen starken Schwarztee serviert bekommen und zum Schluss mit Zitronenwasser eingerieben werden.
Seit 35 habe er sein Geschäft hier, erzählt der türkische «Kuaför», während sein Rasiermesser über die Wangen eines Kunden gleitet. Seine Eltern seien aber keine Coiffeure, sondern Töpfer gewesen, wie so viele hier in Avanos. Denn dank dem Kizilirmak – dem roten Fluss – werde Avanos seit Jahrhunderten mit rötlicher Erde und Ton versorgt und sei deshalb zur Stadt der Töpfer geworden. Was unübersehbar ist: In jeder Seitengasse steht irgendwo die Tür zu einer Töpferei offen und an Hauswänden, in Eingängen, auf Verkaufsständen – überall glänzen die mit Blumenmustern bemalten Teller und Töpfe in der Mittagssonne. Ja selbst ein Inselchen im Kizilirmak haben die Bewohner mit ihren Töpfen dekoriert. Dort sitzen nun wilde Gänse drin und schnattern, während ein Gondoliere einheimische Besucher rund um die Insel schippert.
Der Ruf des Muezzins
Selbst die oft als Halsabschneider bekannten Teppichhändler sind freundlich in Avanos. Natürlich bitten auch sie ausländische Gäste herein. Und natürlich sitzen die Gäste bald selbst auf den Teppichen, trinken türkischen Kaffee und lernen, woran man gute Knüpfarbeit erkennt. Bald aber erzählen die Gebrüder Ali und Ertan Illez nicht mehr von Wolle und Synthetik, sondern von Ankara, wo sie beide französische Literatur studiert haben, von der Geschichte Kappadokiens und der Zukunft der Türkei.
Und irgendwann gehen die Gäste wieder aus dem Laden, gerade wenn der Muezzin zum Abendgebet ruft, und merken: Von Avanos haben sie an diesem ersten Tag nicht viel mehr als den Hauptplatz gesehen. Dafür entdeckten sie einen anderen Schatz von Kappadokien: die Gemächlichkeit.
Selbst Göreme kommt zur Ruhe, wenn der Abendwind den Singsang des Muezzins über das Land trägt und die Felstürme im letzten Licht der Dämmerung einen Augenblick lang lila schimmern. Wird zu einer Traumwelt aus Tausendundeiner Nacht, über deren tiefblauem Himmel die Sichel des Mondes wandert, während sich die Stille wie ein Schleier über Täler, Tuff und Dörfer legt. Zumindest bis um fünf Uhr morgens. Wenn das Fauchen der Gasflammen wieder in der Luft liegt und der Tag früh beginnt. Mit Hunderten von Ballonen, die wie Laternen in den Himmel steigen …
WEITERE INFOS
Die «Schweizer Familie» war auf Einladung von Baumeler Reisen in Kappadokien unterwegs.
Preis: 9 Tage «Erlebnis Kappadokien » für ca. 1990 Fr. (inkl. Flüge, Halbpension und Wanderungen). Der neue Katalog von Baumeler erscheint Ende November.
Wanderungen: Die bekanntesten liegen rund um Göreme. Sie sind alle technisch einfach und zu Fuss oder per Taxi erreichbar. Knapp zwei Autostunden entfernt liegt das Ilhara-Tal, welches mit seinem Fluss und seiner üppigen Vegetation einen Ausflug wert ist.
Heissluftballons: Anatolian Balloons Cappadocia, Göreme; Preis ca. 175 Fr.; +90 384 271 23 00 www.anatolianballoons.com
Steinkirchen: In Göreme stehen viele uralte Kirchen; ebenso im Ilhara-Tal.
Avanos: Freundliche Stadt. Tipps: Rasur bei Chez Ömer, Cumhuriyet Caddesi; Besuch in der Teppichgalerie Yörük, Yukarı Mahalle Dere Sokak; Essen im Restaurant der Frauenkooperative bei der Merkez Yeni Moschee am Fluss.
Allgemeine Auskünfte: Baumeler Reisen, Zinggentorstrasse 1, Luzern, 041 418 65 65 www.baumeler.ch



































