SCHWEIZER FAMILIE: Herr Bittner, als Forscher reisten Sie regelmässig nach Alaska. Nun tun Sie dies auch als Reiseleiter. Sind Wildnis und Tourismus überhaupt miteinander vereinbar?
DAVID BITTNER: Das ist tatsächlich ein zweischneidiges Schwert. Ich könnte es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, Leute in Gegenden zu führen, die nicht über eine sinnvolle touristische Infrastruktur verfügen. Ich führe auch keine Campingreisen ins Bärenland.
Weil es zu gefährlich ist?
Nicht unbedingt, aber vor allem, weil ich dadurch mithelfen würde, diese einzigartige Wildnis zu zerstören.
Im Katmai-Nationalpark, Ihrer bevorzugten Destination, stimmt die Infrastruktur?
Genau. Diese Region ist zwar sehr abgelegen, doch seit mehr als zwanzig Jahren kreuzen einige Boote vor der Küste und bringen Passagiere zu ausgewählten Bären-Beobachtungsorten. Wir machen exklusive Reisen. Es gibt keinen Massentourismus, dafür viele Bären, Lachse und Wildnis.
Wirkt sich der stete Besucherstrom nicht zu stark auf das Verhalten der Bären aus?
Das denke ich nicht, im Gegenteil. Die Tiere haben sich an den Menschen gewöhnt, ignorieren die Touristen weitgehend und trotten oft bloss wenige Meter
an ihnen vorüber. Wenn ich hingegen alleine unterwegs bin, sind einige Tiere viel scheuer und machen bisweilen gar einen grossen Bogen um mich. Der Einzelne ist für sie off enbar ein grösserer Störenfried als eine Gruppe.
Kommenden Sommer begleiten Sie eine Leserreise der «Schweizer Familie» in den Katmai-Nationalpark. Was dürfen unsere Leser erwarten?
Garantierte Begegnungen mit Bären. Und eindrückliche Naturerlebnisse. Die Leute, die ich diesen Sommer begleitete, waren begeistert. Die Bären sind links und rechts und zum Teil sehr nahe. Ohne Abschrankung hat man das Gefühl, Teil ihrer Welt zu sein. Wer einem Bären zuschaut, wie er knapp sechs Meter entfernt Lachse aus dem Fluss fi scht, wird das nie mehr vergessen.
Ist die Sicherheit stets gewährleistet?
Ja, absolut. In der ganzen Geschichte des Bärentourismus ist noch nie etwas passiert. Aber man muss sich natürlich an die Regeln halten – wir sind in der Wildnis, nicht in einem Streichelzoo.
Was tun, wenn man einem Bären trotz allem zu nahe kommt?
Das kommt ganz auf die Situation an – und auf den Bären. Hauptsache ist, dass man nie ein Tier überrascht.
Frau Bittner, als Sie Ihren Mann einst auf einer Wildnisreise begleiteten, stand plötzlich ein gegen drei Meter grosser Kodiak-Bär vor Ihnen. Gerieten Sie da in
Panik?
CÉCILE BITTNER: Nein, ich hatte keine Angst, weil David dabei war und sogleich mit ruhiger Stimme mit ihm zu sprechen begann. Wir blieben ganz ruhig und zogen uns dann zurück.
Das klingt aber ziemlich abenteuerlich?
DAVID BITTNER: Zu einer solchen Situation kann es auf den begleiteten Reisen nicht kommen. Ich führe unsere Gäste nicht ins unübersichtliche und deshalb gefährlichere Unterholz, sondern bleibe mit ihnen stets auf off enem Feld.
Als Sie 2002 erstmals nach Alaska reisten, taten Sie dies der Lachse wegen. Wie sind Sie auf den Bären gekommen?
Ich wollte mir meinen Kindheitstraum verwirklichen. Ich war schon immer fasziniert von der Wildnis, ging auch gerne fischen und liebte die Campingferien mit
den Eltern. Da war Alaska natürlich mein Traumziel – Wildnis, Lachse, Abenteuer. Da kann man Wasserläufe hinunterpaddeln, die noch nie befahren wurden. Was ich dann auf der Kodiak-Insel auch tat. Natürlich wusste ich, dass es dort auch Bären gibt, aber ich suchte sie nicht.
Bis Sie unverhofft zwischen eine Bärenmutter und deren Junge gerieten. Wie kam das?
Das war ein schlimmes Erlebnis, ja. Ich war mit dem Kajak unterwegs, war ziemlich erschöpft , liess das Boot treiben und geriet plötzlich zwischen drei Jungbären und deren Mutter. Kaum hatte mich eines der Jungtiere entdeckt, raste schon die Bärenmutter auf mich zu. Ich sprang aus dem Boot. Versuchte, die aufgebrachte Bärin zu beruhigen – «easy Mama, easy» –, und rutschte aus. Fiel auf den Rücken. Die Bärin vor mir. Brüllte. Schlug mit der Vorderpranke aufs Wasser. Blieb stehen. Brüllte. Eine gefühlte Ewigkeit verstrich, bis sie abdrehte und zu ihren Jungen zurückrannte. Ich stand unter Schock, ich wollte nur noch nach Hause. Doch das ging nicht, der Buschpilot kam mich erst in vier Wochen abholen …
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