Zuhinterst im Bündner Val Lumnezia, im Dorf Vrin, schmiegen sich einige Holzhäuser um eine seltsame Kirche. Die für das kleine Dorf viel zu grosse Kirche baute der Misoxer Architekt Antonio Broggio vor über 300 Jahren. Mit einem barocken Turm, der bunt wie eine italienische Geburtstagstorte in die Höhe ragt, während sich darunter ein Beinhaus an die Kirchenmauer schmiegt, dessen Dach auf vier Reihen gekalkter Schädel steht. Mancher Besucher bleibt davor
stehen. Seltsam ergriffen von diesem Bau, der ihm zu sagen scheint: Schau her, Reisender, dies ist ein besonderer Ort – ein Ort, an dem du nachdenken kannst über die Freude, das Leid und die Welt.
Vielleicht ist es kein Zufall, dass diese Kirche hier steht, denn auch hinter dem Talende verbirgt sich ein besonderer Ort: die Greina. Jene Hochebene zwischen Graubünden und Tessin, auf 2200 Metern Höhe gelegen. Karg, einsam, ein Refugium der Stille. Archaisch schön. Mitte der Achtzigerjahre hätte die Ebene zur Stromproduktion geflutet werden sollen, was am Widerstand der Bevölkerung scheiterte. Seither ist sie ein Mahnmal alpiner Wildnis und ist 1996 als Schutzzone ins Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung aufgenommen worden.
Die Greina und das Ende der Welt
Bis heute ist die Greina eine stille Landschaft geblieben. Besonders im Winter, wenn die letzten Wanderer verschwunden und die Hütten verriegelt sind und sich der Schnee über Gräser, Geröll und Bachläufe legt. Zu dieser Zeit wollen meine vier Begleiter und ich die Greina seit langem besuchen. Doch steil und lawinengefährlich sind die Hänge an ihren Rändern, und bei schlechtem Wetter tappt man in der Fläche umher wie im Dunkeln ohne Lampe. So blieb uns der Zugang im Winter lange verwehrt. Bis eines Tages alles stimmt: die Schneeverhältnisse in mittleren Lagen, die Lawinengefahr, das Wetter nördlich und südlich der Alpen.
So lassen wir an einem sonnigen Vormittag die Holzhäuser und ihre viel zu grosse Kirche hinter uns und machen uns per Tourenski auf Richtung Greina.
Ziehen hinter Vrin vorbei am letzten Weiler Puzzatsch, wo die Postautohaltestelle verlassen aus dem Tiefschnee ragt, und rasten noch einmal bei der Alp Diesrut, deren Alphütte verlassen im Wind steht wie ein letzter Aussenposten bewohnten Gebiets. Danach werden wir zu Entdeckern auf der Suche nach dem Ende der Welt. Links von uns eine tiefe Schlucht, über uns verschneite Couloirs und Felsrippen und weit vorne die Schneise des Passes Diesrut, unseres Tors zur Greina.
- Seite 1 | 2 | 3
- Nächste Seite ›


































