Schweizerfamilie.ch:Warum sind Sie ausgewandert?
Nadine Brunner-Daroukakis: Mein Herz wollte schon immer auswandern. Doch irgendwie habe ich den Sprung nie gewagt. Als ich dann im Juni 2006 ein dreiwöchiges Seminar in Plakias (Südkreta) besuchte, wusste ich innerlich, dass ich endlich den richtigen Ort gefunden hatte. Als ich wieder in der Schweiz war, habe ich der Veranstalterin des Seminars geschrieben, wenn sie eine Assistentin für die Organisation der Seminare suche, würde ich mich gerne anbieten. Prompt kam die Antwort zurück – mit einem Ja. Also bin ich eine Woche später wieder nach Plakias gereist und habe meine erste Gruppe betreut.
Wie viele Kinder haben Sie, und in welchem Alter sind die Kinder?
Ich habe einen Sohn. Angelos ist 2½ Jahre alt.
Sind Sie erwerbstätig?
Zurzeit nehme ich an einem Arbeitslosenprogramm der EU teil. Es ist eine Ausbildung, damit ich später in einem biologischen Landwirtschaftsbetrieb arbeiten kann. 2007 und 2008 habe ich in einem Touristikladen als Verkäuferin gearbeitet. Seit der Schwangerschaft arbeite ich nicht mehr.
Schwangerschaft
Erhielten Sie während Ihrer Schwangerschaft betriebliche oder staatliche Unterstützung (Mutterschafts-, Vaterschaftsurlaub, Lohnfortzahlung)?
Nein, weil ich bis zur Schwangerschaft nicht genügend Arbeitstage (200 Tage wurden verlangt) auf dem Papier ausweisen konnte. Ich hatte zwar eine Saison von Mai bis Mitte November gearbeitet, was genügt hätte, doch hat mich der Arbeitgeber nur von Mai bis September versichert. Das habe ich erst nach der Schwangerschaft herausgefunden, als es um die Mutterschaftszahlung ging.
Wie verlief Ihre Schwangerschaft im Ausland?
Die Schwangerschaft fand ich hier auf Kreta eher anstrengend. Schwangerschaftsvorbereitungen, wie wir sie in der Schweiz kennen, sind auf Kreta gänzlich unbekannt. Die einzige «sogenannte» Schwangerschaftsvorbereitung war ein Gespräch bei einer Hebamme, die für ein Privatspital gearbeitet hat. Ausserdem ist das Gesundheitssystem hier sehr schwierig. In Griechenland ist es so, dass der Arbeitgeber die Krankenversicherung und die Rentenversicherung für den Arbeitnehmer bezahlen muss. Je nach Branche wählt der Arbeitgeber die Krankenversicherung aus. Unterdessen haben sich die Versicherungen in Griechenland zusammengeschlossen, sodass es für die Versicherten schwierig geworden ist, den Durchblick zu behalten. Da die Verständigung mit dem von der Versicherung vermittelten Frauenarzt schwierig war (er sprach kein Englisch, und mein Griechisch war damals noch nicht so gut), entschloss ich mich für eine andere Frauenärztin, für die wir aber selbst bezahlen mussten. Um die Kosten nicht ins unerschwingliche steigen zu lassen, habe ich die Bluttests manchmal über die Versicherung machen lassen. Das bedeutete, dass ich von Sellia in die nächstgrössere Stadt Rethymno fahren musste (Insgesamt 80 km hin und zurück). Denn der Test wurde weder zur Ärztin noch zu mir geschickt.
Es gab viele Momente in der Schwangerschaft, wo ich mich einfach alleine fühlte. Mein Mann ist sehr verständnisvoll und hat mich wirklich überall unterstützt. Trotzdem hat er mich öfter nicht verstanden. Ich konnte ihm nicht erklären, was für ein Gesundheitssystem wir in der Schweiz haben und wie viele Möglichkeiten für Schwangere und werdende Eltern bei uns existieren. Ich wollte unser Kind nicht im öffentlichen Spital von Rethymno gebären. Dort sind die Zimmer mindestens mit drei Personen belegt. Das wäre eigentlich nicht so schlimm. Doch sobald ein Kind auf der Welt ist, strömen die Familienmitglieder und auch Freunde ununterbrochen zu Besuch. Der Lärmpegel steigt dermassen, dass die Neugeborenen schon am ersten Tag einen Gehörschaden bekommen. Ganz zu schweigen vom geruhsamen Schlaf.
Die Schwangerschaft sonst wäre wunderbar gewesen ohne diese Untersuchungen. Dies ist auch ein Grund, weshalb ich kein zweites Kind mehr will. Nochmals eine Schwangerschaft hier auf Kreta, das wäre ein Stress für mich. Angelos ist am 27. Juli 2009 auf die Welt gekommen. Ich war einfach froh, als er dann da war.
Wie haben Sie entbunden, und wie haben Sie die ärztliche Betreuung erlebt?
Ich hatte so meine Vorstellungen, wie ich gebären wollte. Ich wollte eine Wassergeburt, so wie das auch meine Frauenärztin gehabt hatte. Das ist auf Kreta nicht so üblich, und darum ging danach die grosse Suche los. Ein Spital auf Kreta zu finden, das den Ansprüchen einer Schweizerin entspricht – dafür braucht es entweder viel Geld oder Beziehungen. Meine Frauenärztin hatte zu dieser Zeit glücklicherweise eine eigene Hebamme angestellt, die uns dann den Vorschlag machte, dass wir ein Privatspital besuchen sollten, das ca. 1½ Stunden von unserem Wohnort Sellia entfernt liegt. Der Leiter hätte einige Jahre im Ausland praktiziert und wüsste, was im Ausland geboten wird. Also auf nach Chania!
Das Gespräch mit dem Arzt war sehr aufbauend, und die Kosten von 1000 Euro konnten wir uns auch noch leisten. Acht Wochen vor Angelos Geburt hatten wir endlich ein Spital gefunden. Was für eine Erleichterung. Mein Mann hatte am Anfang Bedenken, weil das Spital so weit weg war. Am Sonntag, 26. Juli, haben bei mir die Wehen eingesetzt. Obwohl ich eine natürliche Geburt wollte, musste ich um 5 Uhr aufgeben. Um 6 Uhr am 27. Juli kam Angelos via Kaiserschnitt auf die Welt. Nach fünf Tagen durften wir mit unserem Sonnenschein nach Hause. Mit all diesen Erfahrungen weiss ich einfach, dass ich gut auf meine Gesundheit achten muss. Denn das Gesundheitssystem lässt zu wünschen übrig (leider).
Leben mit Kind
Wird Ihr Kind fremdbetreut? Wenn ja, von wem?
Nein. Wir leben Tür an Tür mit meinen Schwiegereltern, die gerne zwischendurch auf Angelos aufpassen.
Wie stark helfen sich Mütter untereinander?
Ich bin nur mit Ausländermüttern befreundet. Wir helfen uns vor allem mit Kinderkleidern und Spielsachen aus. Der Kontakt mit Griechinnen ist hingegen schwierig. Die Erziehungsansichten und auch die Mentalität sind verschieden. Im Dorf sind die meisten Frauen vor allem mit Kindern und Haushalt beschäftigt. Auf dem Spielplatz, der gleich neben unserem Haus liegt, treffen wir selten Mütter mit ihren Kindern an. Die Rolle der Frau im Dorf, wo ich wohne, scheint mir im Vergleich zur Schweiz doch eher rückständig. Deshalb habe ich bis jetzt keine griechische Freundinnen. Das finde ich sehr schade.
Wie gut sind die öffentlichen Verkehrsmittel auf Mütter und Kinderwagen ausgerichtet?
Die öffentlichen Verkehrsmittel sind nicht auf Kinderwagen ausgerichtet. Als ich mit meinem Mann die Schweiz besucht hatte, staunte er wie ein kleines Kind, als sich der Bus absenkte, damit wir mit dem Kinderwagen leichter einsteigen konnten.
Sind Familien in Restaurants willkommen?
Familien sind in Restaurants gern gesehen.
Was für Spiel- und Freizeitmöglichkeiten haben Kinder?
Sellia ist ein 300-Seelen-Dorf. Da gibt es knapp einen Spielplatz und eine Mini-Bücherei. Für Freizeitmöglichkeiten muss man in die Stadt Rethymno (40 km entfernt) fahren.
Welche Sprache(n) lernt Ihr Kind?
Angelos lernt Griechisch und Schweizerdeutsch. Er versteht auch Deutsch.
Wie gut ist Ihr Kind integriert?
Angelos ist gut integriert, besser als ich. Im Dorf kennen ihn alle. In der Familie meines Mannes ist er das kleine Wunder, weil niemand gedacht hat, dass mein Mann (49) noch heiraten würde und später noch ein Kind hätte.
Wie lange ist der Weg zur nächsten Kinderkrippe oder zur Schule?
Wir haben seit zwei Jahren eine Kinderkrippe und einen Kindergarten in Sellia. Die Grundschule ist ausserhalb von Plakias (6 km von Sellia entfernt).
Verhältnis zur Heimat
Haben Sie noch Familienangehörige in der Schweiz? Wie oft haben Sie Kontakt zu Ihnen?
Ich habe vor allem Kontakt zu meiner Mutter und ihrem Mann. Sie kommen jedes Jahr nach Plakias-Damnoni in die Ferien.
Wie oft reisen Sie in die Schweiz?
Ich war mit meiner Familie an Weihnachten 2010 bei meiner Mutter in Oberhofen am Thunersee zu Besuch. Für meinen Mann Manolis war das der erste Besuch in der Schweiz.
Bringen Sie Ihren Kindern die Schweizer Kultur näher? Wenn ja, auf welche Weise?
Ich singe Schweizer Kinderlieder. Wir essen auch Raclette auf kretische Art. Das ist ein Raclette mit viel Gemüse und Goudakäse.
Gab es schon mal eine schwierige Situation, bei der Sie sich gewünscht haben, in der Schweiz zu sein?
Ja, sehr viele. In der Schweiz sind die Menschen sehr verwöhnt, was die Infrastruktur betrifft. Hier ist alles so kompliziert. Zwischen Theorie und Praxis besteht eine riesige Lücke. Am meisten Sorgen macht mir das Gesundheits- und Rentensystem. Da Griechenland in der EU ist, dürfen wir Auslandschweizer hier keine freiwillige AHV einzahlen. Meiner Ansicht nach ist das Rentensystem in Griechenland nicht sehr sicher. Meine Schwiegermutter erhält keine Rente, weil irgendjemand einen Fehler gemacht hat. Ich hoffe sehr, dass die Schweiz uns Schweizern in Griechenland nicht vergisst und uns die Möglichkeit gibt, wieder freiwillig zugunsten der AHV einzuzahlen.
Welche Schweizer Produkte, die Sie sehr schätzen, erhalten Sie im Ausland (an Ihrem Wohnort) nicht?
Fondue, Raclettekäse, Schweizer Bergkäse, Lindorkugeln, St. Galler Kalbsbratwurst, Cervelat, Bündnerfleisch, Zweifel Chips, Thomysenf.
Würden Sie den Schritt ins Ausland wieder tun? Gibt es etwas, was Sie anders machen würden?
Ja. Ich habe mich hier auf Kreta wieder gefunden.
Was schätzen Sie besonders an Ihrem Leben im Ausland?
Es ist das einfache Leben. Hier kann ich mich selbst sein. In der Schweiz hatte ich immer das Gefühl, ich müsste die Beste sein, sonst wäre ich niemand. Hier bin ich einfach Nadine, die Asiatin, die aus der Schweiz kommt, und nicht Nadine, die kaufm. Angestellte, die Karrierefrau, die Erfolgreiche, die alles kann.
Wir suchen weitere Schweizer Mütter, die im Ausland leben. Sind Sie selbst ausgewandert, oder kennen Schweizerinnen, die im Ausland leben? Wir freuen uns über jeden Beitrag.
So geht's: Den angehängten Fragebogen (rechts vom Bild im grünen Feld) herunterladen, ausfüllen und direkt an claudia.mueller@schweizerfamilie.ch mailen. Bitte vergessen Sie nicht, einige Fotos zu mailen, die Sie und Ihre Familie in der neuen Heimat, einen Ihrer Lieblingsplätze oder eine Sehenswürdigkeit zeigen. Die Redaktion behält sich vor, den Fragebogen zu kürzen.
Zurück zum Dossier Schweizer Mütter im Ausland





























