Atem, der wie Nebelschwaden am Gesicht hochsteigt. An den Wimpern Eisklümpchen, Raureif an den Ästen und Schnee, der unter den Füssen knirscht. Das obere Rhonetal liegt im Schatten und der Wald in Winterstarre. Ich stehe auf der Rotten-Brücke bei Münster, blicke hinauf zu den Häusern und Stadeln, blicke talabwärts zum Weisshorn, bewege die klammen Finger und geniesse die Ruhe des langsam erwachenden Tages.
Es ist still im Tal. Grad, als ob die Nachtkälte alles Leben auf Eis gelegt hätte. Doch bereits lassen die ersten Sonnenstrahlen den Gebirgskamm über Münster und Geschinen erglühen, und für einen Moment ist mir tatsächlich, als ob es etwas wärmer würde. Das Gefühl hält nicht lange an. Aber auch wenn die Temperatur eisig bleibt, ist es gleichwohl erhebend zu beobachten, wie die Sonne sich langsam über die Bergflanken tastet, sie zum Erröten bringt und den Rest der Nacht zurück in die Ritzen und Schründe der Felshänge drängt. Es ist kein Spektakel, kein heroischer Kampf des Lichtes gegen den Schatten, es ist ein bedächtiges Hinübergleiten vom Dunkel ins Helle. Aber es ist ein grossartiges Schauspiel, das kaum jemanden kalt lässt.
Winterwanderwege, Loipen und Schneeschuh-Trails
Noch sind die Langläufer nicht unterwegs. Die kommen erst nach zehn Uhr, dann, wenn Talgrund und Uferregion in der Sonne liegen und die Kälte sich nicht länger in Wangen und Nasen festbeisst. Bis gegen vier Uhr nachmittags ist dann Betrieb – auf den Loipen viel, auf den Schneeschuh-Trails und den Winterwanderwegen etwas weniger. Danach wird es wieder ruhiger, und wenn später die Sonne nur noch knapp über den Gipfeln steht, das Licht zart wird und die Schatten länger werden, senkt sich wieder Stille über das Hochtal.
Es sind die Randzeiten, an denen die Welt sich in einem besonderen Licht zeigt. Der Tag gehört im Goms den Sportlern, Ruhe Suchende und Müssiggänger tun deshalb gut daran, sich in die Wälder und Hänge zu beiden Talseiten zurückzuziehen. Auch dort gibt es gepfadete Winterwanderwege, und erst noch solche, die eine unverstellte Sicht auf das Tal bieten.
Etwa den Weg auf den Hungerberg bei Oberwald. Oder jenen zur Heiligkreuzkapelle auf dem Stalen. Es heisst, die eingangs des Blinnentals auf dem Fels thronende, 1769 am Ort einer ehemaligen Einsiedelei errichtete Kapelle befinde sich an einem Kraftort. Vor Zeiten soll dort ein wundertätiges Hutzelweibchen gelebt und Gutes bewirkt haben, die Sage vom Rottehäggi erzählt von ihr. Aber Wunder hin und Bovis-Einheiten her, das Kirchlein, das sich schon von weitem hell im dunklen Tann abzeichnet, ist auch ohne Beiwerk eine Augenweide. Und wer einmal den Aufstieg geschafft hat, fühlt sich leicht und frei. Vielleicht liegt es ja tatsächlich an den Bovis-Einheiten, vielleicht aber auch bloss an der prächtigen Aussicht. Oder daran, dass man sich hier oben weit über allem wähnt.
Schlendert man den Rottenweg entlang Richtung Geschinen, ist man nicht über der Welt, sondern mittendrin. Ein erster Langläufer zieht mit kraftvollem Stockeinsatz vorüber, weitere dürften bald folgen. Ich beschliesse, am Nachmittag zur Stalen-Kapelle zu pilgern, von Reckingen auf dem Waldweg zur Brücke über die Blinne hochzuspazieren, den Bach zu queren und zum von den in der Sonne gleissenden Blinnen- und Mittagshörnern bewachten Kirchlein hochzuwandern.
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