Der Weg der Römer

In vier Tagen zu Fuss von Thusis ins italienische Chiavenna - auf den Spuren der alten Römer und der Säumer: die Weitwanderung der Via Spluga ist ein atemberaubendes Natur- und Kulturerlebnis.

Dampf steigt von den sonnengewärmten Steinen der Schlucht auf, und Kondenstropfen fallen durch die Schwaden. Darunter zischt, gurgelt und wirbelt der junge Rhein durch den Fels. «Dies könnte die Heimat von Trollen sein», denke ich und steige über einen Zementpfad zum Fluss hinab. Ich begegne aber nur Wanderern, die ebenfalls die Viamala-Schlucht besuchen. Diesen Einschnitt, der wie eine mächtige Gletscherspalte aus Fels zwischen den Bündner Talschaften Domleschg und Schams liegt. Sie bildet den Höhepunkt der ersten Etappe auf der Weitwanderung der «Via Spluga».

Tag 1: Thusis-Zillis

Morgens bin ich in Thusis losmarschiert, und noch drei Wandertage liegen vor mir. Wie einst Römer und Säumer werde ich zu Fuss über den Splügenpass wandern und am vierten Tag das italienische Chiavenna erreichen. Im Moment scheinen deren Palazzi und Piazze aber noch weit weg, und ich habe nur Augen für eines: den jungen Rhein, der unter mir durch die Viamala donnert.

Es erstaunt nicht, graute während Jahrhunderten manchem vor dem Pfad durch die Schlucht; aber kein Weg führte an ihr vorbei, um von Graubünden nach Italien zu gelangen. «Es ging über einen bösen Weg», schrieb denn auch ein Reisender um 1600 in sein Tagebuch und empfahl, wegen Absturzgefahr vom Pferd zu steigen.

Heute erinnert nur noch der Name «Viamala» - auf Deutsch: schlechter Weg - an das einst bedrohliche Wegstück. Die Gefahren der Schlucht sind gebannt, der «böse Weg» zur Attraktion geworden.

Nach der Viamala folgt der Weg der Strasse. Immer wieder hallt das «Tütatoo» eines Postautos durch die Tunnel. Auch hier lassen die Wände des Tals wenig Raum. Erst nachdem ich die Strasse verlassen habe, tauche ich aus der Enge der Felsen wieder auf in einen lichten Wald. Weich federn die Füsse über den Nadelboden, der Duft von Harz und feuchtem Moos steigt in die Nase, und die Sonnenstrahlen zaubern Lichtspiele in die Baumkronen. Das tut gut: Die feuchte Wärme des Waldes vertreibt endlich die Kälte, die in der Schlucht in die Kleider geschlichen ist.

Dann - welch Überraschung! - trete ich unter dem Blätterdach hervor, blicke auf die Dörfer und Weiden des Schams. Als hätte ein Riese den Schrund der Schlucht mit Erde gefüllt, liegen diese hier sanft im Tal. Im Weiler Reischen raste ich noch einmal, bevor ich mich auf den Weg zum Etappenziel Zillis mache.

Tag 2: Zillis-Splügen

Bei der Dorfkirche von Zillis treffe ich am Morgen Altpfarrer Theodor Fliedner. Mit seinem weissen Bart und seiner abgewetzten Lederjacke erinnert er mich eher an einen Weltenbummler als an einen Gottesmann. Als wir eintreten, schlägt uns die kühle Luft eines Steinkellers entgegen, und als sich die Augen an das dämmrige Licht gewöhnt haben, sehe ich weisse Wände und eine hölzerne Kanzel. Erst als ich den Kopf in den Nacken lege, blicke ich auf den Schatz dieses Orts: 153 Holztafeln, auf die ein unbekannter Maler um 1110 die Christusgeschichte gemalt hat.

Theodor Fliedner erklärt mir mit gedämpfter Stimme, wo ich auf den Tafeln die Heiligen Drei Könige oder die Geburt Jesu erkennen kann. Dann zeigt er mir auf den Randtafeln Ungeheuer und in den Ecken Engel. Die Decke stellt das damalige Weltbild dar: eine unbekannte - und unheimliche! - Welt, in deren Zentrum das Abendland mit seinen christlichen Werten ein sicherer Hafen war.

Ich verlasse Zillis auf der Hauptstrasse, marschiere unter Palisaden von Zweigen und Blättern zum Dorf Donat und unterhalb des Schamserberges mit seinen grünen Weiden und weissen Kirchlein vorbei nach Andeer. Ein Ort, der mit seinen gepflasterten Gassen, weiten Plätzen und Gasthäusern an die Zeiten erinnert, als die Noblesse zur Kur ins hiesige Bad kam. Zeit zum Baden bleibt mir keine - es reicht nur für Schweinebraten und Rotkraut im Gasthaus zum Schwert.

Vorbei am Andeerer Granitwerk, in dessen Werkstatt es fräst und staubt, erreiche ich einen Waldweg. Wie bei der Viamala schieben sich hier die Talflanken zusammen, und der Pfad schraubt sich hoch durch Tannen und Gestrüpp. Wenig Platz gibt es für Weitwanderer und Fernverkehr: Immer wieder schwappt das Dröhnen der Lastwagen über den Wanderweg. Welch Wohltat, als die Felswände sich wieder weiten und vor mir der Stausee von Sufers liegt.

Die Sonne steht hinter den Gipfeln, als ich mich an der Rezeption des Hotels Weiss Kreuz in Splügen bei Hans Rudolf Luzi anmelde. Der Mann mit den weissen Strubbelhaaren und den leuchtenden Augen ist im Sommer Alphirt und führt gleichzeitig das «Weiss Kreuz» in Splügen. In diesem Haus, erzählt er mir, schliefen schon um 1500 die Säumer. Diese seien aber 18 Stunden pro Tag unterwegs gewesen und hätten hier nur kurze Zeit geruht. Ich nehme es gemütlicher, lasse den Rucksack im Zimmer mit dem knarrenden Boden von den Schultern gleiten und freue mich auf ein Nachtessen im ehemaligen Heustall des Hauses.

Tag 3: Splügen-Isola

Auf dem Weg hoch zum Splügenpass wölben sich unter meinen Sohlen die Steine des Säumerweges, der sich wie ein gerippeltes Band hinaufwindet. Jetzt wird klar, warum die «Via Spluga» als historisch wichtiger Weg zu den zwölf Kulturwegen der Schweiz gehört: Über Jahrhunderte haben die Sohlen der Säumer und die Hufe ihrer Pferde die Steine poliert. Und schon bevor es diesen Weg gab, marschierten hier die Römer vorbei.

Je höher hinauf der Saumpfad führt, desto karger wird die Landschaft. Der Wind fällt von den Felsgipfeln her über die Hänge, zerrt an vertrockneten Grasbüscheln und streicht über Schneeflecken. Nur das Röhren des Postautos auf der Passstrasse erinnert noch an die Dörfer weiter unten. Ich atme den Duft des trockenen Grases ein und geniesse die Stille.

Dann, auf einmal, steige ich nicht mehr hoch, sondern auf einer Rampe aus Natursteinen bergab. Ich habe die Passhöhe überschritten. Ob ich schon auf italienischem Boden wandere? Ich weiss es nicht - die Landschaft kennt keine Grenzen. Erst als ich in Monte Spluga, dem ersten Dorf nach der Passhöhe, einkehre, bin ich mir sicher, in Bella Italia zu sein: Auf dem Tisch stehen Grissini, der Salat wird ohne Sauce serviert.

Am Nachmittag erreiche ich die italienische «Viamala»: die Cardinelloschlucht. Zur Zeit der Säumer galt diese als gefährlichster Teil der Strecke. Die Hänge stürzen in die Tiefe und finden sich wieder weit unter mir, wo der Fluss Liro sprudelt. Und hoch über dem Wasser scheint sich der Wanderweg an die Wände zu klammern. Zwar ist er heute bei gutem Wetter ungefährlich. Dennoch: Als ich durch den Cardinello wandere, fühle ich mich winzig inmitten der Felsflanken.

Am Abend stehe ich in Isola auf dem Balkon meines Zimmers in der «Locanda Cardinello». Unter mir schlafen Katzen vor Hauseingängen, der Putz blättert von den Fassaden, und mitten im Dorf summt ein Elektrizitätswerk. Für einen Moment kriecht die Trostlosigkeit des Nests in meine Stimmung. Lange währt sie aber nicht, denn eine halbe Stunde später sitze ich mit anderen Gästen an einem Tisch in der alten Stube der Locanda, wo Gasthausbesitzer Martino Raviscioni auftischt: Insalata, Gnocchi mit Käse, Hasenbraten mit Polenta, Vino rosso, Pannacotta, Espresso und Grappa - es fehlt an nichts.

Zwischen den Gängen setzt der Wirt sich an unseren Tisch und erzählt vom «Nonno de su Nonno», dem Grossvater seines Grossvaters, der die Locanda gegründet habe. Ein wichtiges Haus sei diese gewesen, da die Säumer hier ihre Waren vom Karren auf die Pferde geladen hätten. Als die Österreicher aber nach 1800 eine Passstrasse gebaut hätten, sei dies das Ende der Locanda gewesen. Zumindest bis Nachkommen des «Nonno de su Nonno» diese wieder eröffneten.

Tag 4: Isola-Chiavenna

Am Morgen marschiere ich in Isola los, vorbei am Elektrizitätswerk, in die Wälder des Val San Giacomo, in denen es zirpt, summt und nach mediterranem Pinienwald riecht. Immer dichter wächst das Gestrüpp - die kargen Höhen des Splügenpasses scheinen weit hinter mir zu liegen.

Zwischen Granitblöcken und Bäumen, deren knorrige Stämme älter als die Steine wirken, raste ich noch einmal. Setze mich auf einen der Blöcke und lausche der Stille. Noch ein letztes Mal auf dieser Weitwanderung hieve ich dann meinen Rucksack auf die Schultern, ziehe weiter, vorbei an Fassaden mit verbleichten Heiligenbildern und Ristorante mit Neonbeleuchtung. Immer weiter nach Süden, bis sich das Val San Giacomo öffnet und Chiavenna vor mir liegt - und nicht mehr der Liro neben mir rauscht, sondern Vespas knattern.

Als ich über die gepflasterten Piazze der norditalienischen Stadt schlendere, erinnert mich nichts mehr an die Alpen. Hier blühen die Blumen auf den Balkonen das ganze Jahr über, und vor alten Palazzi wiegen sich Palmen im Wind. Bei einer Gemüsehändlerin kaufe ich eingelegte Steinpilze, flaniere weiter durch Seitengassen und setze mich schliesslich in einen der Plastikstühle vor der Konditorei Folini. Dort bestelle ich einen Espresso und ein Erdbeertörtchen, lehne mich zurück und - strecke die Beine.

 

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