Schweizerfamilie.ch: Warum sind Sie ausgewandert?
Gabriela Wyss: Mein Mann hatte ein tolles Jobangebot, um hier in Hamburg seine Doktorarbeit zu schreiben. Wir haben uns beide darüber gefreut, obschon ich nicht gerade begeistert war, nach Deutschland zu ziehen. Ich wäre lieber in ein englischsprachiges Land gezogen, vor allem auch, weil die Arbeitssituation in Deutschland nicht besonders attraktiv ist. Als Pflegefachfrau hat man viel weniger Kompetenzen und verdient auch deutlich weniger. Die Arbeit an sich habe ich trotzdem als sehr interessant und lehrreich empfunden.
Wie viele Kinder haben Sie, und in welchem Alter sind die Kinder?
Unser Sohn Leo Frederik ist 18 Monate alt.
Sind Sie erwerbstätig?
Ja, ich arbeite 50% als Kinderkrankenschwester am Universitätsklinikum Eppendorf.
Schwangerschaft
Erhielten Sie während Ihrer Schwangerschaft betriebliche oder staatliche Unterstützung (Mutterschafts-, Vaterschaftsurlaub, Lohnfortzahlung)?
Während der Schwangerschaft hatte ich alle 4 bis 6 Wochen einen Termin bei meiner Gynäkologin, diese Kontrollen wurden von der Krankenkasse übernommen. Der Mutterschutz dauert 12 Wochen. Während dieser Zeit bezahlt die Krankenkasse 67% des früheren Gehaltes. 6 Wochen nach der Geburt fängt die Elternzeit an, die maximal drei Jahre dauert. Der Arbeitgeber hält zwischenzeitlich die Stelle frei, und es gibt vom Staat Elterngeld. Als Paar erhält man Geld für 14 Monate, ein Elternteil aber maximal 12 Monate. Das Elterngeld bezahlt der Staat und bezieht sich auf das Gehalt der letzten 12 Monate vor der Geburt und beträgt 67% des Nettogehaltes, wobei hier der Maximalbetrag des Elterngelds 1800 Euro im Monat beträgt.
Ich hatte ein Jahr Elternzeit und habe ein Jahr Elterngeld bezogen. Mein Mann hatte im 13. und 14. Lebensmonat unseres Sohnes Elternzeit. Wir haben die Elternzeit sehr genossen und sind uns bewusst, dass die Situation als Eltern hier in Deutschland sehr privilegiert ist. Die Zeit war sehr entspannt, ich musste mich nicht beeilen mit Abstillen und konnte mir auch mit der Fremdbetreuung von Leo Zeit lassen.
Wie verlief Ihre Schwangerschaft im Ausland?
Problemlos. Hier wird auch viel mit Homöopathie gearbeitet und ich konnte vor der Geburt von der Akupunktur Gebrauch machen, was auch von der Krankenkasse übernommen wurde.
Wie haben Sie entbunden, und wie haben Sie die ärztliche Betreuung erlebt?
Wir haben in einer Klinik entbunden, und glücklicherweise lief alles gut. Wir fühlten uns sehr gut aufgehoben. Die Krankenkasse bezahlt 10 Hebammenbesuche, bis das Kind 10 Wochen alt ist, dann kommt sie nochmals, um Ratschläge beim Abstillen zu geben. Man ist also sehr gut betreut.
Leben mit Kind
Wird Ihr Kind fremdbetreut? Wenn ja, von wem?
Unser Sohn besucht drei Tage in der Woche eine Krippe. Hier ist es üblich, dass die Mutter nach einem Jahr wieder 20 bis 30 Stunden arbeitet (die meisten sind aus finanziellen Gründen dazu gezwungen). Bedingt durch meinen Beruf als Kinderkrankenschwester, habe ich einen 8-Stunden-Dienst, meist drei Tage die Woche. Wir sind froh, ist Leo nur drei Tage fremdbetreut. Fünf Tage wäre für ein einjähriges Kind schon sehr viel Zeit in der Kita. Von der Stadt werden sogenannte Kitagutscheine ausgestellt, je nach dem Einkommen der Eltern wird so der Eigenanteil errechnet, welchen man für die Betreuung bezahlen muss. Der Höchstsatz für 50 Stunden Betreuungszeit in der Woche ist um die 480 Euro, was nicht gerade viel ist.
Wie stark helfen sich Mütter untereinander?
Da alle Mütter beruflich stark eingebunden sind, ist die Zeit, um anderen zu helfen, begrenzt. Da aber viele zugezogen sind und keine Familienangehörigen in Hamburg haben, versuchen wir uns gegenseitig zu unterstützen, in dem wir babysitten, Infos weitergeben und auch mal ohne Kinder losziehen.
Wie gut sind die öffentlichen Verkehrsmittel auf Mütter und Kinderwagen ausgerichtet?
Eher weniger gut. Viele U-Bahn-Haltestellen haben keinen Lift und auch keine Rolltreppe. Tickets muss man oft im Bus beim Fahrer lösen, und der fährt dann auch schon mal los, ohne dass jemand den Kinderwagen festhält. Aber es besteht eine grosse Hilfsbereitschaft bei den Leuten, und gerade bei der U-Bahn- Treppe werde ich oft angesprochen, ob ich Hilfe brauche, um den Kinderwagen nach oben zu tragen.
Sind Familien in Restaurants willkommen?
Meistens ja, jedenfalls bei uns im Wohnquartier. Zurzeit ist Frühstücken mit der Familie hier sehr populär. Es gibt in unserem Stadtteil einige Lokale, die extra eine Spielecke haben und auch einen Wickeltisch.
Was für Spiel- und Freizeitmöglichkeiten haben Kinder?
Das Angebot empfinde ich als sehr gross hier. Im ersten Jahr habe ich Pekip und Babymassage gemacht, und wir sind ab und zu am Wochenende schwimmen gegangen. Durch die Aktivitäten habe ich viele Leute kennengelernt, und so war das Jahr mit Leo zu Hause sehr abwechslungsreich. Wir waren immer unterwegs und hatten was los. Auch jetzt gibt es für die Kinder Musikgarten, Turnangebote sowie Mütter- und Vätertreff, die von der Stadt organisiert werden.
Welche Sprache(n) lernt Ihr Kind?
Hochdeutsch und natürlich Berndeutsch.
Wie lange ist der Weg zur nächsten Kinderkrippe oder zur Schule?
Im Umkreis eines Kilometers befinden sich schätzungsweise 20 Kitas und 5 Schulen.
Verhältnis zur Heimat
Haben Sie noch Familienangehörige in der Schweiz? Wie oft haben Sie Kontakt zu Ihnen?
Wie haben beide unsere Eltern und Geschwister in der Schweiz. Wir telefonieren oft oder skypen. Meinen Grossmüttern, also die Ur-Omas von Leo, schreibe ich Briefe und schicke Fotos. Mehrmals täglich schauen wir mit Leo Fotos der Familie an. Von seiner Patentante hat er ein kleines Album bekommen, mit Fotos der Familie inklusive den Katzen. Leo liebt es. So ist die Familie in der Schweiz in unserem Alltag sehr präsent und selbstverständlich.
Wie oft reisen Sie in die Schweiz?
Wir fliegen etwa alle 2 bis 3 Monate in die Schweiz. Unsere Familien besuchen uns etwa 3-mal im Jahr. Als im Herbst die Kita geschlossen war, kamen mein Bruder und seine Frau eine Woche zum Babysitten, sie haben dafür extra Ferien genommen. Wir denken, dass unsere Eltern weniger Zeit mit Leo verbringen, als wenn wir in der Schweiz wären, aber dafür verbringen sie die Zeit, die sie mit ihm haben bewusster.
Bringen Sie Ihren Kindern die Schweizer Kultur näher? Wenn ja, auf welche Weise?
Ja, wir versuchen, so viel wie möglich aus der Schweiz in unseren Alltag zu integrieren. Mit Leo hören wir Kinderlieder auf Schweizerdeutsch, aber auch auf Hochdeutsch. Wir haben Grittibänze gebacken und werden wohl in Zukunft auch den ersten August feiern. Und an Weihnachten wird hoffentlich das Christkind vorbeischauen und nicht der Nikolaus oder ein Rentier.
Gab es schon mal eine schwierige Situation, bei der Sie sich gewünscht haben, in der Schweiz zu sein?
Nein, höchstens als zwei meiner engen Freundinnen schwierige Situationen erleben mussten, wäre ich gerne bei ihnen gewesen.
Welche Schweizer Produkte, die Sie sehr schätzen, erhalten Sie im Ausland (an Ihrem Wohnort) nicht?
Fertigen Kuchenteig, Bündnerfleisch, Fasnachtschüechli, Bimbosan-Nahrung und Oxyplastin-Wundsalbe für Leo. Grundsätzlich vermisse ich das Einkaufen in der Migros und im Coop. Hier muss man in verschiedene Geschäfte gehen, um alle Sachen einzukaufen.
Würden Sie den Schritt ins Ausland wieder tun? Gibt es etwas, was Sie anders machen würden?
Ja, auf jeden Fall. Wir werden im März in die USA ziehen, und ich denke, es wird vieles nochmals ganz anders sein als hier. Das Hochdeutsch hat den Start und das Leben hier schon einfacher gemacht.
Was schätzen Sie besonders an Ihrem Leben im Ausland?
Das Jahr Elternzeit und die zwei Monate, die Christof hatte, waren für uns sicherlich ein Highlight. Ein riesiges Privileg für uns alle drei. Wir haben die Zeit sehr genossen und sind uns bewusst, dass wir das in einem anderen Land nicht gehabt hätten.
Wir suchen weitere Schweizer Mütter, die im Ausland leben. Sind Sie selbst ausgewandert, oder kennen Schweizerinnen, die im Ausland leben? Wir freuen uns über jeden Beitrag.
So geht's: Den angehängten Fragebogen (rechts vom Bild im grünen Feld) herunterladen, ausfüllen und direkt an claudia.mueller@schweizerfamilie.ch mailen. Bitte vergessen Sie nicht, einige Fotos zu mailen, die Sie und Ihre Familie in der neuen Heimat, einen Ihrer Lieblingsplätze oder eine Sehenswürdigkeit zeigen. Die Redaktion behält sich vor, den Fragebogen zu kürzen.
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