Sie hat sich über das Haschemitische Königreich Jordanien gelegt. Über die schroffen Felsen und die weiten Hochebenen der Wüste. Über das Rote Meer vor dem kurzen Küstenstreifen der Hafenstadt Aqaba im Süden. Und sie durchdringt die Tiefe des Ozeans: die Stille. Jordanien ist zuallererst das Königreich der Stille. Im Herzen des Nahen Ostens, in einem Fels- und Wüstenland doppelt so gross wie die Schweiz umgibt sie die Nomaden seit Tausenden von Jahren auf ihrer ewigen Suche nach Wasserquellen. Sie schenkt ihnen Ruhe und ein Zuhause. So ist es bis heute.
«In der Stille fühle ich mich geborgen», sagt der junge Beduine, der uns auf dem Weg durch die Wüste Wadi Rum in sein Zelt bittet. Er füllt die Tassen mit süssem Tee. Es duftet nach Zimt und Koriander. Leise flattern die Tücher des Zeltdaches im Wind. Dann sagt der Beduine: «In der Stille Jordaniens verbergen sich viele Geheimnisse. Wer genau hinhört, wird sie entdecken.»
Es sind kleine Wunder. Nicht bloss in der Wüste, auch im Roten Meer wenige Kilometer vor Aqabas Küste, an einem Ort, den die Taucher First Bay nennen.
Die Tauchausrüstung von 20 Kilogramm ist im Wasser kaum spürbar. Behutsam lasse ich die Luft aus der Weste. Fühle, wie der Bleigurt den Körper in die Tiefe zieht. In eine Welt aus Blau. Die Sonne schickt ihre Strahlen wie Pfeile durchs Wasser. Lässt die Landschaft aus hellen, runden Korallenköpfen grünlich
schimmern. Dazwischen glänzen gelbe Kelchkorallen. Rosarot und lila erheben sich kleinere Himbeerbuschkorallen. Und kurz leuchtet es orange aus einer
Riesenmuschel, die sofort ihren Mantel schliesst, als sie meine Bewegung im Wasser spürt.
Tauchen ist wie ein zärtlicher Kuss
In dieser Welt gleitet der Körper schwerelos, lässt sich durch die Schönheit der Landschaft treiben. Der französische Meeresforscher Jacques Yves Cousteau
fand einst treffende Worte für diesen Zustand: «Tauchen ist für mich wie ein zärtlicher Kuss.» Der Tiefenmesser zeigt 18 Meter. 50 Minuten sind seit dem Abtauchen vergangen. Es ist Zeit, zum Boot zurückzukehren. Die Füsse schieben den Körper mit leichten Flossenschlägen voran. In den Ohren das rhythmische Blubbern des Atems aus dem Lungenautomaten.
Der Kopf leer und frei. Da erscheint sie. Wie in einem Traum aus frühen Kindertagen, als alle Tiere fliegen konnten. Lautlos schwebt die riesige Karettschildkröte heran. Balanciert den schweren Panzer mühelos durch das klare Blau. Wie eine Eminenz aus der Tiefe. Als wir aneinander vorbeischwimmen, treffen sich unsere Blicke.
Momente wie dieser locken Freizeittaucher nach Aqaba, Jordaniens einzigem, bloss 30 Kilometer langen Zugang zum Roten Meer. Es kommen noch nicht viele. «Was den Tauchsport betrifft, ist die touristische Entwicklung hier praktisch stehen geblieben», sagt Rolf Schmidt, Gründer von Sinai Divers. In den letzten 30 Jahren sind in Aqaba gerade mal 12 Tauchbasen entstanden. Im Sinai, der in Sichtweite von Jordanien auf der gegenüberliegenden Seite vom Golf von Aqaba liegt, schossen in der gleichen Zeit 250 Tauchcenter aus dem Boden. An Jordaniens Küste blieb es ruhig. Zwar gibt es hier keine spektakulären Steilwände und Grossfische, doch die Korallen sind intakt und leuchten in prächtigen Farben. «Man ist hier fast immer alleine am Reef», sagt Rolf Schmidt. «So entstehen in der stillen Einsamkeit des Meeres fast schon meditative Momente.»
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