Meine «Elefanten» nannte die Schauspielerin Marlene Dietrich ihre Schrankkoffer zärtlich. Umgeben von ihnen wie von guten, verlässlichen Freunden, posierte die Diva 1936 auf dem Schiffsdeck der «SS Normandie» für ein Foto des amerikanischen Modemagazins «Harper’s Bazaar». Die sieben Riesen begleiteten die Schauspielerin auf ihrer Reise über den Atlantik, von Bremen nach New York. Auf Deckeln und Seiten prangten neben den Initialen der Künstlerin die Aufkleber von Grandhotels aus der ganzen Welt.
Es waren wunderbar gearbeitete Kisten, die meisten aus der Berliner Koffermanufaktur Albert Rosenhain. Das Sperrholz mit Vulkanfiber verstärkt, Messing plattiert, mit vernickelten Beschlägen und Zylinderschlössern versehen, die Innenseiten mit Piqué-Stofffutter ausgeschlagen. Hochkant aufgeklappt standen die Koffer als provisorische Schränke in Hotelsuiten und Schiffskabinen, manche besassen Schubladen, Kleiderstange und Bügel, andere hatten Fächer für 30 Paar Schuhe. Gewicht der Koffer: 32 Kilogramm ohne Inhalt!
Auf Schiffsreisen spielte das Gewicht des Gepäcks keine grosse Rolle. Ein Schloss hingegen war wichtig, weil die Passagiere ihr Gepäck unterwegs nicht immer im Auge hatten. Es wurde von Transportunternehmen zum Hafen spediert und danach in den Frachtraum des Schiffes verladen. Damit sie platzsparend gestapelt werden konnten, mussten die Koffer stabil und vor allem flach sein. Nicht nur Berühmtheiten wie die Dietrich, die zeitweise mit fast 80 Gepäckstücken unterwegs war, reisten mit viel Bagage. Nicht selten war man Monate von zu Hause weg, allein die Überquerung des Ozeans dauerte Wochen.
Aus diesem Grund packte man entsprechend viel ein. Kuriositäten wie Krawattenpresse, Stiefelettenwärmer, Nützliches wie Schreibmaschine, Bügeleisen inklusive Bügelbrett – alles hatte seinen bestimmten Platz im Koffer. Wenn ein zu transportierender Gegenstand wegen seiner Form oder seines Umfangs nicht in den Koffer passte, was etwa bei einem Zylinder der Fall war, entwarf man eigens Schachteln dafür. Vielfach übertraf dabei die exquisite Ausführung des Behältnisses dessen Inhalt.
Exklusive Stücke
Wer sich auf eine Reise über den Ozean begab, tat dies allerdings meist aus wirtschaftlicher Not, in der Hoffnung, sich auf einem anderen Kontinent eine neue, bessere Existenz aufzubauen. Nur wohlhabende Leute konnten und wollten sich die Schiffspassage nach Übersee aus geschäftlichen Gründen oder gar zum Vergnügen leisten. Während die meisten Passagiere ihre Habseligkeiten in Kisten, Schachteln, Körben und Säcken verpackt hatten, führten gutbetuchte Reisende kostspielige und oft exklusive, eigens für ihre Bedürfnisse gefertigte Stücke mit sich, die sie bei Ankunft und Abfahrt der Öffentlichkeit vorführten. Je zahlreicher und eleganter die Koffer und je mehr Leute zum Transport erforderlich waren, desto höher war der Status eines Reisenden.
Die Beschaffenheit des Gepäcks war ein Mittel, sich von den Mitreisenden abzugrenzen. Der Koffer stand stellvertretend für seinen Besitzer und demonstrierte die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gesellschaftsschicht. Auch die Hotelaufkleber, die den Besitzer als Viel- und Weitgereisten und als Gast von Nobel- und Grandhotels auszeichneten, erfüllten diesen Zweck. Von Marlene Dietrichs Tochter Maria Riva weiss man, dass ihre Mutter stets Ersatzkleber und Leim mit sich führte, um abgerissene Etiketten zu ersetzen.
Kaiserlicher Kofferpacker
Einer, der schon früh merkte, dass Koffer nicht nur für ihre Besitzer werben konnten, sondern auch für ihre Hersteller, war der ehemalige kaiserliche Kofferpacker Louis Vuitton. Er war ein Genie, was die optimale Ausnutzung des Raums anbetraf. Deshalb griff die französische Kaiserin Eugénie bei ihren Reisevorbereitungen sehr gern auf seine Dienste zurück. Zu Geld gekommen, eröffnete Louis Vuitton 1854 eine kleine Produktionswerkstatt, in der er mit leimgetränkten Leinenstoffen experimentierte. Der Stoff sollte den Kofferinhalt vor Wasser schützen.
Denn anders als bei den gewölbten Koffern für Kutschen lief das Wasser am flachen und deshalb stapelbaren Schiffsgepäck nicht ab, sondern blieb liegen und drang schliesslich durch den Deckel ins Innere. Vuittons stoffbezogene, wasserdichte Koffer wurden bald zum Verkaufsschlager und fanden ihre Nachahmer. Um sich von der Konkurrenz abzuheben, bedruckte er seine Stoffe mit dem bis heute bekannten Karo- und Streifenmuster und brachte seine Initialen L.V. für jedermann sichtbar an.
Mit dem Aufkommen der Eisenbahn wuchs der Bedarf an leichtem, handlichem Gepäck, das man selber ins Abteil tragen konnte. Dieser neue Koffer, der Handkoffer, besass einen Tragegriff an der Frontseite und konnte dank der schmalen Form bequem unterm Sitz oder im Gepäcknetz verstaut werden. Modelle mit Dokumententasche, Schreibutensilien und Buchfächern zeigen, wie die Zeit während der langen Zugfahrt damals genutzt wurde. Ferienreisen waren aber Anfang des 20. Jahrhunderts immer noch etwas für Privilegierte.
Erst in den 1950er-Jahren hatte die in der Schweiz überhaupt einen gesetzlich geregelten Anspruch auf Ferientage. Nach und nach konnte man es sich auch leisten, einmal oder gar zweimal im Jahr zu verreisen. Ihr Ziel erreichte Familie Schweizer mit dem Car und später mit dem eigenen Auto. Die Fahrt an den Strand von Rimini oder in die Berge lässt sich folgendermassen zusammenfassen: viel Gepäck und wenig Platz. Da musste jede kleinste Lücke im Kofferraum und zwischen den zusammengepferchten Reisenden ausgefüllt und ausgestopft werden. Geeignet dazu waren weiche Taschen, Stoffkoffer und Rucksäcke, deren Form sich dem vorhandenen Platz anpasste.
Stabil und wasserdicht
Heute, rund 80 Jahre nach Marlene Dietrichs Schiffsreise, erreichen die meisten Menschen ihr Ziel mit dem Flugzeug. Die Gewichtslimite ihres Gepäcks ist tiefer als das Leergewicht von Dietrichs Schrankkoffer. Trotzdem muss das Gepäck im Flugzeug stabil und wasserdicht sein.
Das neue Verkehrsmittel war eine Herausforderung für die Kofferproduzenten. Wie so oft half bei der Suche nach dem geeigneten Material auch der Zufall mit. Ein Brand zerstörte in der Kofferfabrik Rimowa alle Rohstoffe, die Produzent Richard Morszeck zur Herstellung benötigte. Nur die Aluminiumvorräte blieben verschont. In der Not fertigte Morszeck seine Koffer aus diesem Material und schuf damit den fürs Fluggepäck gewünschten leichten und gleichzeitig stabilen Koffer.
Inzwischen bestehen diese Koffer aus Polycarbonat, einem Kunststoff, der noch leichter ist als Aluminium und bei Druck nicht zerbricht oder Beulen bekommt, sondern nachgibt und dann wieder seine ursprüngliche Form annimmt. Die langen Wege auf ebenen Böden durch die Flughäfen haben auch zu einer weiteren Annehmlichkeit für die Reisenden geführt: Die Rollen an den Koffern machen das Tragen überflüssig und das Reisen noch einfacher.
Auch wenn sich Aussehen und Beschaffenheit des Gepäcks im Laufe der Jahrhunderte gewandelt haben, eins ist geblieben: Der Koffer ist Sinnbild des Aufbruchs, schlägt Brücken zwischen Ländern und Kontinenten, zwischen ideellen und geografischen Räumen. Holt man ihn hervor und öffnet den Deckel, entsteigt ihm der Duft von Fernweh, Sehnsucht und Erinnerungen.
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