Die Wanderung von Niederwald nach Ernen ist bei anderthalb bis zwei Stunden Gehzeit angenehm kurz – wer sie unter die Füsse nimmt, erlebt dann aber so viel, dass er gut und gern das Doppelte an Zeit braucht. Er schliesst zum Beispiel Bekanntschaft mit demjenigen Walliser, der fast Papst geworden wäre. Er lernt anhand einer Suone, einer historischen Leitung auf Holzstelzen, wie kostbar einst das Wasser war. Er verspürt angesichts einer alten Hochgerichtsstätte einen Anflug von Gruseln. Und er erfährt, wie Schönheit und Gewalt der Natur zusammengehen: Die Flüsse, allen voran der Rotten, strömen nicht, sie schiessen zu Tale. Eine Kraft- und Saft-Gegend. Und eigentlich hat das Abenteuer schon mit der Zugreise begonnen. Zuerst die Eleganz, mit der dank der Lötschberg-Neat die Eisenbahn irgendwann nach Spiez in die Tunnelunterwelt schiesst, um dann, oh Wunder! mitten im Wallis wieder zu Tage zu treten; das ging so sanft und schnell, dass man es nicht glauben will.
Wo ein Cäsar geboren wurde
Hernach die Fahrt mit der Matterhorn-Gotthard-Bahn hinauf nach Niederwald führt in ein Wildwestszenario: Der sich windende Fluss und die den Wasserlauf nachzeichnenden Bröckelfelshänge erinnern an die Rocky Mountains. Niederwald, aussteigen! Wir schauen dem Zug nach und sind alsbald allein im Grillengezirpe. Jetzt können wir losziehen Richtung Ernen, der Wegweiser steht in Sichtweite talaufwärts. Bloss, linkerhand lockt das Dorf als Ballung geschwärzter Holzdächer. Mindestens eine Kurzvisite muss sein.
Der Dorfplatz feiert einen Prominenten der Belle Epoque: Der Ritz-Brunnen ist Cäsar Ritz gewidmet, der in Niederwald 1850 geboren wurde und in Paris zu einer grandiosen Karriere startete. Kein Geringerer als Edward Prince of Wales feierte seinen Gastgeber Ritz einmal als «König der Hoteliers und Hotelier der Könige». Tröstlich ist diese Biografie im Übrigen für all jene Eltern, die einen Spätzünder in der Familie haben und sich sorgen. Ritz flog mit 17 hochkant aus seiner ersten Stelle als Kaffeekellner in Brig, nachdem er in der Schule einzig im Fach Faulenzen brilliert hatte. «Aus dir wird nie etwas in der Hotellerie. Dafür braucht es eine gewisse Begabung und ein besonderes Flair. Die gehen dir vollkommen ab!», so die Worte seines Briger Patrons. Gründlicher kann man sich im Potenzial eines Angestellten nicht täuschen.
Von Niederwald wieder hinab zu Strasse und Bahntrassee und weiter hinab zum Rotten. Was für ein Reissen, Zerren, Tosen das ist! An manchen Tagen zeigt sich der Fluss, der weiter unten «Rhone» heisst, fast weiss. An anderen Tagen schäumt er cappuccinobraun, führt Äste und Bäume mit. Wir geniessen das Spektakel von der Brücke aus, später vom breiten Weg linksseitig des Flusses. Eltern müssen dort freilich auf ihre Kinder aufpassen, ein Geländer gibt es auf dieser Passage nicht.
Monumentale Kulisse
Und schon gar nicht dürfen Eltern wenig später ihre Kinder an den Rufibach lassen, auch er sicher gemeistert durch eine Brücke. Das Geschiebe illustriert, was der Rufibach auf seinen letzten Metern vor dem Rotten anrichten kann, wenn es gewittert und er zum Schlammlawinen-Monster wird. Die Einwohner des nahen Weilers Steinhaus spüren angeblich jeweils, wie der Boden bebt. Steinhaus auf seiner Anhöhe könnte verträumter nicht sein: ein paar Holzhäuser, wieder sonnenversengt, um ein Kapellchen sich duckend. Inmitten des Friedens ist es schwer vorstellbar, dass das einst ein Transitort war.
In Zeiten der Säumerei lag Steinhaus an der Via Regia, der Durchgangsroute hinauf zur Furka. Die Händler pausierten zum Beispiel, um sich am Brunnen zu laben. Sicher traten sie dazwischen in die Kapelle und holten sich vom heiligen Antonius von Padua den Segen. Er war der Mitstreiter des Franz von Assisi und ein Gewaltsprediger, dass sogar die Fische seinen Worten lauschten.
Von Steinhaus nach Mühlebach: 30 Minuten durch Wiesland auf einem kaum befahrenen Strässchen. Das Routenstück gewährt Musse, die Aussicht zu geniessen; die Gipfel zur Rechten am Aletschgletscher wie das Eggishorn und das Gross Fiescherhorn sind monumental. Nach der beleuchteten Galerie langen wir in Mühlebach an. Das Kirchlein thront auf dem Hügel wie ein Souverän. Landesweit berühmt ist Mühlebach für die Häuser rundum: Es ist das Dorf mit dem ältesten Holzkern der Schweiz; dieser rührt zurück bis 1381. Der Prospekt zum Rundgang wartet in einer Box gleich am ersten Haus.
Papst-Berater, Zwingli-Freund
Wir flanieren, schauen, lesen, zum Beispiel darüber, wieso manche Stadel bis zu vier Türen haben (weil jede Familie und Familienfraktion ihren eigenen Ablageraum in dem Speicherding wollte). Bloss etwas wäre ein schwerer Fehler in Mühlebach: den Flecken als Museum nehmen und in eines der Häuser eintreten. Sie sind alle bewohnt von ganz normalen Menschen. Das ist nicht der Ballenberg, Mühlebach lebt; das trägt zu seinem Reiz bei.
Eines der alten Häuser verdient gesonderte Erwähnung. In ihm wurde um 1465 Matthäus Schiner geboren, in einfachen, bäuerlichen Verhältnissen. Durch den gebündelten Einsatz seiner Kräfte, durch Willensenergie und vor allem eine grosse Vision brachte er es an die Spitze des europäischen Geschehens seiner Epoche. Diese ist geprägt vom Streit des Habsburger Kaisers und des Papstes gegen den Titan Frankreich. Der Kampf dreht sich um die reichen Städte Oberitaliens.
Die Schweizer, die kurz zuvor Karl den Kühnen vernichtet haben, spielen Zünglein an der Waage. Sie sind eine militärische Grossmacht, der Kontinent fürchtet ihre Hellebarden. Schiner, Fürstbischof von Sitten, dann Kardinal, lenkt seine Landsleute auf die Seite des Papstes, feiert spektakuläre Erfolge (Novara) und schreckliche Niederlagen (Marignano). Er ist Berater des Heiligen Vaters und auch Kaiser Karls V. Und er ist ein Freund des Zürcher Reformators Zwingli, auch wenn er dessen Ideen letztlich nicht gutheissen kann. Gegen Ende seines Lebens wäre dieser Schiner wohl Papst geworden, wenn er nicht durch sein Wirken Frankreichs Hass auf sich gezogen hätte; dessen Stimmen fehlen ihm in der Wahl.
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