Auf gehts an den Wandertag 2011

Bald ist es so weit: Die «Schweizer Familie» lädt ein zum 4. Nationalen Wandertag im sankt-gallischen Neckertal. Entdecken Sie am Tag das grüne Landschaftsparadies und festen Sie am Abend mit uns in Mogelsberg.

  • Hügel, so weit das Auge reicht: Bauernhöfe bei Dicken.
  • Kleine Erfrischung zwischendurch: Familie Meier am Dorfbrunnen von St. Peterzell.
  • Die Wanderer teilen auf der Ämisegg die Landschaft mit allerlei geduldigen Zuschauern.
  • An der gedeckten Holzbrücke bei Brunnadern taucht der Necker aus seinen Verstecken auf.
  • Holz und Stein bescheren den Häusern ein langes Leben.
  • Das Neckertal hält eine Fülle von schönen Wanderwegen bereit.
  • Das Türmlihaus in Furt präsentiert sich mit einem schmucken Erker.
  • Der Säntis thront als unübersehbares steinernes Wahrzeichen über dem grünen Neckertal.
  • Die Propstei in St. Peterzell ist ein Hort der Ruhe und ein Denkmal der Geschichte.
  • Im Restaurant Rössli in Mogelsberg wartet bereits die wohlverdiente Stärkung.
  • Im Restaurant Rössli in Mogelsberg wartet bereits die wohlverdiente Stärkung.

Wenn es in der Ostschweiz eine landschaftliche Unschuld gibt, dann ist es das Neckertal. 30 Kilometer lang ist der Necker, der Talschaft und Gemeinde den Namen verleiht. Im Verbund mit anderen erdgeschichtlichen Kräften wie Alpenfaltung und Gletscherschliff hat der Fluss eine wunderlich feinräumige, von Hügeln, Hügeln und noch einmal Hügeln geprägte Geländeform geschaffen. Städte kennt das Neckertal nicht, bloss Dörfer, Weiler und aparte Einzelhöfe.

Noch besser für den Wanderer: Im Unterschied zum benachbarten Appenzellerland, dessen Berühmtheit an manchen Tagen zum Problem wird, weil zu viele Leute kommen, ist in diesem eher unbekannten Stück St. Gallen der Tourismus bescheiden geblieben. Hier im Neckertal gibt es keine Grossparkplätze, keine Halligalli-Seilbahn-Stationen, keine Autostaus an sonnigen Tagen.

Im Neckertal wandelt der Wanderer in Ruhe. Immer wieder mal ein Bauernhaus, ein paar Kühe, ein Höndli, dazwischen waltet Stille. Doch wo ist eigentlich dieser Necker?, fragt sich der Wanderer beim Dorfbrunnen von St. Peterzell – dieses bildet mit Brunnadern und Mogelsberg die Grossgemeinde Neckertal, die den 4. Nationalen Wandertag der «Schweizer Familie» ausrichtet. Der Wanderer wird das sagenhafte Gewässer die ganze Vierstundenroute über nicht wirklich zu Gesicht kriegen.

Der Necker, der übrigens Goldflitter mit sich trägt, ist diskret und schüchtern, ist ein charmanter Selbsttarner und verspielter Schlängler. Dafür wird der Wanderer sofort einer anderen Sache gewahr: St. Peterzell ist schön. Nur schon das Restaurant Schäfle mit seiner tiefroten Fassade. Regelrecht berühmt ist unter Architekturhistorikern und Baugeschichtlern das nahe Falk-Haus. Es ist mit Rokokomalereien über und über koloriert.


Eile ist hier fehl am Platz
Und dann ist da die charismatische Propstei, ein weitläufiges Klerikalgemäuer in Gelb. Die Propstei ist die Keimzelle aller Zivilisation im Neckertal: ein Rodungskloster, enstanden aus einer Eremitengründung vor einem guten Jahrtausend. Die frommen Brüder stiessen im Gefolge der Holzfäller und Kleinbauern in die Wildnis unweit des Säntismassivs vor, sie waren Vorposten christlicher Kultur. Heute ist diese Propstei vor allem ein Baudenkmal. Und, was an ihre spirituellen Ursprünge gemahnt, ein Haus der Stille, geführt von zwei Menzinger Schwestern.

Die Ruheaufenthalte sind begehrt unter all den Gestressten der Moderne. Begeben sie sich auf einen Spaziergang, begegnen sie eventuell anderen Sinnsuchern und Entschleunigern: den Jakobspilgern. St. Peterzell liegt an zwei internationalen Jakobsrouten, die vom Vorarlbergischen und Süddeutschen her kommen und sich hier vereinigen. Nachdem der Wanderer all dies beschaut und genossen hat, ist es Zeit für den Aufbruch. Doch halt, ein Haus ist da noch zu erwähnen! Sein Bewohner bewirkte doch immerhin quasi im Alleingang, dass St. Peterzell einen Postautokurs erhielt. Johann Jakob Hugentobler,
1858 bis 1920, entdeckte mit rund 50 Jahren den Geistheiler in sich.

Bald kamen die Leute von nah und fern, damit er ihnen die Bresten austreibe. Die Restaurants im Ort erlebten einen spektakulären Aufschwung. Hugentobler musste Nümmerchen verteilen, damit es nicht zu Rangeleien kam. Doch selbst in Zeiten grössten Andranges liess er es sich nicht nehmen, vor der Behandlung mit jedem Kunden das Vaterunser zu beten. Er sah seine Kraft als vom Herrgott verliehen.


Überwältigende Aussichten
Der Wanderer stellt sich die Szene vor: die vielen kranken Leute, der Hugentobler im innigen Gebet, die Wirte, die einkassieren und sich die Hände reiben. Dann zieht er endlich doch los, nimmt Abschied von St. Peterzell. Recht steil geht es durch die Schulanlage aus dem Ort, ins Grüne und auf die Ämisegg, und bald schon bietet sich Richtung Süden der perfekte Blick.

Den Necker erahnt der Wanderer bloss. Den nahen Säntis erkennt er sofort wegen der hohen Antenne. Das noch viel nähere Hemberg, ein Bijou von Kretendorf, wäre auch einmal ein Wanderziel, findet er. Und es fasziniert ihn die lang gezogene, kartoffelartige Hochalp. Hinter ihr entspringt der Necker aus urzeitlichem Schummer inmitten mehr als hundert Meter hoher Nagelfluhwände. Das Ofenloch wird, auch wenn der Slogan ein wenig holpert, «Grand Canyon der Ostschweiz» genannt. Man könnte an und in ihm jederzeit den Winnetou neu verfilmen. Gewittert es, kollern Steine ins Wasser und geben diesem einen diabolischen Schwefelgeruch mit.

Nach der Ämisegg geht es bald wieder abwärts. Und unter der abrupten Fluh mit dem lustigen Namen «Züblisnase» zeigt sich das Dörfchen Dicken. Schon wieder ein baugeschichtlich bedeutendes Ensemble – auffällig, wie im Neckertal kulturhistorische Substanz erhalten geblieben ist und die geschichtslose Lieblichkeit der Natur wirksam konterkariert. Zwei Häuserzeilen stechen von oben ins Auge und bestimmen Dicken. Sie wurden geplant angelegt. Das Högerland ist auch Textilland.

Reiche Unternehmer liessen hier weben, spinnen, sticken wie überhaupt im Kanton St. Gallen vor gut 110 Jahren ein Drittel der Menschen vom Sticken lebte. Dickens untere Häuserzeile geht auf den Fabrikanten Johann-Jakob Näf zurück und spiegelt das soziale Gefälle der Zeit um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert: Der Fergger, der die Arbeit vergab und die fertige Ware sammelte, wohnte wesentlich hablicher als die Arbeiter in den Häusern daneben. Auch Näf hatte sein Haus, residierte aber bald deutlich herrschaftlicher unten in Flawil.

Um die Kommunikation zu erleichtern, bezahlte er Dicken eine Telefonleitung. Noch ein Blick auf das Haus am Dorfhang, das auffällig bemalt ist. Hier wirkte und werkte bis zu seinem Tode 1993 der Maler Karl Uelliger. Und dann steigt der Wanderer wieder auf und gerät bös ins Keuchen. Coupiert ist dieser Pfad hinauf zur Wilket, einem markanten, von weit identifizierbaren Waldkamm. Der höchste Punkt ist durch eine nackte, senkrecht abfallende, klugerweise mit einem Zaun gesicherte Felswand gekennzeichnet.

Der Wanderer kommt an, schnauf aus, öffnet die Feldflasche, trinkt. St. Peterszell zu seinen Füssen ist nun ein Zwergendorf geworden. Bald darauf eröffnet sich weiter unten auf dem Wisflecken eine andere Perspektive: Das da vorn ist doch, ist doch, ist doch ... jawohl, das ist der Bodensee. Und der grössere Flecken ist eindeutig Degersheim. Sanft und kontinuierlich geht es abwärts. Die Hängebauchsau beim Hof Hals hat die Riesenwiese für sich und ist entsprechend gut gelaunt. Aber schüchtern ist sie und lässt sich nicht heranlocken. Das Grossgehege beim Steinenbach beherbergt eine Damhirsch-Schar, die an diesem Tag aber nicht zu sehen ist.


Auf in den Naturpark!
Kurz vor dem Weiler Ebersol zweigt der Wanderer rechts ab zum Bildberg und erhascht nur ganz kurz den Anblick eines lang gezogenen Hauses: Dort wird erklassiger  Lachs geräuchert. Unter dem Namen «Balik» findet man ihn in den Luxusläden der halben Welt. Bald darauf ein noch recht neues Blockhaus auf der Anhöhe über Mogelsberg. Die Hölzigen haben es erstellt, um Können und Schönheit ihrer Profession vorzuführen, es dient als Naturpavillon und Ziel von Schulausflügen.

Die Hölzigen: Das sind im lokalen Jargon jene Berufsleute, die in der Region dominieren, Waldarbeiter, Säger, Zimmerleute, Schreiner, Förster. Dölf Fäh, mit dem der Wanderer am Schluss der Route im formidablen, naturnah kochenden Restaurant Rössli Mogelsberg den Zmittag nimmt, ist so ein Hölziger. Der frühere Gemeindepräsident führte eine Sägerei. Heute ist er pensioniert und ein passionierter Wanderer. Als solcher ist der fafür verantwortlich, dass am 4. Nationalen Wandertag der «Schweizer Familie» die drei von ihm bestimmten Routen - die hier besprochene ist die strengste - korrekt beschildert und die Wege in Ordnung sind.

«Das kriegen wir hin», lacht er und erzählt, wie man recht spät beschloss, für den Wandertag zu kandidieren. Und wie man sich freute, als man gewann. Neben Fäh sitzt Neckertals Gemeindepräsidentin Vreni Wild. Sie berichtet mit Begeisterung vom Projekt, die Gegend zum regionalen Naturpark zu machen. 2013 stehen in den Partnergemeinden die Abstimmungen an.

Wird hier klappen, was in anderen Regionen der Schweiz am Widerstand vor allem der Bauern scheiterte? Vreni Wild glaubt daran. Sie sagt aber auch, es komme darauf an, die Leute vom Nutzen eines solchen Parks  zu überzeugen. Nach dem grundsätzlichen touristischen Potenzial des Neckertals gefragt, antwortet sie kritisch: «Es dürfte noch mehr Gästebetten haben.» Andererseits: «Dies ist das ideale Wandergebiet. Das sanfte Auf und Ab macht es aus. Man sieht immer wieder Neues und hat immer wieder frische Aussicht. Langweilig wird es Ihnen hier nie.»

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