Eine zweitägige Wanderung durchs alpine Voralberg

Eine Bergwanderung durch den Bregenzerwald führt in eine einzigartige Landschaftsinstallation. Natur und Skulptur verschmelzen zu einem begehbaren Panorama.

  • Eine der hundert Gormley-Figuren im Bregenzerwald steht am Saloberkopf und schaut auf den Biberkopf im Hintergrund.
  • Der Mohnenfluhsattel ist mit seinen 2315 Metern der höchste Punkt der Zweitageswanderung.
  • Die Idylle rund um den Körbersee beschliesst die erste Tagesetappe.
  • Die Kriegeralpe belohnt den Wanderer am Schluss der zweiten Tagesetappe mit währschaften Vorarlberger Gerichten.
  • Die Wanderung am ersten Tag bietet tolle Aussichten, hohe Berge und eine richtige Alpbeiz.
  • Der junge Bernhardiner Barry begrüsst jeden Besucher des Berghotels Körbersee persönlich.
  • Die  Bürstegg ist die schönste noch erhaltene Walsersiedlung der Region.
  • Eine Alphütte auf der Bazenalpe beim Körbersee.
  • Der Butzensee mit der Mohnenfluh im Hintergrund lädt am zweiten Tag zur Rast.
  • Das Wanghus unterhalb der Bürstegg ist eines der ältesten Walserhäuser im Bregenzerwald.

Er wird Sie erwarten, oben in den Bergen hoch über Lech. Der Mann wird gleich neben dem Wanderweg stehen. Oder weiter oben auf einem Felsen. Oder jenseits eines Tälchens in den Büschen. Er wird überall warten, hundertmal, überall zur gleichen Zeit, überall in derselben Pose, wortlos, regungslos, den Blick in der Ferne verloren. Die «Männer in Eisen» sind identische Figuren einer Landschaftsinstallation des englischen Künstlers Antony Gormley, entstanden in Zusammenarbeit mit dem Kunsthaus Bregenz, und bis August 2012 im Bregenzerwald zu entdecken.

Es sind 100 Eisenabgüsse des Künstlers, jede 640 Kilogramm schwer, jede für sich, stets exakt auf einer Höhe von 2039 Metern. Fest auf einem Sockel verschraubt, stumm und starr, Wind und Wetter ausgesetzt, stehen und sinnieren sie nun zwei Jahre in dieser Region des österreichischen Bundeslandes Vorarlberg.

Ein Wanderwochenende in dieser Gegend zwischen dem Nobelort Lech und dem kleinen Bergdorf Warth lohnt sich auch für Leute ohne künstlerische Erwartungen. Wer Berge liebt, und Wandern dazu, ist hier genau richtig. Die zweitägige Tour beginnt in Warth, keine 80 Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt, unterwegs ist man in einer der schönsten Regionen Vorarlbergs, und für gute Nachtruhe ist im komfortablen Hotel Körbersee an einem idyllischen Bergsee gesorgt.

Ich steige aus dem Bus. Es ist kühl, und in der trockenen, klaren Luft leuchten die Berghänge in den schönsten Herbstfarben. Der erste der zwei Tage auf dem Weg zum Körbersee ist eine einfache Bergwanderung, über weite Strecken gar ein Spaziergang – ganz ohne Ironman-Aufstiege, ganz ohne Adrenalinpassagen und ganz ohne muskelkatrige Schlotterabstiege – aber mit tollen Aussichten und hohen Bergen und auch einer richtigen Alpbeiz – einer «Jausestation».

Etwa zwei Stunden nach dem Start gelange ich zur Bürstegg, der schönsten noch erhaltenen Walsersiedlung der Region. Mehr als eine schneeweisse kleine Kirche und eine Handvoll Holzhäuser gibt es nicht, aber dem Reiz des «Dörfchens», das wunderschön auf einer kleinen Schulter sitzt, kann man sich schwer entziehen. Und dann hat es hier kühles Brunnenwasser und oben auf dem Gupf ein Kreuz mit einer Bank für eine Rast.


Walser Siedlungen
Lech, Warth und Schröcken, sie alle sind Gründungen der Walser. Im 13. und 14. Jahrhundert suchten sich viele Bewohner des Oberwallis neue Siedlungsgebiete. Ob wegen Überbevölkerung, Naturkatastrophen oder Krankheiten weiss man nicht. In alle Himmelsrichtungen zogen sie jedenfalls los, vor allem nach Süden und nach Osten, ins heutige Graubünden und bis ins Vorarlbergische. Da nun aber die guten Blätzen und Flecken in diesen Gebieten längt besiedelt waren (meist von Romanen), blieb den Wallisern, die mit der Zeit Walser hiessen, nichts anderes übrig, als höher in die Berge zu steigen, weiter oben zu siedeln und Vieh zu züch­ten. Das kannten sie bereits aus den Gom­ser Bergen.

Der Grund übrigens, dass die Walser meist Streusiedlungen anlegten, während die Romanen in kompakten Dörfern leb­ten, lag nicht in einem eigenbrötlerischen Charakter der Walser, sondern daran, dass hoch oben in den Bergen das Gras nicht so üppig wuchs. Man brauchte also mehr Umschwung für die Ernährung des Viehs und errichtete das Heim gleich bei der Weide, statt jeden Abend einen weiten Weg zurück zum Dorf unter die Füsse nehmen zu müssen.

Von der Bürstegg führt ein guter Weg über den Auenfeld- zum Salobersattel und hinab zum Berghotel beim Körbersee. Beim Salobersattel mache ich mich mit meiner etwas groben Karte auf die Suche nach einem der eisernen Männer. Gegen den Saloberkopf hin erkenne ich die Um­risse eines Wanderers, der gespannt in die Ferne blickt. Dort muss eine Figur sein.

Langsam steige ich hoch, den Blick am Bo­den – und finde mich alsbald statt neben dem Wanderer hinter einem düsteren, schwarz gekleideten Gesellen. Es ist Herr Gormley, in Eisen, und jemand hat ihm – als Scherz, aus Mitleid, aus Langeweile oder als künstlerisches Statement – einige Kleider angezogen, die mich erfolgreich getäuscht haben. Etwas unheimlich kommt es mir vor, neben dieser regungslosen Figur mit einem schwarzen Kapuzenpulli zu stehen. Und fast erwarte oder befürchte ich, dass er seinen Kopf langsam zu mir dreht und mich mit einem starren Blick aus eisernen Augen mustert. Warum sind die Männer hier? Was trieb den Künstler an? Warum sind die Figuren alle identisch? Und wirken doch so individuell?

Die eisernen Männer sollen schon im Wattenmeer gestanden haben und auf Wolkenkratzern – was «denken» sie nun wohl über diese Bergwelt? «Wer sind wir, was sind wir, wo kommen wir her, und wohin führt unser Weg?» Das sind die Fragen, die den Künstler zu diesem Werk inspiriert haben. «Wir haben noch weitere 6 Milliarden Jahre in diesem Sonnensystem vor uns und müssen entscheiden, ob wir uns im Einklang mit der Natur wei­terentwickeln können oder nicht.»

Es ist schon spät, als ich zum Berghotel Körbersee gelange. Und ich werde erwar­tet. Nicht von einer reglosen Gestalt, son­dern von einem waschechten Bernhardi­ner, der zu mir trottet und mich mit feuchter Nase und triefenden Lefzen be­grüsst. «Er ist noch ganz jung», meint Marianne Schlierenzauer, die Wirtin, die Blumen vor dem Haus gepflegt und mich hat kommen sehen. «Er begrüsst alle neuen Gäste persönlich. Aber wenn er mal älter wird, wird er wohl ruhiger werden und auch mal einen Nachmittag vor dem Haus durchschlafen.»

Das Berghotel ist wie gemacht, um sich zurückzuziehen von der Hektik des Alltags. Es ist fantastisch gelegen, etwas erhöht über einem unberührten Bergsee und mit schönstem Blick auf die 2649 Meter hohe Braunarlspitze. In zwei Häusern bietet es unterschiedlichen Komfort, eine leckere Küche und dazu ein neues, grosszügiges Dampfbad und eine Sauna.


Eisenmann und Kriegeralpe
Am zweiten Tag wird es deutlich alpiner, denn heute steht eine richtige Bergwanderung an, komplett mit Pass und Bergsee und Fels und Geröll. Für Leute mit Bergschuhen und etwas Wanderkondition ist die Route aber problemlos machbar. Nach etwa drei Stunden erreiche ich den Mohnenfluhsattel, mit 2315 Metern den höchsten Punkt der Zweitageswanderung.

Es ist sehr windig hier, und so suche ich mir ein Plätzchen im windstillen Gras etwas unterhalb des Passes, mit schönem Blick auf den grünblau schimmernden Butzensee. Einige Wanderer kommen bereits von der Mohnenfluh zurück, mit 2544 Metern der zweithöchste Gipfel der Region. Auf einem einfachen Bergweg geht es schliesslich um den Butzensee und in einem grossen Bogen zurück und Richtung Lech. Etwa 600 Meter über dem kleinen Nobeldorf liegt die Kriegeralpe, und hier lohnt es sich, etwas Zeit zu verbringen.

Zum einen liegt rund um das Kriegerhorn die dichteste Ansammlung von Eisenfiguren des Gormley-Kunstwerkes. Und zum anderen ist da das Gasthaus Kriegeralpe. Einst nicht mehr als eine kleine Hütte der Walser, über die Jahre aber zu einem schmucken, rustikalen Gasthaus geworden, das ganz alleine in den weiten grünen Almen steht und von der grossen Terrasse den schönsten Blick auf die Wösterspitzen und den Rüfikopf bietet. Gut zu wissen: Auch wenn die Jause hier etwas länger dauert – in einigen Minuten erreicht man die Bergstation der Luftseilbahn, und diese bringt einen im Nu hinab nach Lech.


Unterwegs im Land der hundert Eisenmänner
Anreise: Direkte Züge von Zürich nach St. Anton am Arlberg (A), von hier mit dem Bus nach Schröcken oder Warth.
Rückreise: Mit dem Bus nach St. Anton am Arlberg und mit dem Zug via Buchs/Sargans in die Schweiz.
Wanderung: 1. Tag: Von Warth hoch zum Wannensee und via Bürstegg zum Auenfeldsattel. Weiter zur Oberen Auenfeldalpe (Gasthaus Auenfelder Hütte), zum Salober Sattel und hinunter zum Hotel Körbersee.
Länge 9,3 km, 640 m Aufstieg, 450 m Abstieg, ca. 4 Std, Schwierigkeit T2.
Kürzere Varianten: Mit der Steffisalpbahn von Warth auf die Steffisalpe (Ersparnis etwa 400 m Aufstieg respektive etwa 1 Stunde) oder Start in Schröcken und über die Fellalpe zum Körbersee; Wanderzeit ca. 1,5 Std.
2. Tag: Vom Berghotel Körbersee am See vorbei zum Auenfeld und zum Auenfeldsattel. Nun hoch über die Gaisbühelalpe auf den Mohnenfluhsattel. Rechts um den Butzensee herum, auf einen kleinen Sattel, zur Kriegeralpe (Gasthaus Kriegeralpe) und hinab nach Lech.
Länge 11,7 km, 740 m Aufstieg, 980 m Abstieg, ca. 5,5 Std., Schwierigkeit T2.
Kürzere Varianten: Mit der Luftseilbahn kurz nach der Kriegeralpe nach Lech runter, oder von Oberlech mit dem Ortsbus nach Lech. Ersparnis ca. 1 Std.


Wanderkarten: Blatt 33 der Reihe «Kompass», kleine Wanderkarte «Tannberg» und Wanderkarte «Bregenzerwald»; erhältlich über die Tourismusbüros
oder online: www.lech-zuers.at
Berghotel Körbersee: Zimmer ab 50 Euro pro Person mit HP; Wellness-Bereich mit Sauna, Dampfbad und Infrarot-Kabine. Familie Schlierenzauer, Tel. +43 5519 265 www.koerbersee.at
Ausstellung «Horizon Field»: www.kunsthaus-bregenz.at www.antonygormley.com
Allgemeine Auskünfte: Bregenzerwald Tourismus, Gerbe 1135, Egg (A), 0043 5512 2365 www.bregenzerwald.at Lech Tourismus, Lech (A) 0043 5583 21610
www.lech-zuers.at

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