Der Wind rauscht durch die Wipfel. Es riecht nach feuchtem Wald. Von weitem der Ruf des Kuckucks. Ein strahlender Frühlingstag. Zusammen mit meinen drei Kindern Christoph (10), Michelle (8) und Sebastian (6) spaziere ich durch das Naturschutzgebiet La Sauge VD. Wir wandeln über einen Holzsteg, der einen Teich überbrückt. Unter uns wuseln Kaulquappen im Wasser. Hunderte – nein, Tausende müssen es sein. Sanft wiegt sich das Schilf. Auf verwunschenen Pfaden gehen wir weiter durchs Unterholz. Moosbewachsene Baumstrünke, ein grüner Teppich aus Kräutern – so ein schöner Auenwald!
Brennnesseln, Raupen und Rinder
Was ist das dort oben? Ein Specht? Jetzt zahlt sich aus, dass ich beim Naturschutzzentrum vier Feldstecher gemietet habe. Christoph hat den Vogel bereits im Fokus: grün, mit roter Haube. Ein Grünspecht. Auf der Lichtung erhebt sich ein Hügel, dicht bewachsen mit Brennnesseln. Die Kinder kennen die unangenehme Seite der Nesseln, lassen sich von ihrem Vorhaben aber nicht abbringen. Sie nehmen die Pflanzen unter die Lupe und werden prompt fündig. Ein halbes Dutzend Raupen tut sich an den Nesseln gütlich. Die Kinder rätseln darüber, warum die Brennhaare der Pflanze den Raupen nichts anhaben
können und welche Schmetterlingsart sich aus den Raupen wohl entwickeln wird.
Tagpfauenauge oder Kleiner Fuchs? Hinter einem Zaun stehen ein paar zottelige Kreaturen. Es sind schottische Hochlandrinder, die hier quasi als Gärtner
wirken. Sie sollen verhindern, dass das Gelände verbuscht. Die Tiere fressen einfach alles ab, was zu hoch wächst.
Vogelraten, Vogelarten
Aus einer Hütte heraus können wir in Ruhe Wasservögel beobachten, ohne dass diese uns sehen und vor Schreck das Weite suchen. Wir spähen durch schmale Öffnungen hinaus auf einen grossen Weiher. An der Wand der Hütte eine ganze Galerie mit Bildern von allen möglichen Wasservögeln, die man hier – mit etwas Glück – entdecken kann. Bekanntere wie Stockente, Haubentaucher oder Graureiher. Dann speziellere wie Spiessente, Grünschenkel oder Flussregenpfeifer. Sebastian ruft: «Da sind ja nur schwarze Enten.» Doch ein prüfender Blick auf die Tafel überzeugt unseren Jüngsten, dass es wohl eher Blässhühner sind, die dort hinten im Wasser rudern. Der obligate Scherz mit dem verkehrt herum gehaltenen Feldstecher gehört dazu: «Papi, du bist ja ganz weit weg!»
Libellen kreisen über dem Weiher, grosse, kleine, mittlere. Da plumpst etwas ins Wasser. Ein Frosch! Nur noch der Kopf schaut heraus. Durch den Feldstecher sehen wir die kecken Glubschaugen. Der kleine Wicht äugt zwar zu uns herüber, doch sehen kann er uns kaum. Am andern Ufer entlang stelzt ein langbeiniger Vogel und stochert mit langem Schnabel im Schlick herum. Und fliegt plötzlich auf. Michelle: «Ich sehe ihn ganz genau: Wenn er die Flügel ausbreitet, ist er weiss.» Die Bildertafel an der Wand soll helfen. Ist es nun ein Grünschenkel? Gar nicht so einfach. Für Michelle ist der Fall klar: «Der ist es», und sie deutet auf das Bild des Bruchwasserläufers. Der sieht dem Tier dort draussen tatsächlich sehr ähnlich.
Derweil hat Christoph etwas ganz anders im Visier, was im Wasser auf uns zugeschwommen kommt: «Eine Schlange! Und dort, noch eine!» Jetzt wird es lebendig im Teich. Die Frösche springen in alle Richtungen davon. Doch die Ringelnatter interessiert sich nicht für sie. Sie legt sich bloss ans Ufer, um an der Sonne Wärme zu tanken.
Begegnung mit dem seltenen Eisvogel
Der Weg zur nächsten Beobachtungshütte führt an einer Infostation vorbei. Klingelknöpfe wie bei einem Hauseingang. Nur wohnen hier Herr Kleiber oder Frau Rotkehlchen. Drückt man einen Knopf, ertönt der entsprechende Gesang. Die zweite Beobachtungshütte ist dem Eisvogel gewidmet. An der Decke hängt ein Bildschirm. Mit etwas Glück kann man via Live-Übertragung den Eisvogel auf einem Ast sitzen sehen. Und plötzlich ist er da. Aber nicht auf dem Bildschirm! Sondern leibhaftig, keine drei Meter von uns entfernt! Sitzt auf einem Ast über dem Wasser und hat zwei oder drei kleine Fischlein im Schnabel. Sie zappeln noch. Der Eisvogel zeigt uns sein rostrotes Bäuchlein, wendet sich ab, das schillernd blaue Gefieder wird sichtbar, und der Prachtkerl fliegt davon.
Erstaunlich wenige Leute sind heute in diesem Naturschutzgebiet nahe dem Neuenburgersee unterwegs. Nebst ein paar Vogelfreunden mit Fernrohr und Fotoapparat begegnet uns noch eine Schulklasse, die ihre Biologiestunde unter freiem Himmel verbringt. Unvermittelt fragt Sebastian: «Sind die Tiere hier alle gefangen?» Natürlich nicht. Aber die Frage ist durchaus berechtigt. Wir haben an diesem Nachmittag so viel gesehen, dass man wirklich kaum glauben mag, dass wir nicht in einem Zoo sind, sondern draussen in der Natur.
Wir spazieren weiter, scheuchen eine Libelle auf, die vor uns auf dem Weg ein Sonnenbad nimmt. An einem Bächlein stehen Sträucher, komplett von Waldreben überwachsen. Mit etwas Fantasie erkennt man darin Märchengestalten. Dann das dumpfe Hornen eines Passagierschiffes. La Sauge liegt am Broyekanal und hat eine eigene Schiffsstation, doch wir haben ein ganz anderes Ziel: das Gartenrestaurant.
Natur erfahren leicht gemacht
Es gibt viele Möglichkeiten, die Natur vor der eigenen Haustür zu erleben. Erkundigen Sie sich auf der Verwaltung Ihrer Gemeinde. Viele Förster bieten einen Waldspaziergang an (vgl. unten). Auch lokale Vogelschutzvereine bieten Exkursionen an. Auf der Website des Schweizer Vogelschutzes findet sich eine Liste mit Links zu mehreren hundert lokalen Vereinen, geordnet nach Kantonen. Der Schweizer Vogelschutz/Birdlife Schweiz betreibt auch die beiden Naturschutz-zentren La Sauge VD und Neeracherried ZH. www.birdlife.ch/d/verband_sektionen.html
Weiter hat Pro Natura Schweiz auf ihrer Website Wandervorschläge für rund 40 Naturschutzgebiete aufgeschaltet: www.pronatura.ch Im Menü «Naturschutz» wählen, dann «Schutzgebiete erleben» und im Text «übersichtliche Liste» anklicken.
Solothurner Waldwanderung
Im Naturpark Thal kann man alleine oder mit dem Förster eine Waldwanderung machen. Die Route ist beschildert und verfügt über Themenposten. Bei diesen erfahren Sie viel Wissenswertes über die jeweiligen Standorte, deren typische Pflanzengemeinschaften und ihre Besonderheiten. Der Förster erzählt
Spannendes über den Wald und seine Bewohner. Das Angebot richtet sich an Wanderer aller Altersgruppen. Die Führung dauert 3 – 4 Stunden und kostet pro Gruppe 275 Franken.
Kontaktadresse: Region Thal, Tiergartenweg 1, 4710 Balsthal, 062 386 12 30 info@regionthal.ch
Offener Wald Toggenburg
Gemeinsam mit einem Förster und Waldpädagogen gehts auf Entdeckungsreise in den Wäldern des Toggenburgs. Beim Spielen, Forschen und Entdecken lernt man den Wald und seine Bewohner kennen. Der Wald wird mit allen Sinnen erlebt. Zum Beispiel anhand einer Geschichte. Oder beim Blind- und Barfussgehen, beim Bäume ertasten oder Rindenabzeichnen. Das Angebot richtet sich vor allem an Schulklassen, aber auch an andere Gruppen. Die Führung dauert einen halben Tag und kostet 300 Franken.
Kontaktadresse: Waldregion 5 Toggenburg, 058 229 90 97 christof.gantner@sg.ch
Sihlwald bei Zürich
Unter dem Motto «In die Wildnis mit Rangern» gehts in den Sihlwald vor den Toren der Stadt Zürich. Der Ranger oder die Rangerin erklärt viel Interessantes im Naturwald: Totholz, Tierspuren, Forschungsprojekte. Man lernt verschiedene Baumarten kennen und darf einen Blick in die Kernzone des Waldes werfen, die unter Schutz steht. Mit dem Spiegel lassen sich Baumkronen bequem betrachten, Tastsäcklein mit Fell oder Rindenstücken schärfen die Sinne. Das Programm ist eher auf Erwachsene ausgerichtet. Die Führung dauert zwei Stunden und kostet für eine Gruppe bis maximal 25 Personen 300 Franken.
Kontaktadresse: Wildnispark Zürich, 044 722 55 22 www.wildnispark.ch



























