Über alle Berge

 
| Text: Caroline Fink, Fotos: Marco Volken
 

Da liegt sie, die Cabane des Audannes, als hätte sie eine Welle aus Schnee auf ein Plateau gespült.

Autorin Caroline Fink im Aufstieg zur Cabane des Audannes.

Am Abend wird es draussen, vor der Wildstrubelhütte, fantastisch kitschig.

Vorbei an einer imposanten Felswand gleitet unsere Autorin Richtung Schnidejoch.

Drinnen führt Hüttenwartin Katja Heiniger das Zepter, mit tatkräftiger Hilfe von Söhnchen Andrin.

Ein sonniger Platz auf der Wildstrubelhütte-Terrasse – ein Moment des Glücks.

Rösti mit Spiegelei auf der Wildstrubelhütte-Terrasse – ein Moment des Glücks.

Unterhalb des Schnidejochs hat der Wind Spuren im Schnee hinterlassen.

Langsam schleicht die Sonne morgens über die Freiburger Voralpen, beleuchtet Gipfel um Gipfel.

Das garnierte Plättli gibts in der Cabane des Audannes.

Vom Wildstrubel geht der Blick westwärts Richtung Wildhorn.

Kartenstudium vor der Cabane des Audannes.

Karte der Haute Route.

Auf dem Wildstrubel gibts freie Sicht aufs Gipfelmeer.

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Mit den Tourenski zieht unsere Autorin auf einer Haute Route durch die westlichen Berner Alpen. Über Schnee, morgens hart wie Glas, und nachmittags weich wie Butter. Durch eine Welt, weiss und weit.
 

Eine halbe Stunde lang sind der Fotograf und ich auf Tourenski durch dichten Tannenwald gezogen, nun tauchen wir aus den Bäumen auf und gleiten hinein in eine weisse Welt aus Wellen und Kuppen. Einen Augenblick lang halte ich inne, drehe mich um und blicke über das Rhonetal hinweg nach Süden. Dorthin, wo das Weisshorn und das Zinalrothorn in den Himmel ragen. Stolze Gipfel, die mich sonst in ihren Bann ziehen. Doch für einmal wende ich mich von ihnen ab, um weiter nach Norden zu ziehen. Hinein in eine andere Gipfelwelt: jene der westlichen Berner Alpen, deren Kalkgipfel, Pässe und Hochebenen sich zwischen dem Unterwallis und dem Berner Oberland verbergen.

Drei Tage lang werden wir auf einer sogenannten Haute Route – einer Durchquerung ohne Abstieg in die Täler – in diesem Teil der Alpen unterwegs sein. Und bereits am ersten Tag entdecken, dass dieser unbekannte Winkel alles bietet: Mal ziehen wir an einzelnen Lärchen vorbei, mal an Felsblöcken, die Rahmhauben aus Schnee tragen. Dann, auf einmal, verengen sich die Kalkwände beidseits von uns zur Schlucht der Combe des Andins, in deren Schatten es so kalt wird, als tauchten wir ein in eisiges Wasser. Bis wir nach einer Stunde hinaustreten und vor einer Arena aus Gipfeln stehen, in deren Mitte sich eine Hochebene ausbreitet, die im Sonnenlicht wie ein weiss gleissender See leuchtet.

Der Pfarrer wird zum Hüttenwart

Mitten in diesem See entdecken wir unser Tagesziel: die Cabane des Audannes. Als dunkler Punkt liegt sie inmitten des Sees aus Schnee. Eine Insel der Geborgenheit, die uns wenig später mit einer warmen Stube empfängt, durch deren Fenster die Sonne auf Holztäfer und Holztische scheint. Von einem der Tische springt ein Herr auf. «Willkommen in der Cabane des Audannes!», sagt er, reicht uns die Hand und strahlt.

Sein Name ist Olivier Corthay, 57, und er wirkt wie einer, der zeit seines Lebens als Hüttenwart in den Bergen gelebt hat. Doch bei einer Tasse Tee und Kuchen erfahren wir, dass Olivier Corthay Pfarrer aus Genf ist und in der Cabane des Audannes eine Auszeit verbringt. «Nach dreissig Jahren im Amt ist es schön, einmal durchzuatmen», sagt er und lächelt. So steht er nun jeden Tag mit den Hüttenwarten in der Küche, begrüsst Gäste, serviert Suppe und Kaffee. Was das Schönste sei hier oben, frage ich ihn, der sonst in der Stadt lebt. Olivier Corthay überlegt, dann sagt er: «Die Stille.» Als ich spätabends noch einmal hinaus in die Nacht trete, denke ich: «Wie wahr!» Die Stille rund um die Hütte ist so tief, als wäre der Rest der Erde verschwunden. Als gäbe es nur noch diese Hochebene, die im Mondlicht silbern schimmert, während die Gipfel an ihrem Rand schwarz wie Tusche in den Sternenhimmel ragen. Und als ich in diese Stille hineinhorche, fällt mir «Schnidi» ein. Jener Mensch, der vor 5000 Jahren durch diese Gegend zog und ganz in der Nähe, am Schnidejoch, Pfeilbogen, Köcher, Pfeile, seine Schuhe – und vielleicht auch sein Leben – verlor und dessen Hab und Gut vor 13 Jahren wieder auftauchte. Ich frage mich, ob Schnidi wie ich heute diese Berge im Mondlicht gesehen hat? Was er sich bei ihrem Anblick gedacht haben mochte? Von wo kam er, und wohin wollte er? Und für einen Moment scheint mir, als würden mich die Berge über alle Zeiten hinweg mit diesem Menschen verbinden, der vor Jahrtausenden dasselbe tat wie wir heute: die Alpen durchqueren.

Am nächsten Morgen brechen wir just Richtung Schnidejoch auf, doch als wir vor der Cabane des Audannes die Felle auf die Tourenski kleben, vergessen wir Schnidi. Zu sehr sind wir mit uns selbst beschäftigt, denn noch lauert die Kälte der Nacht in der Hochebene, sticht uns in die Nase, beisst uns in die Finger und macht den Schnee hart wie Glas. Mit klammen Fingern montieren wir deshalb Harscheisen an den Bindungen unserer Tourenski – metallene Zacken, die uns im glatten Schnee Halt geben. So ziehen wir los, und vorbei ist es mit der Stille: Die Harscheisen schnarren und scheppern mit jedem Schritt, während es rund um uns scherbelt, als würden wir mit jedem Tritt einen Spiegel zerschlagen.

Die Mumie in den Ötztaler Alpen

Erst als die Sonne über die Hänge gleitet, kehrt wieder Ruhe ein: Die Wärme verwandelt den Schnee in Butter, wir verstauen die Harscheisen im Rucksack und gleiten wieder lautlos dahin. Immer nordwärts, über Hänge und Hochebenen, am sanften Gipfel des 3247 Meter hohen Wildhorns vorbei, bis wir gegen Mittag die letzten Meter hoch in einen Schneesattel steigen, der scheinbar vergessen zwischen Kalkfelsen liegt. Ich ziehe die Karte aus der Hosentasche und schaue nach: Tatsächlich, wir stehen im Schnidejoch auf 2756 Metern. Wo schon vor Jahrtausenden Menschen vorbeizogen und Gletscherarchäologen Objekte fanden, die zum Teil tausend Jahre älter sind als Ötzi, die Gletschermumie, die vor über 5000 Jahren gelebt hat und 1991 als spektakulärer Fund in den Ötztaler Alpen entdeckt worden ist. Heute indes deutet nichts auf die Geschichte dieses Jochs hin: Nur der Wind streicht über den Schnee, während die Sonne von einem metallblauen Himmel scheint. Und so setzen wir uns auf unsere Rucksäcke, essen Trockenfleisch und Roggenbrot und blicken auf die Gipfel und Schneeflanken rund um uns – genau so, wie es unsere fernen Vorfahren vielleicht auch taten.

Hinein in die warme Stube

Zwei Dinge hatten die steinzeitlichen Menschen wohl nicht: die Ski, mit denen wir danach über weite Hänge schwingen, und die Wildstrubelhütte, vor deren Tür wir uns am späten Nachmittag den Schnee von den Schuhen klopfen, um wenig später wieder in eine warme Stube einzutreten. Eine Stube, die bis heute den Charme alter Zeiten in sich trägt: Während des Nachtessens sitzen wir vor einem Specksteinofen, über den Tischen leuchten Lampen mit emaillierten Lampenschirmen, und an den Türchen eines geschnitzten Buffets erinnern Schilder mit Schnürchenschrift daran, dass dort einst der «Notproviant» und die «Apotheke» zu finden waren. Und während das Abendlicht wie lila Samt durch die Sprossenfenster schimmert, eilt Hüttenwartin Katja Heiniger, 38, zwischen Küche und Hüttenstube hin und her, trägt für fünfzig Leute Schalen voller Reis und Braten in die Stube, geht zurück in die Küche, schenkt Tee aus, kassiert Hüttentaxen und rührt weiter in den Töpfen, derweil Söhnchen Andrin, 2, mit einem Brotkorb durch die Küche trippelt und bei der Arbeit helfen will. Doch Katja Heiniger bringt nichts aus der Ruhe. «Ich bin ein Urgestein!», sagt sie und lacht. Aufgewachsen in der nahen Lenk, scheint sie zu dieser Hütte zu gehören wie die umliegenden Gipfel selbst. Und so gibt sie uns vor dem Schlafengehen auch einen Rat mit: «Die Sonne kommt morgens um zehn nach acht», sagt sie. «Es lohnt sich zu warten.»

Als wir am nächsten Morgen kurz nach acht vor der Hütte stehen, wissen wir warum: Wieder ist es kalt wie in einer Tiefkühltruhe, wieder kleben wir mit klammen Fingern die Felle auf die Ski, klinken die Harscheisen in die Bindungen, ziehen Handschuhe an – als just in diesem Moment der erste Sonnenstrahl über die Wisshorelücke schiesst. Wie warmer Honig fliesst er über die Hänge, scheint uns ins Gesicht und hüllt die Welt um uns in Goldstaub. «Die Sonne macht alles einfacher!», denke ich. Auch jetzt, als wir aufbrechen, um einmal mehr den Rhythmus des Gehens zu finden und in der frischen Luft Richtung Wisshorelücke zu steigen.

Es ist der dritte und letzte Tag unserer Haute Route, und an diesem Tag marschieren wir direkt in die Arktis der westlichen Berner Alpen. Als wir die Wisshorelücke erreichen, breitet sie sich vor uns aus: die Plaine Morte. Ein Gletscher wie ein Eisschild. Eine Wüste aus Schnee und Eis, weiss und weit, an deren anderem Ende sich der Wildstrubel mit seinen mächtigen Felsbuckeln und Flanken erhebt. Eine Stunde werden wir brauchen, um diesen Gletscherschild zu durchqueren. Eine Stunde, in der wir mit langen Schritten geradeaus gleiten, während die Gedanken schweifen. So frei, als hätten sie in dieser Weite endlich Raum. «Ob die Schweiz während der letzten Eiszeit so aussah?», frage ich mich. Dann reisen meine Gedanken wieder in die Zukunft, hin zu jener Vorstellung, dass sich anstelle der Plaine Morte eine Geröllwüste ausbreiten wird, wenn die Alpen in hundert Jahren vielleicht eisfrei sein werden. Am Fuss des Wildstrubels kehren die Gedanken zurück in die Gegenwart. Wir entsteigen der Berner Arktis, die Schritte werden wieder kürzer und der Atem schneller, als wir die Flanken des Berges hochsteigen. Erst sanft, dann steiler, in weitem Zickzack, bis wir seinen Gipfel erreichen. Oder besser: den südlichsten der drei Wildstrubel-Gipfel auf 3244 Metern. Hier rasten wir. Und staunen. Wohin wir blicken, breitet sich das Gipfelmeer aus: die Zacken der Walliser Viertausender, das Bietschhorn, die Freiburger und die Waadtländer Alpen. Es ist, als hätten wir nach diesen drei Tagen den Mittelpunkt der Alpen erreicht!

Und während wir auf alle diese Gipfel blicken, fragen wir uns, in welche Richtung wir talwärts schwingen sollen. Über den Schwarenbach nach Kandersteg? Nach Norden zur Engstligenalp? Oder durch das Ammertetäli in die Lenk? Wir entscheiden uns für die Lenk – und damit für eine Abfahrt, die uns an blau schimmernden Gletscherabbrüchen vorbeiführen wird, durch wuchtige Talkessel, über weite Flanken und durch schmale Schluchten. Hinab in eine Welt, die nach drei Tagen Fels und Eis ein Märchenland sein könnte. Ein Land, in dem Bäche rauschen, die Luft nach Moos und Erde riecht und die Sonne schon vom Frühling erzählt.


HAUTE ROUTE – GUT ZU WISSEN
Anreise: Mit dem Zug nach Sion und weiter per Bus via St-Romain bis zur Haltestelle «Ayent, Les Rousses».
Rückreise: Von der Lenk mit dem Zug via Zweisimmen nach Bern oder, je nach Abfahrtsvariante, von der Engstligenalp via Seilbahn und Bus über Adelboden und Frutigen nach Bern.
Skitour: Die im Text beschriebene Route führt von Les Rousses in die Cabane des Audannes (WS, 3 Std.), weiter über den Col des Eaux Froides und das Schnidejoch in die Wildstrubelhütte (WS, 5 Std.) und über die Plaine Morte und den Wildstrubel in die Lenk (ZS, 5,5 Std.) oder auf die Engstligenalp (ZS, 5 Std.).
Varianten: Die Route kann nach Westen ab Les Diablerets respektive ab Lauenen via Geltenhütte verlängert werden; im Osten ist eine Verlängerung via Lämmerenhütte und Schwarenbach bis Kandersteg oder via Gemmi nach Leukerbad möglich. Wer abkürzen will, gelangt vom Schnidejoch via Wildhornhütte auf die Iffigenalp.
Unterkunft: Cabane des Audannes CAS, 027 398 45 50, www.audannes.ch, Wildstrubelhütte SAC, bis 3. März geschlossen, 033 744 33 39, www.wildstrubelhuette.ch
Alpine Risiken: Die gesamte Route führt durch nicht markiertes Gelände und birgt alpine Risiken. Lawinenkenntnisse und entsprechende Ausrüstung sind unabdingbar.
Bergführer: In der Lenk, in Adelboden und Anzère können die lokalen Tourismusbüros Bergführer vermitteln (siehe unten allg. Auskünfte).
Allgemeine Auskünfte: Anzère Tourisme, 027 399 28 00, www.anzere.ch
Lenk-Simmental Tourismus, 033 736 35 35, www.lenk-simmental.ch
Adelboden Tourismus, 033 673 80 80, www.adelboden.ch

Erschienen in der «Schweizer Familie» 03/2017

 

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