Wo es einfach schön ist

 
| Text: T. Widmer, Fotos: T. Widmer, Fotolia
 

Schnee und Sonne glitzern um die Wette: Unterwegs von Habkern nach Waldegg.

lllustration: tnt-graphics.ch/Atlas der Schweiz

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Unser Wanderer geniesst im Bernischen eine Tour an der Sonne und mit prachtvoller Aussicht. Und die daheim hocken im Grau.
 

Habkern ist das Dorf, wo es viele Habichte gibt, sagt die Ortsnamenkunde. Der Raubvogel im Gemeindewappen nimmt das Motiv auf, wunderbar. Aber wo liegt Habkern? Die Bernerinnen und Berner wissen das, allen anderen sei es erklärt: Habkern liegt nördlich von Interlaken an der Grenze zwischen Berner Oberland und Emmental. Nebel in Interlaken. Ich nehme den Bus nach Habkern und weiss theoretisch, was gleich passieren wird, die Wetterprognose früher am Morgen war eindeutig. Aber so richtig glauben kann ich es nicht. Nebel ist eine Substanz, die nicht nur des Menschen Gemüt bedrückt, sondern auch seine Fantasie. Dann, auf halbem Weg, geschieht es. Die Sonne erscheint. Die Mienen der Leute im Bus erhellen sich. In Habkern Post steige ich aus, das Dorf liegt knapp noch im Schatten. Oberhalb der Post führt eine steile Treppe hinauf in den Hang. Mein Ziel ist Waldegg, ein Ortsteil von Beatenberg, ich nehme den offiziellen, pink signalisierten Winterwanderweg – und um etwas Prinzipielles zur Route vorwegzunehmen: Sie verläuft meist auf Strässchen. Diese sind zum Teil aper, es gibt vereiste Stellen, anderswo aber liegt Schnee, der wiederum planiert ist.

Zehn Minuten nach dem Start bin ich in der Sonne. Ich blicke zurück, aus dem Berggrat über dem Brienzersee schwingt sich ein markanter Gipfel, ist das der Suggiture? Meine Erinnerungen an eine Sommerbergtour vor vielen Jahren sind verschattet, ich bin nicht sicher. Obwohl ich just diesen Grat beging. Die zwei folgenden Stunden sind einfach nur schön. Es geht vorerst moderat aufwärts, die Sonne wärmt mich, und ich denke, dass ich bei aller Eincremerei vermutlich im Alter ein Gesicht haben werde wie ein in der Hurde vergessener Boskop. Via Hellboden, Bühlbach, Holzflüe komme ich stetig vorwärts an meinem Hang, der durchsetzt ist von einzeln liegenden Bauernhöfen und Ställen. Im Wald oberhalb einer steilen Felsfluh, um deren Existenz ich aufgrund meiner Wanderkarte weiss, steht ein Bänkli. Tief unten deckt der Nebel wie eine alte graue Wolldecke das Bödeli, die Ebene bei Interlaken. Ich setze mich und denke, dass dieser Ruheplatz «Schadenfreudebänkli» heissen sollte. Was für ein Gefühl, sich in der Sonne zu wissen und so viele andere im Grau; ich schicke gleich ein SMS ins Büro.

Den Blick auf den Niesen geniessen

Um Mittelhag komme ich in das Reich der Skipisten und Skifahrer. Freilich sind da nur wenige Leute. Vor der Schneebar Enzian steht eine Reihe von Liegestühlen mit Blick auf die Berner Eis-und Schneeriesen, man sieht aber auch ins Kandertal hinein und kann den Niesen geniessen. Ich kaufe mir eine Cola, hieve mich in einen der Liegestühle, schliesse die Augen, Faulheit soll walten. Kurz zuvor kam ich an einem Schild vorbei, das den Winterwanderweg zum Niederhorn anzeigte, dreieinhalb Stunden. Wäre was! Aber nicht heute!

Nach Waldegg hinab gibt es Varianten, scheint mir angesichts der verwirrlichen Signalisation. Ich selber halte via Brundli zur Strasse, auf der mein Bus retour nach Interlaken verkehrt. Ein Schild lenkt mich kurz vor der Haltestelle ab und lockt mich: Das «Beausite» annonciert feine Dinge. Ich trete ein, setze mich ans Fenster, wieder betäubender Bergblick. Der Apfelstrudel ist ofenfrisch und führt direkt zur Bilanz: So soll, so muss Winterwandern sein

Route: Habkern, Post–Wang–Hellboden–Bühlbach–Holzflüe–Mittelhag–Brundli–Waldegg (Bus).
Dauer: 2½ bis 3 Stunden je nach Verhältnissen.
Wanderkarte: 254 T, Interlaken, 1:50 000.
Einkehr: Mittelhag, Schneebar Enzian bei gutem Wetter. In Habkern und in Waldegg.
Hinkommen: Bus ab Bahnhof Interlaken West.

Erschienen in der «Schweizer Familie» 06/2017

 

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