Das erste Krippen-Museum der Schweiz

Krippen gibt es seit etwa 550 Jahren. Erst standen sie in Kirchen, dann in Wohnstuben, und bald eroberten sie die Welt. Im ersten Krippen-Museum der Schweiz sind Kunstwerke aus allen Himmelsrichtungen zu bewundern.

  • Diese Krippe mit handgeschnitzten Figuren stammt aus Brienz.
  • Monika Amrein, 58, im Bistro des Museums «Krippenwelt» in Stein am Rhein.

«Und das sei euch das Zeichen», spricht der Engel des Herrn im Lukas-Evangelium zu den Hirten, «Ihr werdet ein Kind finden, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend.» Von Ochs und Esel sprach der Engel nicht. Und doch bewachen die zwei Stalltiere in den meisten Krippendarstellungen das Jesuskind, symbolhaft auf die ärmliche Herkunft von Jesus und sein Leben in Demut hinweisend. Der Ursprung der Weihnachtskrippe rührt von Franziskus, dem Heiligen aus Assisi, aus dem Jahr 1223 (siehe auch seine Weihnachtspredigt auf der nächsten Seite): ein lebendes Krippenbild – inszeniert mit päpstlicher Erlaubnis – in einer Grotte mit Stall, Futterkrippe, Ochs und Esel, einem Elternpaar und einem Kind.

Als erste Krippe im heutigen Sinn gilt die 1562 von Jesuiten in Prag aufgebaute. Standen Krippen anfangs ausschliesslich in Kirchen, waren sie, lange bevor im 19. Jh. der Christbaum in Europa Einzug hielt, Weihnachtsaltäre in christlichen Wohnstuben. Inzwischen haben sich die Krippen mit mystischer Macht über die Länder des Erdballs  ausgebreitet. Bestaunen und bewundern kann man sie seit Ende Oktober im ersten Schweizer Krippen-Museum «Krippenwelt» in Stein am Rhein SH.

Über Jahrzehnte sammelten die Initianten Monika Amrein und Alfred Hartl über 700 Krippen aus über 80 Ländern. Entworfen wurden sie von Laien und Künstlern im Umfeld ihres Lebensraums, und in den meisten stehen Ochs und Esel, selbst dann, wenn sie dort nicht heimisch sind. In anderen Krippen, wie der Ebenholzkrippe aus Afrika, wurden sie durch Nashorn und Nilpferd ersetzt, in einer Krippe aus den Anden halten Lamas ihre Köpfe über das Wickelkind. Auch Jesu, Maria und Josef tragen ihre Köpfe auf langen Hälsen. «Weil das Lama in den Anden», erklärt Monika Amrein, «überlebenswichtig ist; es ist Lasttier, liefert Wolle, Milch und Fleisch.»

Das Interessanteste an den Krippendarstellungen aber sei, fährt Monika Amrein fort, dass die Geburt Jesu so dargestellt würde, als hätte sie im Land ihrer Kultur stattgefunden. «Weder Napoleon, Cäsar, Alexander der Grosse oder andere bedeutende Persönlichkeiten können sich dessen rühmen. Einzig Jesus wird in ihre Kultur integriert.» Zudem würden die Völker ihnen bekannte oder zur Verfügung stehende Materialien verwenden. Wer das Fest feiern wolle, mache sozusagen aus Nichts eine Krippe: Sklaven in Brasilien aus Jute zerschlissener Kaffeesäcke, Bewohner Ruandas aus Bananenblättern, Indios von den schwimmenden Strohinseln des Titicacasees aus Stroh. Es gebe kein Material, so Monika Amrein, das nicht Verwendung fände, von Holz über Ton, Filz, Keramik, Wachs bis hin zu Papier.

Das alles und noch viel mehr findet der Besucher auf den drei Stockwerken des siebenhundertjährigen Hauses an der Oberstadt in Stein am Rhein. Im Bistro des Erdgeschosses mit Museumsshop stehen Krippenfiguren verschiedener Länder sowie Schwippbögen und Weihnachtspyramiden aus dem Erzgebirge zum Verkauf. Monika Amrein kennt die Lieferanten. Nichts ist «made in China». Erzgebirge ist Erzgebirge, Südtirol Südtirol, Estland Estland, Italien Italien. Angelangt im Museum, weiss der Besucher nicht, wohin er sich zuerst wenden soll. Zur goldenen Krippe aus Polen. Zur einfachen, aus Holz geschnitzten aus Böhmen. Zur Zinnkrippe aus Deutschland. Schon wird sein Blick gefangen von der Krippe aus Brienz, einer aus Frankreich, einer aus Bayern im Trachtenlook, einer mexikanischen aus dünnem Blech, einer Glaskrippe aus Italien, einer südamerikanischen aus gefalteten Zeitungen.

Tief berührt die Krippe aus Granatensplittern des Sechstagekriegs. «Auf sie stiessen wir vor Jahren zufällig am Christkindlimarkt in St. Gallen. Ein reformierter Pfarrer hatte die Splitter nach dem Sechstagekrieg vor 44 Jahren von Israel heimgebracht. Um Jesus als Friedensfürst in seinem bis heute umkämpften Geburtsland zu symbolisieren.
Der Rundgang endet beim Prunkstück des Museums, der Marolinkrippe aus Thüringen, reich bestückt mit über 800 Figuren auf verschiedenen Ebenen.

Sie erzählt mehr als die Weihnachtsgeschichte. Auf einer Wolke liegen Adam und Eva im Paradies. Neben ihnen leben Tiere wie in der Arche Noah friedlich zusammen, ohne sich zu zerfleischen. Engel, Hirten und die Heiligen Drei Könige scharen sich um das Jesuskind. Man sieht Maria und Josef auf der Suche nach einer Herberge, die Flucht aus Ägypten.
«Alle Krippendarstellungen», schliesst Monika Amrein, «machen das Wunder der Geburt Christi sichtbar. Über alle Grenzen hinweg.»

MEHR INFORMATIONEN
Die «Krippenwelt» in Stein am Rhein ist ausser Montag täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Ausserdem an allen Weihnachtsfeiertagen. Eintritt: 10 Fr., Kinder gratis. Auf Anmeldung mit Führungen, für Gesellschaften auch abends. Tel. 052 721 00 05.
www.krippenwelt-ag.ch

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