Dürrenmatt-Museum in Neuenburg

Hoch über dem Neuenburgersee hat der Künstler gewohnt und gearbeitet. Sein Haus steht heute mitten in einem Museum. Der Bau von Stararchitekt Mario Botta zeigt: Friedrich Dürrenmatt schrieb nicht nur Literatur, er malte sie auch.

  • Der Museumsbau von Mario Botta.

Das Centre Dürrenmatt ist grau und mächtig, erbaut vom Tessiner Stararchitekten Mario Botta. Treten wir hinein, wollen wir heraus. Hinaus auf die helle Terrasse. Dort öffnet sich dieser Blick, der unbeschreiblich ist. Der Hausherr tat es so: «Unter unserem Garten fällt das Terrain steil ab, der jenseitige Talhang ist bewaldet, doch sehen wir darüber hinweg auf den See.»

Jenseits des Sees geht das Bauernland über in bewaldete Hügel, die sich zu den Alpen hoch- türmen. Gipfel für Gipfel zählte Friedrich Dürrenmatt auf, die «in gewaltigen Schüben vor 100 Millionen Jahren aus dem Tethysmeer hervor geschossen» seien. Manchmal griff er zum Fernrohr und konnte den Kirchturm von Guggisberg erspähen, dem Dorf, in dem er aufgewachsen war. Dann fragte er sich: «Was ist ein Menschenleben, was die Geschichte einer Familie gegen die Zeiträume der Geologie?» Seine Antwort: «Nichts.» Drehen wir uns heute auf der Terrasse um unsere eigene Achse und kehren dem See den Rücken, stehen wir vor einem weissen, dreistöckigen Wohnhaus, das in den Museumsbau integriert ist. Das Haus ist für uns gewöhnliche Besucher verschlossen: Hier hat Dürrenmatt gewohnt, geschrieben, gelebt.

Und, wie wir sehen werden, hat er hier auch gemalt. Treten wir von der Terrasse zurück ins Museum, steigen wir die steile Treppe hinunter zur Ausstellung, sitzt er plötzlich vor uns: breitbeinig, loses Hemd, offenes Herz. Friedrich Dürrenmatt, gemalt von seinem Freund, dem Schweizer Künstler Varlin. Varlin und Dürrenmatt kannten sich aus Zürichs Nobel- und Künstlerlokal, der «Kronenhalle». In Varlins Atelier war es dann um Dürrenmatt geschehen: «Ich geriet in eine Mausefalle. Die Maus war ich.» Aus dem Schriftsteller wurde auch ein Maler, und beides gehöre zusammen: «Meine Zeichnungen sind nicht Nebenarbeiten zu meinen literarischen Werken, sondern die gemalten Schlachtfelder, auf denen sich meine schriftstellerischen Kämpfe, Abenteuer, Experimente und Niederlagen abspielten.»

Im Untergeschoss entdecken wir: «Die Physiker», «Herkules und der Stall des Augias»: So heissen zwei seiner Theaterstücke, so heissen zwei seiner Bilder. Auf einem andern sah Dürrenmatt die Zukunft voraus: «Die letzte Generalversammlung der eidgenössischen Bankanstalt», heisst es. Darauf drücken sich Bankiers im Frack die Pistolen an die Schläfe, während zwei noble Herren bereits unter den Tisch gefallen sind.

Geschenk an die Schweiz
Als Dürrenmatt daheim in Neuenburg starb, erfüllte ihm seine Frau Charlotte Kerr seinen letzten Wunsch: Sie schenkte das Haus mit dem steil abfallenden Garten Sorgfältig hat Mario Botta, ein Bewunderer Dürrenmatts, bedacht, dass beim mächtigen Neubau drinnen auch Dürrenmatts altes kleines Haus erhalten bliebe. Hell, keine Villa, nichts Protziges. Gekostet hat es damals 60 000 Franken. Das sei «wenig, verglichen mit dem Objekt», meinte Dürrenmatt und ergänzte, als wäre er ein Immobilienmakler: «Traumhafte Aussicht, völlig unverbaubar, Südlage, grosser Garten, einziges Haus auf weiter Flur.»

Neuenburg
Anreise: Mit dem Zug bis Neuenburg. Zu Fuss 20 Minuten steil aufwärts. Oder mit dem Bus Nr. 9/9b bis zur Station Ermitage.
Parkplätze: Beschränkt vorhanden.
Ausstellung: Zusätzlich zur Dauerausstellung mit den Bildern Dürrenmatts gibt es eine Wechselausstellung. Bis 18. Dez.: Installationen der Video-Künstlerin Elodie Pong.
Eintrittspreise: Erwachsene 8 Fr., Kinder 5 Fr.; Kombiticket RailAway mit 10 % Ermässigung für Zugfahrt und Eintritt erhältlich.
Öffnungszeiten: Mi bis So, 11 Uhr bis 17 Uhr.
Restaurant: Heute ginge Friedrich Dürrenmatt vermutlich in die Brasserie Le Cardinal im Zentrum Neuenburgs. So geschlossen. Abends unbedingt voranmelden: 032 725 12 86 www.lecardinal-brasserie.ch
Hotel: Hotel des Arts, Neuenburg, Zimmer ab 100 Fr., 032 727 61 61 www.hotel-des-arts.ch
Literatur: «Vallon de l’Ermitage», Friedrich Dürrenmatt (Diogenes), wunderbare Erzählung über das Tal, das Haus, Gäste, Trinkgelage in Neuenburg und einen selbst erlebten Herzinfarkt.der Eidgenossenschaft. Hier oben solle aber nicht das schriftstellerische, sondern das malerische Werk Dürrenmatts im Zentrum stehen.

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