Mit der Holz-Harley im Schnee

 
| Text: Herbert Lanz, Fotos: Holzkreation Schmid AG, David Birri
 

Die Fahrt mit dem Velogemel in Grindelwald ist ein Spass für Jung und Alt.

Jahrzehntelang benützten ihn Pöstler bei ihrer winterlichen Arbeit.

Die Velogemel-Weltmeisterschaft ist einer der Höhepunkte im Winterkalender Grindelwalds.

Sicht auf das winterliche Grindelwald.

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Der Velogemel ist ein Unikum, das es nur in Grindelwald gibt. Wer den Fahrradschlitten steuert, hat ein Dauerschmunzeln im Gesicht. Und macht unterwegs in der weissen Pracht tolle Bekanntschaften.
 

Den ersten Schlitten überhole ich vor der Rechtskurve. Jetzt bloss nicht das Gleichgewicht verlieren. Den Lenker fest im Griff, sause ich am zweiten vorbei. Schnee stiebt. Dann am dritten. Was für ein herrliches Gefühl in der Kurve! Wieder geradeaus fahrend, ziehe ich die Beine hoch, stütze sie vorne auf dem Holztritt ab. Locker zurückgelehnt, fühle ich mich am Fuss der Eigernordwand wie auf einer Harley-Davidson aus Holz. Mit einem Dauerschmunzeln im Gesicht.

Ski fahren, schlitteln, snowboarden: Das ist Schnee von gestern. In Grindelwald bin ich zum ersten Mal mit einem gemieteten Velogemel (siehe Box) auf der Piste. Einem Gefährt von vorgestern. Erfunden vor über hundert Jahren. Und eine Exklusivität, die es weltweit nur in Grindelwald gibt.

«Gemel» bedeutet im Oberländer Dialekt Schlitten. Der Veloschlitten besteht aus einem Gestell, zwei beweglichen Kufen, einem Sattel und einem Lenker. Oder wie es Markus Almer erklärt: «Zwölf Holzteile brauchts, aus Esche und Ahorn, sechs Schrauben, fünf Holzdübel und einen Tropfen Leim.» Almer ist Schreiner und Produktionsleiter bei der Grindelwalder Firma Holzkreation Schmid AG, dem einzigen Betrieb, der als Patentinhaber den Velogemel herstellt. Pro Jahr werden 50 bis 60 Fahrradschlitten zum Preis von je 590 Franken verkauft. Die meisten in der Schweiz. Aber auch nach Übersee. «Es ist ein schönes Gefühl», sagt Markus Almer, «wenn man weiss, dass beispielsweise zwei unserer Velogemel Menschen in Alaska Spass bereiten.»

WM der Veloschlittler

Unendlich Spass macht das Fahren auf dem Unikum in Grindelwald. Denn das Dorf im Berner Oberland ist mit seinen 50 Kilometer präparierten Pisten ein Schlittelparadies. Von der Kleinen Scheidegg nach Wengen, entlang der Lauberhornstrecke, vom Männlichen nach Grindelwald, mit Blick aufs Wetterhorn, von der Kleinen Scheidegg nach Grindelwald, entlang der Ehrfurcht gebietenden Eigernordwand, oder auf der mit 15 Kilometern wohl längsten Schlittel-bahn der Welt, der «Big Pintenfritz», vom Faulhorn zur Bussalp nach Grindelwald – im Angesicht des atemberaubenden Dreigestirns Eiger, Mönch und Jungfrau – Velogemel fahren ist ein Spass für Jung und Alt. «Wer Velo fahren kann, der kann auch gut Gemel fahren», sagt Markus Almer. Etwas Gleichgewichtssinn brauche es. Und gutes, festes Schuhwerk zum Bremsen. Ideal für einen Velogemel ist eine harte Piste, denn mit seinen nur zwei Zentimeter breiten Kufen sinkt er im Pulverschnee ein. «Zu eisig darf der Schlittelweg aber nicht sein, sonst ‹harasseds›», erläutert Markus Almer schmunzelnd. Will heissen: Dann fliegt man auf die Nase.

Übermut kommt vor dem Fall: «Geharassed» hats auch mich, als ich glaubte, nach einer halben Stunde Fahrt schon ein Gemlermeister zu sein. Ich landete im Pulverschnee. Blessurenfrei und lachend.

Einer der Höhepunkte in Grindelwalds Winterkalender ist die Velogemel-Weltmeisterschaft. Dieses Jahr findet sie am 29. Januar statt. Mitmachen kann jeder. Während die Ambitionierten vor dem Start die Kufen ihres Velogemels mit einer Speckschwarte einreiben, um das Holzgefährt schneller zu machen, genehmigen sich die Spassvögel, oft verkleidet im Stil der Zwanzigerjahre, noch schnell ein Bier. «Dopingkontrollen gibt es keine», sagt Markus Almer lachend.

Erfunden hat das Fortbewegungsmittel, das an ein Skelett eines prähistorischen Urviechs gemahnt, der Schnitzler und Schreiner Christian Bühlmann Anfang des 20. Jahrhunderts. Als Bub erkrankte er an Kinderlähmung und war in der Folge gehbehindert. Es wurde für ihn immer mühsamer, den Weg zu seinen Kunden zu Fuss durch den Schnee zurückzulegen. Zudem wollte er nach den abendlichen Proben der Musikgesellschaft kommoder als mit einem schwerfälligen Schlitten nach Hause in die Schwendi, unterhalb von Grindelwald, kommen.

Ein Aprilscherz?

Am 1. April 1911 hatte sein Tüfteln, Hirnen und Werken ein Ende. An diesem Tag meldete Christoph Bühlmann das Patent für seinen «einspurigen Lenksportschlitten» in Bern beim Eidgenössischen Amt für geistiges Eigentum an. Die Beamten dachten wohl an einen Aprilscherz. Seis drum. Fortan stellte der Schreiner den Velogemel in seiner Sägerei in Schwendi her.

Das Gefährt erlebte einen Siegeszug und wurde zu einem Wahrzeichen des Eigerdorfs. Handwerker benutzten ihn während Jahrzehnten bei ihrer täglichen winterlichen Arbeit, auch die Pöstler, der Arzt und die Kinder auf dem Schulweg. Wohl jede einheimische Familie besitzt einen Gemel, der mittlerweile zu einem reinen Sport-und Spassgerät geworden ist.

Eines, das die erstaunten Blicke der Touristen aus allen Herren Ländern auf sich zieht. «Oh, look at that! So funny!» – «Schau, so witzig!» –, höre ich ähnlich mal hier, mal da. Mit dem Velogemel unterwegs, fühle ich mich, als würde ich einen bunten Hund durchs Dorf führen. Apropos Hund: Wie der reale vierbeinige Freund seinen Meister mit anderen Hunde-oder Nicht-Hundebesitzern ins Gespräch kommen lässt, so bleibe auch ich als Velogemel-Fahrer nicht lang allein. Das hölzerne Unikum ist ein Kontaktknüpfer erster Güte.

GRINDELWALD BE
Anreise: Mit dem Zug über Interlaken nach Grindelwald. Mit dem Auto über Bern auf der A 6 nach Spiez, dann via Interlaken nach Grindelwald.
Schlittel- und Velogemelpisten: Kleine Scheidegg–Wengen (Länge 6,8 km / Höhendifferenz 787 m), Männlichen–Grindelwald (10 km / 1282 m), Kleine Scheidegg–Grindelwald (10,5 km / 1110 m) und Faulhorn–Bussalp–Grindelwald (15 km / 1647 m).
Velogemel mieten: Bahnhof Grindelwald, 033 828 75 40 (15 Fr. / Tag), oder bei Intersport, 033 853 04 00 (18 Fr.).
Velogemel kaufen: Für 590 Fr. (plus 45 Fr. Postversand) bei Holzkreation Schmid AG in Grindelwald, 033 854 10 70, www.velogemel.ch
Allg. Infos: Grindelwald Tourismus, 033 854 12 12, www.grindelwald.ch

Erschienen in der «Schweizer Familie» 02/2017

 

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