Historie
Haiti, die geschundene Insel
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Haitis Historie
1796 - 13.09.2008
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Spielball von Grossmächten und Despoten, Opfer von Naturkatastrophen: Haiti
ist ein von der Geschichte geschundenes Land.
Text: Ruedi Leuthold
Haiti war reich, und es hatte sei- nen Wilhelm Tell. Haiti hätte die Schweiz der Grossen Antillen werden können. Stattdessen wurde es das ärmste Land der westlichen Welt. Der Grund liegt in der Geschichte verborgen. Haiti hatte zwar seinen Freiheitskampf, aber nie eine wirkliche Demokratie. Es entstand aus dem Geist der Französischen Revolution, aber brutale Machtkämpfe im Innern und egoistische Interessen des Auslands verhinderten die Entstehung eines Bürgersinns. Die Aufklärung fand nicht statt. Die Regierungen übernahmen die Peitsche der Sklavenhalter, die Bewohner besassen kaum je mehr als ein paar Schweine als Kapital, Zuckerrohrsaft gegen den Hunger und den Geisterglauben zum Trost. Haiti, knapp neun Millionen Einwohner, zwei Drittel der Fläche der Schweiz, war eine Katastrophe schon vor dem grossen Beben.
Auf seinem Weg nach Indien entdeckte Christoph Kolumbus im Dezember 1492 eine Insel, die er Hispaniola taufte und die ihre Bedeutung rasch verlor, als die Spanier in Peru das Gold der Inkas entdeckten. Im Westteil der Insel siedelten sich französische Piraten an, die die Protektion Frankreichs suchten, als ein neues Gold das Interesse der Weltmächte weckte: Zuckerrohr. 1697 überliess Spanien Frankreich offiziell den Westteil der Insel Hispaniola, der den Namen St-Domingue bekam und alsbald als die Perle der Antillen berühmt wurde. Von hier kam mehr als die Hälfte des weltweit verbrauchten Kaffees, von hier kam der beste Zucker.

Am Abend vor dem Fest des heiligen André beten Pilger zu ihrem Schutzheiligen. Kirche St-André, Léogane, 1997.
Foto: Thomas Kern
Zu verdanken hatte Frankreich diesen Reichtum der Arbeit der Sklaven, von denen seit dem 16. Jahrhundert über 900 000 aus Afrika auf die Insel verschleppt worden waren. In der sozialen Hierarchie standen die weissen Plantagenbesitzer zuoberst. Die Mulatten, die hellhäutigen Söhne der Weissen mit Sklavinnen, hatten weniger Rechte als die Weissen, aber sie hatten Zugang zur Bildung und durften, im Gegensatz zu den schwarzen Sklaven, eigenes Land besitzen. Der Riss zwischen Mulatten und Schwarzen prägt die Geschichte Haitis vom Kampf um die Unabhängigkeit bis zum heutigen Tag.

Im Zentrum des Slums wird aufbereitetes Trinkwasser verteilt.Cité Soleil, Port-au-Prince, 1997.
Foto: Thomas Kern
Es waren die Mulatten, die den Ruf der französischen Revolutionäre nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit vernahmen und auf die Idee kamen, ihn auch auf die Sklaven anzuwenden. Sie führten 1791 einen ersten Sklavenaufstand an, der niedergeschlagen wurde. Toussaint L?Ouverture, ein freigelassener Sklave, nützte die Wirren in Paris aus, er liess sich 1796 zum Gouverneur ausrufen. 1802 sandte Napoleon ein Expeditionsheer mit 36 000 Mann zur Rückeroberung der Kolonie über den Atlantik. Toussaint L?Ouverture, der schwarze Wilhelm Tell, wurde gefangen genommen und starb in einem französischen Gefängnis.
Auch 600 Söldner aus der Schweiz, kommandiert von einem Hauptmann Wipf aus Schaffhausen, beteiligten sich an der Strafexpedition, die ein schlechtes Ende nahm. Aus Angst vor der Wiedereinführung der Sklaverei kämpften Schwarze und Mulatten zusammen gegen Napoleons Truppen, die zusätzlich von Tropenkrankheiten dezimiert wurden - von Hauptmann Wipfs Halbbataillon kehrten nur gerade sieben Mann zurück.
Der Befehlshaber der Aufständischen, Jean-Jacques Dessalines, rief 1804 die Unabhängigkeit aus, er gab dem Land den ursprünglichen Namen der Indios zurück, Haiti, bergiges Land, er liess sich zum Kaiser ausrufen und die Weissen umbringen, die im Land geblieben waren.
Historische Feindschaft
Zwei Jahre später spaltete sich das Land in eine Republik von Mulatten im Süden und eine Monarchie von Schwarzen im Norden. Deren Herrscher, der selbst ernannte König Henry, liess sich von 200 000 Zwangsarbeitern eine riesige Festung bauen, die grösste ausserhalb Europas. 1820 kam es zur Wiedervereinigung, aber die historische Feindschaft blieb bestehen. In den folgenden knapp zwei Jahrhunderten kämpften Mulatten und Schwarze, die wirtschaftliche Elite, gegen die Mehrheit der Landbevölkerung, grausam und verbissen um die politische Vorherrschaft, und keiner Partei war je daran gelegen, die staatlichen Institutionen zu demokratisieren. Die schwarze Bevölkerung, von der Landreform begünstigt, sah ihren Besitz durch Erbteilung immer kleiner werden, die einst blühende Plantagenwirtschaft wurde zum spröden Land armer Selbstversorger und zu einer Oligarchie von wenigen Familien, die das Land wirtschaftlich beherrschten.
Haiti, die Republik der befreiten Sklaven, weckte Ängste bei den Nachbarn. Der spanisch beherrschte Ostteil der Insel suchte die Hilfe des Mutterlandes, als er von den Haitianern besetzt wurde - die weisse Oberschicht hatte nicht den geringsten Wunsch, ihre Sklaven zu Brüdern zu machen. Die Amerikaner, selber Sklavenhalter, anerkannten die Unabhängigkeit Haitis erst nach ihrem eigenen Sezessionskrieg. Der Vatikan anerkannte Haiti 1860 unter der Bedingung, dass die Priester das Land vom Heidenkult des Voodoos befreien durften, von den aus Afrika mitgebrachten Göttern der schwarzen Bevölkerung. Frankreich auferlegte der jungen Republik eine Reparationszahlung in der Höhe von 150 Millionen Gold-Franc, so viel wie ein Jahresbudget der Grande Nation - eine Belastung über Jahrzehnte hinaus.
Spielball der Grossmächte
Mit den andauernden inneren Konflikten wurde Haiti immer mehr auch zum Spielball strategischer Interessen der Grossmächte. Die zunehmende Präsenz von deutschen Siedlern bewog die USA, Haiti im Jahr 1915 zu besetzen. Die Amerikaner fürchteten, die Deutschen könnten mit einem Stützpunkt auf Haiti den Zugang zum Panama-Kanal gefährden. Die Besetzer blieben 19 Jahre, sie stützten sich auf die Minderheit der Mulatten, und auch nach dem Abzug blieb der schwarze Bevölkerungsteil von der Regierung ausgeschlossen. Bei den ersten Wahlen Haitis im Jahr 1957 gewann mit grosser Mehrheit ein Schwarzer, François Duvalier, Papa Doc genannt, der sich alsbald zum lebenslangen Herrscher ausrufen liess und als blutiger Despot regierte. Er stützte sich auf eine gefürchtete Geheimarmee, die Tonton Macoutes, und präsentierte sich dem Volk, als besässe er die übernatürlichen Kräfte eines Voodoo-Geistes. Sein Sohn, Baby Doc Duvalier, übernahm 1971, 19-jährig, die politische Herrschaft. Erst 1986, nach blutigen Aufständen, ging die Duvalier-Diktatur zu Ende.
Drehscheibe des Drogenhandels
Auf Jean-Bertrand Aristide, einem jungen Priester, Angehöriger einer neuen Schicht schwarzer Intellektueller, 1991 zum Präsidenten gewählt, ruhten die Hoffnungen, das Land zu modernisieren. Er wurde nach wenigen Monaten vom Militär gestürzt, und als er 1994 mit amerikanischer Hilfe nach Haiti zurückkehrte, festigte er seine Macht mit Schlägertrupps und nutzte sie - wie seine Vorgänger - vor allem zur eigenen Bereicherung. Nach schweren Protesten und bürgerkriegsähnlichen Zuständen musste er 2004 das Land verlassen, dessen Instabilität immer mehr auch die Nachbarn beunruhigte. Haiti war längst zu einem Zentrum des Waffenhandels und des Drogenschmuggels geworden. Am 30. April 2004 beschloss der Sicherheitsrat der Uno, eine 9000 Mann starke Friedenstruppe nach Haiti zu entsenden. Den Blauhelmen gelang es, die Banden, die das Land destabilisierten, zu entwaffnen und das Land sicherer zu machen.
Ein Problem blieb die Armut: 72 Prozent der Bevölkerung müssen mit weniger als zwei Dollar täglich auskommen. Ein anderes Problem sind die fehlende Bildung und die Vorurteile im eigenen Land, die bis heute einen sozialen Pakt zwischen der wirtschaftlichen Elite und der Mehrheit der schwarzen Bevölkerung verhindern. Ein Beispiel dafür gab der haitianische Ehrenkonsul in Brasilien, hellhäutig er, als er vor laufender Kamera über die Ursachen des Erdbebens räsonierte: «Ich weiss nicht», sagte er, «es muss der ganze Voodoo-Glaube sein. Wo es Schwarze hat, geht es einem Land verschissen.»
Aber vielleicht ist das Erdbeben, achtmal die Wucht der Atombombe von Hiroshima, stärker als die Last einer unglücklichen Vergangenheit, und es führt, nebst der weltweiten Solidarität, auch dazu, dass die Bewohner des Landes tatsächlich beginnen, gemeinsam die Verantwortung für die eigene Geschichte zu übernehmen.
Der Schweizer Fotograf Thomas Kern reist seit 12 Jahren nach Haiti. Seine Fotoausstellung in der Winterthurer Galerie Coalmine hat ungeahnte Aktualität erhalten. www.coalmine-online.ch

Ein Ka-Bwa, ein zweirädriger Wagen, auf dem Boulevard de la Saline. Port-au-Prince, 1998.
Foto: Thomas Kern
Dieser Artikel wurde in der Ausgabe 10/05 der Schweizer Familie publiziert.
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