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Mutter Erde von oben

Sein epochales Fotoprojekt, die ganze Welt aus der Vogelperspektive zu zeigen, war ein Bestseller. Jetzt präsentiert Yann Arthus-Bertrand sein neustes Werk: Der Naturschützer schenkt der Menschheit den Film «Home».

von Susanne Rothenbacher

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Von oben sieht die Welt völlig anders aus. Man mag noch so oft in ein Flugzeug steigen und abheben - der Blick aus der Vogelperspektive überrascht jedes Mal aufs Neue. Nur aus der Luft lässt sich erahnen, wie unendlich schön die Erde ist. Und nur von dort ist das ganze Ausmass sichtbar, mit dem wir Menschen die Erde umgestaltet haben.

 

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Der französische Meisterfotograf Yann Arthus-Bertrand hat diesen Blick von oben wie kein Zweiter zu seiner Perspektive gemacht. Zuerst war das Projekt «Die Erde von oben» nur eine verrückte Idee. Yann Arthus-Bertrand wollte eine Bestandesaufnahme des Planeten Erde machen und zur Jahrtausendwende ein Buch veröffentlichen. Sieben Jahre Arbeit steckte er mit seinem Team in das Buch. Noch im Jahr 1999 peinigten den Fotografen Zweifel, ob die Idee wirklich realisierbar sei. Doch das Buch erschien pünktlich - und begeisterte auf Anhieb Hunderttausende. Dem Buch folgte eine Ausstellung mit 120 Bildern, die im Pariser Jardin de Luxembourg aufgehängt wurden. Heute noch tourt die Ausstellung um die Welt: Demnächst wird sie in Casablanca zu sehen sein.  

Am 5. Juni holt Yann Arthus-Bertrand zum nächsten Schlag aus: Er nimmt den Tag der Umwelt zum Anlass, den Menschen den Film «Home» zu schenken: Zum ersten Mal feiert ein Film nicht nur im Kino, sondern auch im Internet Premiere: Wer immer will, kann «Home» gratis herunterladen.

«Home» heisst der Film, weil Yann Arthus-Bertrand längst nicht nur Paris, wo er 1946 geboren wurde, als Heimat begreift. In den letzten fünfzehn Jahren wurde der ganze Planet zur Heimat des unermüdlichen Naturschützers. Mit «Home» will Bertrand einmal mehr bewusst machen, dass die Erde der einzige Ort ist, wo wir Menschen leben können. Auch kommende Generationen können den Planeten kaum gegen einen anderen tauschen. Das gebietet uns, so zu leben, dass die Erde bewahrt werden kann. «Home», ganz aus der Vogelperspektive gefilmt, zeigt, dass wir diesem Gebot nicht nachleben.


Foto: Yann Arthus-Bertrand

Zahlen und Fakten, die belegen, wie sehr wir der Erde - und uns selber - zusetzen, begleiten den gewaltigen Bildersturm. So erinnert Yann Arthus-Bertrand daran, dass jedes Jahr 13 Millionen Hektaren Wald verschwinden. Dass 75 Prozent der Fischbestände ausgeschöpft sind. Oder dass jeden Tag 5000 Menschen sterben, weil sie kein sauberes Trinkwasser haben.

«Home» wurde in 217 Tagen und in 54 Ländern gefilmt. Drei Kamerateams gingen Yann Arthus-Bertrand zur Hand, insgesamt verbrachte die Mannschaft 488 Stunden im Helikopter. Jedem, der ausrechnen möchte, wie viel CO2 für «Home» verpufft wurde, kann der engagierte Naturschützer entgegenhalten, dass er den CO2-Ausstoss sämtlicher Flugstunden kompensiert, indem er Klimaschutzprojekte unterstützt.


Foto: Yann Arthus-Bertrand

Endstation Irrenhaus?

Als Yann Arthus-Bertrand mit 15 Jahren die Schule abbrach und auszog, um sich die Hörner abzustossen, war seine Zukunft mehr als nur offen. Nichts deutete darauf hin, dass er dereinst mit seinen Bildern die Welt bewegen sollte. Im Gegenteil. Er geriet auf eine gefährliche Bahn und hätte, heisst es in seiner Biografie «Beruf: Fotograf», auch im Irrenhaus landen können. Vorerst aber versuchte er sich als Schauspieler, mimte einen jugendlichen Liebhaber und brachte es fertig, seine Gage binnen sechs Wochen zu verjubeln.

Es war eine Frau, die dem jungen Mann die Chance gab, seine unbändige Energie auf sinnvollere Art zu nutzen. Sie beauftragte den knapp 20-Jährigen, in ihrem Jagdrevier in der französischen Auvergne einen Tierpark aufzubauen. Binnen fünf Jahren florierte der Betrieb. Yann Arthus-Bertrand hat nicht nur ein Talent, Menschen zu führen. Durch diese Arbeit entdeckte er auch seine Liebe zur Natur und zu Tieren. Es ging ihm nahe, dass die Tiere, die er aufzog, umhegte und pflegte, in Gefangenschaft leben mussten. Er beschloss, dorthin zu gehen, wo die Tiere noch frei und wild waren - nach Afrika. Weil er das Verhalten jener Tiere studieren wollte, denen er sich am nächsten fühlte: den Löwen.


Foto: Yann Arthus-Bertrand

Anfang der Achtzigerjahre gab es noch keine Halsbänder mit Funksendern, die man den Löwen umschnallen konnte. Um seinem Rudel auf den Fersen bleiben zu können, ging Yann Arthus-Bertrand in die Luft und machte den Pilotenschein als Ballonführer. Er flog Touristen spazieren, um Geld zu verdienen, und hielt gleichzeitig nach Löwen Ausschau. Vor allem aber fotografierte er, wie er in «Beruf: Fotograf» erzählt, von seinem Ballon aus zum ersten Mal die Erde von oben.

Durch die Löwen hatte Yann Arthus-Bertrand das Fotografieren entdeckt. Ihnen widmete er 1983 seinen ersten Foto-band. Drei Jahre blieb der Weltbürger mit seiner Frau Anne und deren zwei Söhnen in Kenia. Dann kehrte die Familie nach Frankreich zurück. Fortan arbeitete Yann Arthus-Bertrand als Fotograf, lebte sowohl seine Abenteuerlust wie seinen Sinn für Ästhetik aus.

Während zehn Jahren dokumentierte er jedes Jahr die legendäre Rallye Paris-Dakar mit. «Es macht keinen grossen Unterschied, ob man ein Motorrad fotografiert, das durch eine Einöde prescht, oder wilde Tiere, die im Busch jagen. Es kommt stets auf den richtigen Moment an», kommentiert er den dreiwöchigen Arbeitsmarathon. In der gleichen Zeit inszenierte er seine berühmte Porträtreihe von Menschen und Tieren vor der braunen Leinwand. Zum ersten Mal verwendete er diese Leinwand bei dem «bescheuerten» Auftrag, das Volk der Papuas in Badehosen zu fotografieren. Später wurde das Jutetuch zu seinem Markenzeichen, als er Bauern mit ihrem Vieh, Menschen mit ihren Hunden oder Pferde und Katzen mit ihren Menschen porträtierte.

Was immer der Bildkünstler fotografiert - stets ist er auf der Suche nach neuen Blickwinkeln. Wer seinen Blick verändert, gewinnt Einsichten. Wer Einsichten gewinnt, verändert sein Verhalten. Daran glaubt Yann Arthus-Bertrand. So wird er auch künftig Fotos der Erde machen, um immer von Neuem zu verdeutlichen, «warum es notwendig ist, dass wir zu einem nachhaltigen Umgang mit der Erde finden».

 

Geschenk zum Tag der Umwelt
«Home» kommt am 5. Juni in die Kinos und kann ab 10 Uhr vom Internet heruntergeladen werden. www.home-2009.com

 

Dieser Artikel wurde in der Ausgabe 09/22 der Schweizer Familie publiziert.

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