SCHWEIZER FAMILIE: Herr Cuche, was ist schöner – in Kitzbühel zum fünften Mal die Abfahrt zu gewinnen oder Schweizer des Jahres zu werden?
DIDIER CUCHE: Beides sind unvergessliche Momente. Ich möchte sie nicht gegeneinander ausspielen. Sie sind für mich wertvoll – sportlich wie persönlich.
Sie haben turbulente Tage hinter sich. Sie wurden bloss 15. in Wengen, gaben Ihren Rücktritt bekannt und siegten am Hahnenkamm. Fühlt sich das alles unwirklich an?
Es ist wie in einem Film, wie in einem Drehbuch. Zuerst kam der Tiefschlag, dann folgte der Höhepunkt. Dass am Schluss alles aufging, ist verrückt.
Nach Ihrem Triumph in Kitzbühel fragt man sich, warum Sie Ende Saison zurücktreten.
Der Moment ist gekommen. Ich trage mich seit Monaten mit dem Gedanken an den Rücktritt. Und als ich nach der Lauberhornabfahrt nach Kitzbühel reiste, wurde mir klar, dass es jetzt und hier sein musste. Am Ort meiner grössten Erfolge.
Sie sind zweifacher Sportler des Jahres und wurden Mitte Januar zum Schweizer des Jahres gewählt. Was bedeuten Ihnen diese Auszeichnungen?
Extrem viel. Sie sind eine Anerkennung für meine Leistungen. Ausdruck von Sympathie. Ich brauche Anerkennung und Lob. Werde lieber geliebt als gehasst.
Wie erklären Sie sich Ihre Beliebtheit?
Ich habe Erfolg. Bin mir selber treu. Wenn mich etwas schmerzt oder wenn ich wütend bin, dann spürt man das – auch wenn ich es lieber unterdrücken möchte. Habe ich Freude, zeige ich die. Ich klopfe Sprüche. Mache Faxen und schneide Grimassen. Ich bin ich.
Sie sind der älteste Sieger im Weltcup. Wie tönt das in Ihren Ohren?
Ganz gut. Älter werde ich zwar von selbst. Aber dass ich mit 37 noch Rennen gewinnen kann, ist nicht selbstverständlich. Das macht mich stolz.
Wie schwer ist es, älter zu werden?
Es ist nicht die Zahl meiner Lebensjahre, die mir Mühe macht. Ich spüre vielmehr seit einiger Zeit, dass mein Körper bald 40 ist. Dass es mir immer schwerer fällt, im Sommer Kondition zu büffeln. Dass ich immer weniger bereit bin, so hart zu leiden. Deshalb möchte ich aufhören.
Sie fordern Ihrem Körper Höchstleistungen ab. Verzeiht er Ihnen die Schinderei?
Manchmal rächt er sich. Der Rücken wird steif. Er zwickt, spannt, schmerzt. Und mein Körper, von dem ich so viel verlangt habe, zeigt mir, dass es ihm reicht.
Sie brauchten morgens Stunden, um in die Gänge zu kommen, sagten Sie.
Ich habe keine Mühe, Socken und Schuhe anzuziehen. Aber es dauert mehrere Stunden, bis ich entrostet bin. Bis die Verspannungen sich lösen. Bis ich eingewärmt und eingefahren bin.
Lohnen sich die körperlichen Strapazen und das Leiden?
Ich wäre froh, wenn ich nicht leiden müsste. Aber mein Beruf verlangt es, den Körper an seine Grenzen zu treiben. Und der Einsatz lohnt sich auch heute. Tag für Tag.
Woran denken Sie?
Ich denke an die Emotionen, die mir dieser Sport gibt. An schmerzhafte Niederlagen und an grosse Erfolge. Ich hätte schon längst aufgehört, Skirennen zu fahren, wenn ich diese Extreme nicht hätte. Das Adrenalin und das kribbelnde Gefühl, schwierige Situationen zu kontrollieren. Das soziale Umfeld. Freundschaften.
Wie stark wird Ihnen all das nach dem Rücktritt fehlen?
Ich bin seit 20 Jahren mit 100 Stundenkilometern auf der Piste und im Leben unterwegs. Ich werde den Skirennsport ganz bestimmt vermissen. Werde wahrscheinlich nie mehr solche Emotionen erleben. Das wird ein harter Entzug.
Fürchten Sie sich davor?
Ich habe nicht Angst. Aber ich habe Respekt.
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