Neulich erzählte mir eine Freundin eine Geschichte aus ihrer Kindheit. Sie war sieben, als sie in den Sommerferien mit ihren Eltern ins Engadin reiste. Kurz hinter Altdorf hielt die Familie an einer Tankstelle, die Mutter vertrat sich die Beine, der Vater füllte Öl nach, sie selbst spielte mit dem Zigarettenanzünder. Das Loch, das sie versehentlich ins Polster brannte, war unübersehbar. Es klaffte dort wie eine Wunde. Der Vater tobte. Er sprach die ganze Autofahrt über kein Wort mehr mit ihr. Als er ein halbes Jahr später die Familie verliess, um mit einer neuen Frau eine neue Familie zu gründen, dachte die Freundin, sie sei schuld daran.
In der Schweiz wird mittlerweile jede zweite Ehe geschieden. Für Kinder ist die Trennung der Eltern eine Tragödie. Dass diese Tragödie steuerlich absetzbar und heutzutage so normal ist wie späte Ladenöffnungszeiten, ist ihnen völlig egal. Ihnen ist auch egal, dass die neuen, bunt zusammengewürfelten Konstellationen jetzt Patchwork-Familien genannt werden. Der Begriff «quality time», der suggerieren soll, dass es keinen Unterschied macht, wo das Bett des abwesenden Elternteils steht, und stattdessen nur die Erlebnisfülle zählt, ist für die Scheidungskinder kein Trost. Es wird sie nicht trösten, dass sie während der «quality time» im Mittelpunkt stehen, dass sie im Auto vorne sitzen, dreimal hintereinander Achterbahn fahren und Eis essen dürfen, bis ihnen schlecht wird.
Alles soll bleiben, wie es ist
Kinder hängen an der Überschaubarkeit, in die sie hineingeboren wurden. Sie wünschen sich weder Stiefmamis noch Stiefpapis oder einen Haufen neuer Grosseltern, sie wünschen sich auch kein zweites Kinderzimmer. Alles soll bleiben, wie es ist. Stabilität vermittelt ihnen Sicherheit, und eine Scheidung zerstört diese Sicherheit. Sie ist ein Schock. Ihr Leben wird auf den Kopf gestellt, die innere Behaustheit bekommt einen Riss, der sich manchmal ein Leben lang nicht kitten lässt. Zugleich markiert der Bruch das Ende der Familienbiografie. Damit verlieren Kinder ihr Urvertrauen.
Einer der Mythen, an die wir gerne glauben, lautet: Das Kind wird den Schmerz überwinden, wie es auch die Windpocken oder die Masern überwunden hat. Krisen müssen bewältigt und als Herausforderung akzeptiert werden, das festigt die Psyche. Die Welt ist ein rauer Ort, die Kämpfe sind hart, auch darauf müssen Kinder vorbereitet werden. Als seien sie widerstandsfähige Pflanzen, die ja auch nicht gleich eingehen, wenn man sie mal eine Zeit lang ohne Wasser im Dunkeln abstellt.
Depressionen, Gewalt, Missbrauchsgefahr
Diesen Wunschglauben widerlegen ein paar Tatsachen: Scheidungskinder neigen stärker zu Depressionen, das Risiko kriminellen Verhaltens von Jugendlichen, die in Patchworkfamilien aufwachsen, ist zudem laut einer aktuellen Studie der Universität Lausanne grösser. Weil die Intensität der Bindung zu den Eltern in Stieffamilien nicht so stark ausgeprägt sei und in Patchworkfamilien häufiger weniger klare Grenzen gesetzt würden. Auch die Missbrauchsgefahr von Nikotin, Alkohol und Drogen ist erhöht.
Die amerikanische Psychologin Judith S. Wallerstein präsentiert in ihrer Langzeitstudie über 25 Jahre eine aufschlussreiche Statistik, der zufolge 25 Prozent der unter Vierzehnjährigen aus Scheidungsfamilien regelmässig trinken oder Drogen konsumieren. Bei Kindern aus intakten Familien sind es 9 Prozent. Auch die Selbstmordgefahr ist bei Scheidungskindern erhöht. Eine kanadische Studie aus dem Jahr 2010, an der mehr als 6000 Probanden teilnahmen, ergab, dass Söhne geschiedener Eltern ein dreimal so hohes Selbstmordrisiko haben wie Söhne verheirateter Eltern. Bei den Töchtern lag die Rate doppelt so hoch.
Viele Scheidungskinder haben Mühe, ein stabiles Selbstbewusstsein zu entwickeln, sie sind misstrauisch und fürchten Liebesbeziehungen, weil sie schnell das Gefühl überkommt, sich einem Menschen auszuliefern, der sie verletzen könnte. Und trotzdem geschieht es nicht selten, dass sie genau in jene Falle tappen, die sie vermeiden wollten: Sie reinszenieren das Unglück ihrer Eltern. Dafür gibt es ein Wort, es lautet Wiederholungszwang. Es ist kein Zufall, dass Scheidungskinder später beinahe doppelt so häufig geschieden werden wie Nicht-Scheidungskinder.
Man muss sich das einmal klarmachen: Das bedeutet nichts anderes, als dass die Zahl der Scheidungen weiterhin zunehmen wird, während gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Menschen aus intakten Familien zueinanderfinden, abnimmt.
Den Preis bezahlen die Kinder
Wir sitzen in einem gesellschaftlichen Experiment fest, das wir auf den Weg gebracht und über das wir die Kontrolle verloren haben. Wie es ausgeht, ist ungewiss. Was wir allerdings jetzt schon sagen können, ist, dass das Experiment eine verhängnisvolle Richtung eingeschlagen hat. Das Trauma der Trennung, Liebesentzug, und das Managen von Empfindungen, weil man sich keinen Gute-Nacht-Kuss vom Vater wünschen kann, wenn man ihn erst wieder in zwei Wochen sieht, all das führt Kinder in die innere Emigration. Das Gehirn fährt die Gefühle automatisch runter, als handle es sich um den Lautstärkeregler einer Stereoanlage.
Solange wir das Scheitern nicht als Scheitern benennen und uns in Entlastungserklärungen flüchten, solange wir von «quality time» sprechen und davon, dass viele Bindungen besser sind als wenige, solange wir also weiterhin die Augen davor verschliessen, dass es am Ende die Kinder sind, die den Preis bezahlen für einen Zeitgeist, dessen Maxime Selbstverwirklichung lautet, werden wir die fatale Entwicklung nicht aufhalten können. Wir sprechen nicht über ein paar Kindheitstraumata, die nur Einzelne betreffen, wir sprechen über nicht weniger als den Zusammenhalt unserer Gesellschaft.
Zusätzlich begünstigt, weil Scheidungskinder anfällig auf Selbstbezogenheit sind. Die amerikanischen Wissenschaftler Jean M. Twenge und Keith Campbell sprechen aufgrund ihrer Langzeitstudie von 1976 bis 2006 von einem regelrechten Narzissmusvirus. «Der Narzissmus», schreiben Twenge und Campbell, «hat zugenommen wie die Fettsucht.»
Kinder, die mit dem Gefühl aufwachsen, dass ihr Leben jeden Moment erschüttert werden kann, dass alles ständig in Frage gestellt wird, verlieren jegliches Gefühl für Bindungen, Freundschaft, Liebe, Solidarität. Irgendwann werden diese Kinder erwachsen sein und das psychische Profil einer ganzen Generation prägen. Aber wollen wir am Ende wirklich in einer Patchwork-Gesellschaft leben, in der Vertrauen regelmässig enttäuscht wird und Bindungen immer weniger wert sind? In der Verlässlichkeit keine Währung mehr ist?
Melanie Mühl, 35, ist Redakteurin im Feuilleton der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» FAZ. Soeben erschienen ist ihr Buch «Die Patchwork-Lüge».
WAS MEINEN SIE?
Sind Patchwork-Familien ein vollwertiger Familienersatz? Werden Trennungen heute schöngeredet?
































