Bligg macht Volksmusigg

Sprechgesang, kombiniert mit Jodel und Hackbrett: Mit seinem Stilmix begeistert Marco Bliggensdorfer Jung und Alt. Weil der ehemalige Büezer ureigen geblieben ist. Und echt.

Am Vorabend noch hat er in der Stadthalle Chur Dampf abgelassen, aus voller Kehle gerappt und gerockt und getanzt bei seinem Ohrwurm «Musigg i dä Schwiiz» - Bligg in Höchstform, in kariertem Hemd und tief sitzenden Jeans, witzig und ernst zugleich und präsent bis in die hinterste Reihe.

Derselbe Bligg hat morgens um zehn eine erstaunlich leise Stimme. Galant führt er in sein Büro im Industriequartier von Zürich-West, ein paar Autominuten von seiner Wohnung entfernt. Pünktlich ist er erschienen, wie schon auf der Konzertbühne. Marco Bliggensdorfer, so sein bürgerlicher Name, weiss, was er seinem Publikum schuldet - in Chur waren darunter Hiphopper mit Dächlikappen, Göttis mit Patenkindern und ein paar Grossmütter mit Enkeln. Der Stilmix von schnellem Mundart-Sprechgesang und Volksmusik mit Jodel, Hackbrett und Akkordeon kommt selbst bei Senioren an.

«Es rührt mich, wenn ich Grosis im Publikum entdecke», sagt Bligg, der ein inniges Verhältnis zu seinem neapolitanischen Grossvater Antonio hat und heute noch manchmal in dessen Schrebergarten in Zürich zum Znacht vorbeischaut. «Auch wenn ich wenig Zeit habe für meine Familie und Freunde - sie sind es, die mich am Boden halten», sagt Bligg, bei dem zurzeit die Post abgeht.

 

Video von Bligg anschauen:

 

Leise Töne

Der 33-jährige gelernte Sanitär-Installateur ist ganz oben am Schweizer Musik-himmel angelangt. Nach sechs CDs hat seine siebte Scheibe voll eingeschlagen: «0816» wurde 120 000 Mal verkauft und macht Bligg zum erfolgreichsten Schweizer Musiker der letzten Jahre. «Vierfach Platin für eine CD», sagt er, «das ist achtmal so viel, wie ich mir erträumt habe.» In der TV-Musiksendung «Die grössten Schweizer Hits» erklomm Bligg zudem vor kurzem den zweiten Platz - von einem Millionenpublikum gewählt für seinen Mundarthit «Rosalie».

Auch diesen Erfolg vermeldet Bligg in leisen Sätzen. Laute Töne sind nicht sein Ding. Zu gut erinnert er sich an seine bescheidenen Anfänge. «Zu dritt haben wir in einem muffigen Kellerraum angefangen, Geld mit Arbeit auf dem Bau zusammengespart und unsere erste Scheibe in Tschechien pressen lassen.» Zu gross ist zudem die Verantwortung für sein heutiges Team - 20 Leute, darunter sein Bruder Sam und immer noch die Pioniere DJ Cutmando und Sängerin Lesley Bogaert. «Ich muss die Löhne dieser Leute zahlen, die Grafik, die Produktion, die Bühnenshow im Griff haben», sagt Marco Bliggensdorfer, bis vor kurzem Bewohner einer Einzimmerwohnung in Horgen ZH und nun Mieter einer Viereinhalbzimmerwohnung in der Stadt. «Alles noch im Rahmen», fügt er an, «die Rechnung muss aufgehen. Sonst hat man ein Problem.»

Bligg hat keines. Nach seiner Sanitärlehre ging er auf Montage, war Teamleiter, hat verschiedene Baustellen mitgeleitet, «mir muss niemand sagen, was büezen heisst.» Ausser sein Vater, nur zwanzig Jahre älter als Bligg: Als Maler auf dem Bau hat er die sechsköpfige Familie durchgebracht.

Bligg ist der Arbeitertradition treu geblieben. Seit letztem Jahr ist er Botschafter der Gewerkschaft Metall-Union und rät jungen Leuten, durchaus zu träumen, «das ist wichtig.» Aber ebenso wichtig sei es, einen soliden Beruf zu erlernen. «Oben ist die Luft dünn. Nur einer von tausend wird Profifussballer, erfolgreicher Musiker oder gefeierter Schauspieler.»

Vater Waldemar Bliggensdorfer hatte auch musikalisch grossen Einfluss auf seinen Ältesten. Trotz engen Platzverhältnissen war stets ein Zimmer für die umfangreiche Plattensammlung des Vaters reserviert. «Er hat alles, was zu jener Zeit angesagt war, aufgelegt - Rolling Stones, Beatles, Pink Floyd, Queen. Das ist mein musikalisches Alphabet», sagt Autodidakt Bligg, der mit sieben eine Gitarre geschenkt bekam und mit zwölf seinen ersten Song schrieb. Der Anlass war traurig. Familienhund Bruce, ein schwarzer Labrador, wurde vor seinen Augen von einem Auto überfahren. Der Grundstein jedoch fürs musikalische Selbstvertrauen war gelegt.

Dass er einst ausgerechnet mit einem Stilmix von Rap und Volksmusik die Charts stürmen würde, hätte er sich damals nie träumen lassen. Und als das Schweizer Fernsehen vor zwei Jahren anfragte, ob er für «Die grössten Schweizer Hits» seinen Hiphop-Song «Volksmusigg» mit einer traditionellen Formation bereichern könnte, habe er zunächst leer geschluckt. «Ich hatte mit traditioneller Musik wirklich nichts am Hut.»

Das ist mittlerweile anders. Nach intensiver Zusammenarbeit mit der Streichmusik Alder aus Urnäsch sagt Bligg: «Die Alders haben mir eine Welt erschlossen, die gar nicht so weit weg ist von meiner. Hiphop ist die Volksmusik der Jungen.»

Ein Strahlen für Kinder

Das Resultat begeistert: Für die Sendung «Die grössten Schweizer Hits» rappt Bligg in frecher Mundart-Manier, während die Streichmusik Alder mit Hackbrett, Akkordeon, Kontrabass und Violine kontert. Beni Thurnheer, einer der drei Kommentatoren der TV-Sendung, weiss über Bligg denn auch «nur Gutes» zu berichten und nennt ihn im gleichen Atemzug wie Züri West, Polo Hofer und Patent Ochsner. «Bligg hat einen ganz eigenen Stil und bleibt sich auch bei Volksmusikausflügen treu», sagt Thurnheer. «Er ist Musiker, kein Popstar - er kann wirklich etwas und blendet nicht einfach mit raffinierten Arrangements.»

Wie lange Bliggs Volksmusikausflug noch dauert, lässt der Rapper offen. Auf der aktuellen Tournee begleitet ihn jedenfalls Hackbrettspieler Nicolas Senn, 20, ein Schüler des bekannten Töbi Tobler und mittlerweile selber ein Hackbrett-Virtuose - oder in Bliggs Worten: «Der Jimmy Hendrix der Schweiz auf dem Hackbrett.» So hat er den jungen Appenzeller am Churer Konzert vorgestellt, der nach seinen Parts tobenden Applaus erntete.

Nur einmal klatschten die Besucher noch kräftiger: Bligg hievte einen Jungen auf die Bühne, der versucht hatte, ein Songbuch des Rappers zu ergattern. Der neunjährige Silvan unterstützte Bligg einen Song lang mit wippenden Armbewegungen. Der Musiker liess den Kleinen keine Sekunde aus den Augen. «Solche Interaktionen sind relativ heikel. Ich kann nie wissen, wie Kinder die Bühne verkraften», sagt er, «aber Silvan war total cool. Er strahlte mich die ganze Zeit an.»

Nun ist es Marco Bliggensdorfer, der strahlt und der kein Geheimnis daraus macht, dass er selber gern Kinder hätte. Die passende Frau fehlt noch. Nach langjährigen Beziehungen mit Soulsängerin Emel und Miriam Cani, Gewinnerin der Castingshow «Popstars», ist er seit längerem Single. Die richtige Uhr aber hat er schon: Die edle IWC an seinem Handgelenk, die er sich kürzlich leistete, soll dereinst sein Sohn bekommen.

 

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