Ein volles Leben

Sie hat weder Arme noch Beine. Das hinderte Aiha Zemp nie daran, glücklich zu werden. Die studierte Psychologin hat Träume verwirklicht, die sich nicht einmal unversehrte Menschen erfüllen.

Wie gibt man jemandem die Hand, der keine hat? Die Befangenheit verschwindet, als Aiha Zemp zur Begrüssung ihren rechten Armstumpf entgegenstreckt, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Eine 55-jährige Frau mit wachsamen grünen Augen und kurzem rotem Haar.

Mit aufrechtem Rücken und erhobenem Haupt steuert sie auf ihrem Rollstuhl durch ihr Büro in Basel. «Er ist mein Porsche», sagt Aiha Zemp schmunzelnd. In ihren Worten liegt eine gesunde Portion Ironie. Von Selbstmitleid keine Spur. Dank dieser Haltung hat sie es weiter gebracht, als es ihr je jemand zugetraut hätte. Besonders in Behindertenfragen hat sie sich international einen Namen gemacht. Weit über die Landesgrenzen hinaus ist sie eine gefragte Referentin zu einem Thema, um das die meisten einen weiten Bogen machen: Sexualität von Behinderten.

Ihr Engagement für Menschen am Rand der Gesellschaft hängt eng mit ihrer eigenen Lebensgeschichte zusammen. Denn sie, die stets die Blicke auf sich zieht, ist schon seit ihrer Geburt anders.

Zur Welt kam Aiha Zemp am 26. August 1953 im luzernischen Triengen. Ihre Erscheinung war für Eltern und Verwandte ein Schock. Das Baby hatte Beinstümpfe und zwei kurze Armansätze. Die Angehörigen weinten. Der Grossvater war der Erste, der das Mädchen aus dem Bettchen hob und es in seinen Armen wiegte. «Man kann es jedenfalls gernhaben», sagte er. Doch der Pfarrer setzte eine düstere Miene auf. Ein Fluch laste auf der Familie, orakelte der Gottesdiener und weigerte sich, das Kind auf den Namen zu taufen, den die Eltern vorgesehen hatten: Maria. Maria sei die Empfangende, das passe nicht zu einem behinderten Mädchen. Der Pfarrer schlug den Namen Therese vor - nach der Schutzpatronin aller Armen. Die Eltern willigten ein. Therese Zemp jedoch, die sich Jahre später Aiha nennen sollte, konnte sich mit ihrem Taufnamen nie anfreunden: «Therese war nie mein richtiger Name, er wurde mir aufgezwungen, er passte nicht zu mir.»

Aiha Zemp wuchs in der Geborgenheit einer Handwerkerfamilie als älteste von vier Schwestern auf. Wenn sie zu den Nachbarskindern wollte, legte sie sich auf den Boden und rollte sich geschickt über die Wiese. «Ich war ein glückliches Kind, hatte ein gutes Körpergefühl», erinnert sie sich. Ihre Mutter, eine Schneiderin, nähte massgeschneiderte Kleidungsstücke für Aihas amputierten Körper. Der Vater, ein Dorfschmied, erfand eigens für sie ein Besteck. Er nahm ein Geberitrohr, in das sie ihren Armansatz stecken konnte, und lötete einen Löffel dran. Der Vater war es, der seine Tochter immer wieder ermutigte: «Wenn du etwas wirklich willst, erreichst du es auch», bestärkte er sie. Ein Satz, der sich ihr tief einprägte.

Protest gegen die Prothesen

Umso schlimmer wirkte der Eingriff. Als sie drei war, zwangen ihr Ärzte Beinprothesen aus Holz auf. Prothesen, die ihr von Anfang an Schmerzen bereiteten und ihren Rücken krümmten. Mit sieben erhielt sie auch noch Armprothesen. «Dabei fühlte ich mich richtig, so wie ich war. Aber man wollte mich unbedingt anders haben.» Das Mädchen protestierte gegen die Normalisierungsversuche. Am Tag ihrer Matura stellte sie die verhassten Prothesen für immer in die Ecke. Genauso, wie sie später ihren ungeliebten Taufnamen abstreifte. Ein für sie wichtiger Schritt: «Ich muss meine Behinderung nicht mit Hilfsmitteln kaschieren», sagt Aiha Zemp. «Sie gehört zu mir wie meine grünen Augen.»

Sie ging zur Schule wie die anderen Kinder. Mit dem Unterschied, dass sie im Rollstuhl sass und mit dem Mund schrieb. Das Lernen fiel ihr leicht, und auch das Gymnasium bewältigte sie. Wie andere Schülerinnen hatte auch sie den einen oder anderen Schulschatz. Eines Tages brachte sie einen Freund nach Hause. Der Vater war fassungslos. Die Vorstellung, seine körperlich versehrte Tochter könnte eines Tages mit einem Mann intim werden, ertrug er nicht. Dass auch Frauen und Männer mit einer Behinderung eine selbstbestimmte Sexualität leben, dies finden noch heute viele abartig.

Der Vater tobte. Aiha gab zurück: «Du hast mir beigebracht, dass ich alles erreichen kann! Ich will einen Mann! Und ich werde weitere haben.» Schildert sie heute diese Situation, lächelt Aiha Zemp sanft und sagt diplomatisch: «Ich sollte recht behalten.»

Damals wurde sie zum ersten Mal damit konfrontiert, dass die selbstbestimmte Sexualität von Behinderten vielerorts als abartig gilt. Dieses Tabu ist bis heute eines ihrer zentralen Themen. «Die Sexualität wird in vielen Heimen totgeschwiegen», sagt sie. «Geistig behinderte Menschen werden erzogen und behandelt, als wären sie geschlechtslose Wesen.» Auf ihrem Rollstuhl prangt ein Kleber: «Lust für alle». Für Aiha Zemp ist dies mehr als ein Slogan, es ist eine Forderung. Darum gibt sie in Heimen und anderen Institutionen Aufklärungskurse für geistig behinderte Frauen und Männer. «Die meisten wissen nur ungenügend über ihre Sexualität Bescheid.» Um dies zu ändern, gründete sie 2006 in Basel die Fachstelle Behinderung und Sexualität.

Nach ihrem Studium heiratete sie in Freiburg einen Filmjournalisten. Die Ehe hielt zehn Jahre. Sie zog nach Zürich in eine Wohngemeinschaft mit Kindern, studierte Psychologie und Heilpädagogik und führte 17 Jahre lang eine Praxis als Psychotherapeutin. Manche Patienten sagten in der Sitzung: «Meine Probleme müssen Ihnen doch lächerlich vorkommen im Vergleich zu Ihren.» «Nein», pflegte die Psychologin im Rollstuhl zu antworten, «sie haben Ihre Probleme, ich habe meine. Ich bin da, um Ihnen zu helfen, andere sind da, um mir zu helfen.»

In der Tat. Um ihren Alltag zu bewältigen, nimmt Aiha Zemp sechs persönliche Assistentinnen in Anspruch. Sie helfen ihr beim Duschen, Einkaufen und Haushalten. Aiha Zemp kämpft für ihre Unabhängigkeit. Die Freiheit, eine eigene Wohnung zu haben, bedeutet ihr viel. Der Preis dafür ist, dass sie alles selber organisieren muss - jede Zugfahrt, jeder Einkauf muss genau und schon lange im Voraus geplant sein. «Mein Leben besteht zu 80 Prozent aus Organisation», sagt sie. Das ist es ihr aber wert. Ein Dasein in einem Behindertenheim ist ihr grösster Alptaum. «Viele Behinderte werden bevormundet bis in den Tod.» Das ist, wogegen sie sich ein Leben lang sträubt.

Fingerabdruck an der Passkontrolle

Sie scheut auch keinen Aufwand, um ab und zu eine Reise zu unternehmen - obwohl sie bei der Passkontrolle oft ein lästiges Prozedere erwartet. Die Beamten wollen einen Fingerabdruck sehen. «Weil ich nicht damit dienen kann, muss ich in einem Kabäuschen warten. Dann verschwinden sie mit meinem Pass und dem Flugticket. Ich hoffe jedes Mal, dass ich meinen Flug nicht verpasse», sagt sie.

Ihre grösste Reise plante sie zwei Jahre im Voraus. Im September 1997 schloss sie nach 17 Jahren ihre Praxis für Psychotherapie und verwirklichte einen waghalsigen Plan: Sie wanderte nach Ecuador aus, einem der ärmsten Länder Südamerikas. In einem kleinen Dorf in den Anden, am Fusse eines Vulkans, liess sie sich ein behindertengerecht gebautes Haus nach ihren Ideen errichten. Und einen prächtigen biologischen Garten in Form eines Labyrinths. Ein einheimisches Ehepaar, das bei ihr wohnte, leistete ihr die nötige Hilfe. Aiha Zemp verbrachte den Tag mit Meditieren und Schreiben. Sie knüpfte schnell Kontakte und sprach bald fliessend Spanisch. Sie hatte sich einen Traum verwirklicht. Nach fünf Jahren kam das jähe Erwachen: Die Invalidenversicherung beschloss, keine Fürsorgeleistungen mehr ins Ausland auszubezahlen. Widerwillig flog Aiha Zemp zurück und tat, was sie schon so oft getan hatte: ihr Leben neu organisieren.

Dennoch sieht sich Aiha Zemp nicht als Opfer ihrer Umstände. Vielmehr übernimmt sie die Verantwortung für ihr Leben. Was selbst vielen körperlich Unversehrten schwerfällt.

 

 

 

http://www.fabs-online.ch

Sie können mehrere Adresse einfügen, trennen Sie diese mit Kommas.
Empfehlung von (Ihr Name)
(Ihr Name) möchte Sie auf einen Inhalt der Webseite schweizerfamilie.ch aufmerksam machen.
Die E-Mail-Adresse wird nicht öffentlich angezeigt

Familienfreundliche Restaurants

Schweizer Familie auf Facebook

Fan werden

Ausflugs-Börse

Für jeden etwas dabei