Die höchste Fichte der Schweiz

Die 250-jährige Schönheit heisst La Panera und ist mit ihren 47 Metern die höchste Fichte der Schweiz. Michel Brunner befasst sich mit dem imposanten Baum, der schon vielen Menschen Trost gespendet hat.

  • Die höchste Fichte der Schweiz ist so gross, dass sie hier nicht mal ganz ins Bild passt.
  • Michael Brunner, der Baumexperte, hat sich in die Fichte verliebt.

Das 200-Seelen-Dorf Luven klebt am Hang wie ein Adlerhorst. Der steile Pfad hinunter in die Surselva nach Ilanz ist vereist, der Nachmittag bissig kalt, doch das kann Michel Brunner nicht abhalten. Der 33-jährige Grafiker und Fotograf ist unterwegs zur Panera, einer 250-jährigen Schönheit – einer Fichte mit eigenem Namen.

Bolzengerade steht sie unvermittelt nach der zweiten Kurve da, schlank, atemberaubend elegant in ihrem dichten, makellosen Nadelkleid. 47 Meter misst sie vom Keimpunkt bis zur Baumkrone, so viel wie keine zweite frei stehende Fichte in der Schweiz – der höchste verwurzelte Weihnachtsbaum des Landes sozusagen: Fichten werden im Volksmund wegen ihrer roten Rinde Rottannen genannt und schmücken als Christbäume seit Jahrhunderten unsere Stuben. Michel Brunner betrachtet die Panera mit Kennerblick. «Sie hat bereits wieder zugelegt», sagt er, «schon gewaltig bei ihrem Alter.»

Seit 15 Jahren ist Brunner auf der Suche nach den grössten, dicksten, ältesten und knorrigsten Bäumen Europas. Er hat die Fichte von Luven vor drei Jahren in sein Fotobuch «Baumriesen der Schweiz» sowie sein Schweizer Bauminventar mit bisher 1200 einzigartigen Bäumen aufgenommen. Warum die Ansässigen sie La Panera nennen, Brotgestell auf Rätoromanisch, wird bei näherer Betrachtung klar: Vom Stamm aus reiht sich sternenförmig Ast an Ast, wie bei einem Surselver Brotgestell; es besteht aus einem Balken mit Querverstrebungen für die Brote und baumelt von der Decke, damit die Mäuse nicht an die Laibe rankommen.

Die Fichte ist fest im Bewusstsein der Bevölkerung verankert und wurde 1971 auf Betreiben des damaligen Gemeindepräsidenten Martin Vinzens als Schweizer Naturdenkmal unter Schutz gestellt. Schon 1915 fiel sie dem Disentiser Pater und Naturforscher Karl Hager auf. Damals war sie bereits 33 Meter hoch. Ein Schwarzweissfoto aus jener Zeit zeigt sie als prächtige Fichte mit weit ausgebreiteten Ästen. Mittlerweile jedoch haben sich ihre Hauptäste ähnlich wie bei einer Trauerweide gebeugt, wurde aus einer sogenannten Hängefichte eine Beugefichte. Eine erstaunliche Entwicklung für Michel Brunner, «irgendwann hat sie gemerkt: Wenn ich hoch hinauswill, habe ich ein Problem, dann bricht mein Geäst im Winter vor lauter Schneelast. Und so hat sie ihre Primäräste zu beugen begonnen.»

Brunner, ein Pistenkind, wie er sagt, aufgewachsen im zubetonierten Glattbrugg beim Flughafen Zürich, hat schon als Kind auf Wanderungen mit seinem Vater nach speziellen Bäumen Ausschau gehalten. Mittlerweile hat er in seinem WG-Zimmer in Zürich eine Baumbibliothek mit über 500 Werken eingerichtet, hält Fachvorträge, hat das Projekt pro arbore zum Schutz einzigartiger Bäume gegründet und wirkte bei der TV-Dokumentation «Unser Wald» mit, die dieser Tage ausgestrahlt wird. Für die Panera sieht der Baumexperte durchaus weiteres Entwicklungspotenzial. «Wenn die Natur es gut meint und die Menschen sie lassen, schafft sie 55 Meter oder mehr.»

Geschützt in der Mulde
Ihr Standort in der Mulde Bual, die Bergbauern im 16. Jahrhundert für ihre Schafe und Geissen frei rodeten, ist ideal: Ein breites Felsband hält Sturmböen fern und der etwas höher gelegene Wald rundherum den Blitz. Drei Lärchen oberhalb der Panera mussten allein in den letzten sechs Jahren daran glauben, der Blitz hat sie gespalten. Zudem bekommt die Fichte durch ihre solitäre Lage genügend Sonnenlicht und Wasser, das im Untergrund reichlich vorhanden ist. «Die Bäume auf und um den Bual sind so stark, dass man früher ihre Samen in die ganze Schweiz verkaufte», berichtet Peter Caviezel, 49. Der gebürtige Luvener und Elektrofachmann erzählt, wie er als Knabe bis zum Wipfel der Panera geklettert ist – und sich über die hängenden Äste hinunterfallen liess. «Eine Mutprobe unter uns Buben», sagt der Vater von vier Kindern und schmunzelt, «da gabs schon einige blaue Flecken und zerrissene Hosen.»

Rund um den Stamm, im Schutz ihres imposanten Tannengewandes, lassen sich auch heute noch Gewitter trocken überstehen. «Ich hoffe, das wird noch lange so sein», sagt Michel Brunner. Zu oft schon hat er miterleben müssen, wie schützenswerte Bäume in der Schweiz kurzerhand gefällt wurden, «weil sie angeblich plötzlich doch zu gefährlich seien oder einer Strasse, einem Parkplatz weichen mussten». Das sei im restlichen Europa anders, weiss Brunner, «da versetzt man nicht selten eine Strassenführung, um einen Baum zu retten».

Als einziger Baumexperte fährt er zu jedem einzelnen seiner Schützlinge und dokumentiert sie, mag das Unterfangen auch brotlos sein. «Andere flippen aus wegen eines Ferraris und ich halt wegen eines Baumes», sagt er. Der Deal mit seiner Freundin Therese, einer leidenschaftlichen Velofahrerin, sieht entsprechend aus: «Für Ferien gilt ein Baumbesuch pro zehn gefahrene Velokilometer. Damit kommen beide klar.»

Mehrere Male schon führten ihn seine Reisen ins baumreiche Frankreich, wo die Ehrfurcht vor Bäumen tief verankert sei. Es waren denn auch gallische Druiden, weissagende Priester, die Bäume als Orakel benutzten und auf die Heilkraft von Misteln setzten – jenen kugelförmigen, filigranen Gewächsen, die sich gerne in Eichenkronen einnisten und heute in der Komplementärmedizin als Mittel gegen Krebs verwendet werden.

Auch Nordländer hätten noch immer einen Bezug zu germanischem, alemannischem, keltischem Kulturgut. «Wenn ich Deutsche oder Skandinavier nach dem Weg etwa zu einer bekannten Tanzlinde oder Gerichtseiche frage, sagen die Leute, welch wunderbarer Baum das sei, und erzählen Sagen und Geschichten. Wenn ich aber in der Schweiz nach einem Baum frage, heisst es meist kurz angebunden: ‹Was wollen Sie da? Sind Sie am Holz interessiert?›»

Michel Brunner hat nichts gegen die Holzwirtschaft, viel aber gegen eintönige Wirtschaftswälder mit lediglich Teenagerbäumen. «Das ist, wie wenn ich in einer Stadt herumlaufen würde, wo ausschliesslich Menschen unter 20 Jahren leben.» Bei über 500 Millionen Bäumen in der Schweiz fordert er, dass wenigstens jeder Millionste stehen bleiben darf, und erwähnt eine schöne jurassische Baumtradition. «Dort wird pro Waldstück eine Fichte oder Tanne zum ‹président› bestimmt und darf stehen bleiben bis zum Umfallen.» Danach geht das Amt auf einen anderen Baum über.

«La Panera spricht mit einem»
«Le président» – das ist La Panera für den ehemaligen Luvener Gemeindepräsidenten Martin Wetten schon lange. «Eigentlich viel mehr noch», sagt der 62-Jährige, «sie spricht mit einem, wenn man sie um Rat fragt.» Und Rat war im kargen Bergdorf oft teuer. Manch einer, der vor dem Hunger nach Amerika flüchtete, sei zur Panera runtergestiegen und habe sich vor der Abreise ausgeweint. Hie und da habe sie geraten zu bleiben, was einige befolgt hätten, «es gibt auch bei uns Geschichten darüber und sogar ein Gedicht», sagt Martin Wetten. Und zitiert aus dem Stegreif Alexander Maissen, der von der «plonta schi ferma, sas ton raquintar» geschrieben hat – vom so starken Baum, der so viel zu erzählen hat.

Auch ihm habe sie oft zugehört, berichtet der langjährige Maître de Cabine der Fluggesellschaft Swiss, als Bub schon, als er unten im Bual Kühe hüten musste. «Sie gibt zurück, was sie bekommt», sagt Martin Wetten. «Mit mir jedenfalls spricht sie bis heute.»

BUCH UND DOKU-SENDUNG

  • «Baumriesen der Schweiz», Michel Brunner, Werd-Verlag, 59 Fr.
  • Doku-Sendung «Unser Wald»: 21. Dez, 20.15 Uhr, 3sat, Wiederholung: 24. Dez, 12 Uhr, SF 1, und 25. Dezember, 10.35 Uhr, 3sat

 

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