SCHWEIZER FAMILIE: Jeannine Pilloud, erinnern Sie sich an Ihre erste Bahnfahrt?
JEANNINE PILLOUD: Als 12-Jährige fuhr ich mit dem Zug von Dübendorf nach Oerlikon ans Gymi. Wir stürmten jeden Morgen den Zug, der so voll wurde, dass spätere Zusteiger kaum Platz fanden, redeten, lachten und freuten uns auf die Retourfahrt, für die wir auf die Minute pünktlich sein mussten. Es gab keinen Taktfahrplan, und wer den Zug verpasste, musste lange auf den nächsten warten.
Heute sind Sie als Chefin SBB-Personenverkehr verantwortlich für 950 000 Passagiere – täglich. Ein stolzer Job.
Ich bin vor allem stolz auf meine 13 000 Mitarbeiter, die dafür sorgen, dass all die Passagiere sicher von A nach B gelangen.
Sie waren Wettkampfschwimmerin. Auch bei den SBB schlagen Sie ein forsches Tempo an: Ab Dezember kann man keine Tickets mehr im Fernverkehrszug lösen. Wurde geschummelt?
Die allermeisten sind ehrlich, es kommt sogar vor, dass Leute Geld schicken, weil sie keine Gelegenheit hatten, ihr Ticket im Zug zu kaufen. Doch es gibt eben auch solche, die durch geschicktes Taktieren einer Kontrolle ausweichen. Uns entgeht ein zweistelliger Millionenbetrag, den wir nicht auf die Ticketpreise schlagen wollen.
Kontrollieren die Zugbegleiter zu wenig?
Unsere Zugbegleiter haben es mit immer mehr Reisenden und immer längeren Zügen zu tun und geben auch noch Auskunft. Sie können lediglich zwei Drittel der Passagiere kontrollieren.
Wer trotzdem noch ein Ticket beim Kondukteur löst, wird künftig mit 80 Franken bestraft. Die Reaktion darauf war heftig. Ändern Sie Ihren Entscheid?
Es gibt über 4,5 Millionen SBB-Spezialisten – so viele Bahnfahrer zählt die Schweiz. Viele melden uns, was wir noch besser machen könnten. Das nehmen wir ernst. Mit Kundenbeirat und weiteren Gremien erarbeiten wir nun Kulanzregeln. Wenn der Zugbegleiter erkennt, dass der Passagier keine Chance hatte, ein Billett zu lösen, soll er auf die 80 Franken verzichten.
Auch wer in die erste Klasse wechselt, weils in der zweiten zu eng und lärmig ist, wird gleich mal mit 10 Franken gebüsst. Warum diese Schikane?
Wir sehen das Problem und suchen nach Lösungen. Doch es bleibt dabei: Wir wollen unser offenes System aufrechterhalten, eine Errungenschaft, die unsere Kunden sehr schätzen. Man steigt ohne Schranken ein, nimmt einen früheren oder späteren Zug, fährt mit dem Generalabonnement sogar unbeschränkt oft. Das kann nur funktionieren, wenn alle mit gültigem Fahrausweis unterwegs sind.
SBB-Passagiere müssen auch sonst einiges schlucken. Die Wagen sind oft übervoll und für Schweizer Verhältnisse erstaunlich dreckig. Wie erklären Sie …
… ich pendle zwischen Zürich und Bern und treffe vorwiegend saubere Züge an. Dreckige Züge sind nicht allein ein SBB-Problem. Wenn ich am Sonntag am Zürichsee jogge – unvorstellbar, was nach einer Samstagnacht alles herumliegt. Wir bemühen uns sehr um saubere Züge. Doch lässt eine Gruppe auf der Strecke Genf–St. Gallen in Bern Unrat liegen, ist es schwierig, den Zug auf die Schnelle zu reinigen.
Wie erklären Sie Passagieren, die keinen Sitzplatz mehr finden, die happigen Ticketaufschläge per Dezember?
Bis 2030 wollen wir 40 Prozent mehr Sitzplätze schaffen. Für alle, die heute stehen müssen, und alle, die neu dazukommen – in 20 Jahren zählt die Schweiz 9 bis 10 Millionen Einwohner. Unsere Züge werden bis zu 400 Meter lang. Dazu brauchts neues Rollmaterial. Wer ein Auto kauft, muss vorher sparen, nachher abzahlen oder beides. Das ist bei einem Zug nicht anders. Nur kostet Rollmaterial mehr als ein Auto.
Die SBB setzen in zwei Jahren neue Doppelstöcker für die Strecke Genf–St. Gallen ein. Tun es die bisherigen Doppelstockzüge nicht mehr?
Wir brauchen Doppelstöcker, um die enormen Kapazitäten zu bewältigen. Die bisherigen bleiben im Netz, und die neuen ersetzen die 40-jährigen Wagen mit den grünen und roten Plastiksitzen.
Die neuen Züge verschlingen bis 2030 jedes Jahr eine Milliarde Franken. Ist für uns nur das Beste gut genug?
Die Zufriedenheit der Kunden hat oberste Priorität. Sie sollen bequem, schnell und sicher fahren, einen anständigen Kaffee bestellen können, eine Steckdose für den Computer und Wireless zur Verfügung haben. Wir werden aber nicht noch Filme zeigen, Infotafeln am Sitz anbringen und automatisch verdunkelnde Scheiben einbauen. Diesen Luxus möchten wir nicht auch noch auf den Ticketpreis schlagen.
Die Billettpreise schlagen bis 2018 um satte 27 Prozent auf, wenn die Bahn nach den Bundesratswünschen ausgebaut wird. Ist das noch zumutbar?
Ich werde alles dafür tun, damit es nicht so weit kommt. Man muss aber auch der Kostenwahrheit ins Gesicht blicken.
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