Was gleich auffällt: Jörg Schneider, 77, und Christian Jott Jenny, 33, fallen sich nie ins Wort. Sie hören sich geduldig zu, auch nach zehn Sätzen noch. Dabei stammen die beiden aus ganz unterschiedlichen Künstlergenerationen: Jungspund Jenny, studierter Opernsänger, sprüht vor Ideen und ist kaum zu zügeln – «mein Arbeitsstil ist chaotisch geordnet». Altmeister Schneider wiederum, ausgebildeter Schauspieler, ist sich ein Berufsleben lang an Disziplin und exaktes Rollenstudium gewöhnt – «alles andere wäre im Theaterbetrieb meiner Zeit nicht akzeptiert gewesen». G
erade ihre Verschiedenheit führt die zwei an diesem Probemorgen in Zürich zusammen: Christian Jott Jenny will als Kabarettfigur Leo Wundergut erneut auf Tournee. Samt JetSet-Singers und zweiköpfigem Staatsorchester – eine grosse Kiste, die Jörg Schneider als Regisseur stemmen soll.
«Du warst mein Wunschkandidat. Du treibst uns an und gibst uns Boden», sagt Jenny zum Doyen des Schweizer Dialekttheaters. Dieser schaut seinen Künstlerkollegen in Schneider-Manier verschmitzt-treuherzig an und gibt die Wertschätzung zurück: «Viele von euch Jungen haben tolle Ideen. Aber nur die allerwenigsten den Willen und die Kraft wie du, sie auch durchzuboxen. Deshalb bin ich gern dabei.»
Auch wenn die Dialoge vier Wochen vor der Premiere des neuen Programms «Comedy in Music» noch nicht pfannenfertig sind, wie es Schneider gern hätte. Stets fällt den drei Tenören Christian Jott Jenny, Michael Raschle und Reto Hofstetter, Freunde seit Musikstudium-Tagen, etwas Neues ein. Auch letzte Nacht wieder telefonierten die JetSet-Singers wild hin und her. «Es ging um eine nordkoreanische Ansagerin», erzählt Jenny. «Toll, ja», sagt Regisseur Schneider, «nur müssen wir sie nun irgendwie ins Programm reinbringen.»
Nicht auf Kosten anderer
Christian Jott Jenny als treibende Kraft wird es richten, kein Zweifel. Sein Leo Wundergut mit Hornbrille, pomadisiertem Haar und Gala-Anzug pendelt zwischen Acapulco und dem Hof Wundergut seiner Grossmutter. Er kanns, wenns sein muss, auch mit Nordkorea und weiss zu unterhalten: Mit den JetSet-Singers schmettert er Arien von Puccini bis Verdi, schiesst im Kriminal-Tango den Vogel ab, stägelet uf, stägelet ab und präsentiert seinen Welthit «Spiel mir das Lied vom Tenor» – kurz: zieht eine Show ab, die intelligent ist und haarscharf noch den guten Geschmack trifft, niemals aber unter die Gürtellinie fällt. «Plumper Humor auf Kosten anderer interessiert mich nicht», sagt der Zürcher. «Wir haben zu lange zu ernsthaft Opernarien, Bachkantaten und Messen gesungen und tun es zwischendurch mit Freude bis heute. Es passt nicht zu uns, das Publikum mit derben Sprüchen zu traktieren.»
Viel lieber nimmt sich Christian Jott Jenny – das Jott steht für ein geheimnisvolles J. – selbst auf die Schippe. Oder spielt auf der Klaviatur der Nationalitäten-Klischees: Seine Figur Leo Wundergut weiss nie so recht, an wen er sich als frisch aufgebügelter Schweizer richten soll. Zur Auswahl stehen Ernst Müller-Thurgau, strebsamer Einwanderer aus dem grossen Kanton mit Hang zu schweren Largos, sowie Belcanto-Tenor Benedetto Rubini, heissblütiger Secondo und stets für eine Liederlichkeit zu haben – zwei Kunstfiguren, gespielt von Jennys Triopartnern.
Schon in früheren Programmen waren Michael Raschle aus dem Appenzellischen und Reto Hofstetter aus Winterthur mit von der Partie. Die letzte Show war eine Hommage an den 1977 verstorbenen Zürcher Komponisten Paul Burkhard und hat es Jörg Schneider, auch er Zürcher, besonders angetan. «Grossartig. Ich habe mir das Programm zweimal angeschaut», erzählt Schneider. «Jenny ist mir als Bühnenfigur wie auch privat einfach sympathisch. Er ist frech und gleichzeitig ausgesprochen höflich und stilsicher.»
Dieser Charakterzug hat beide vor vielen Jahren schon zusammengeführt. «Meine längste Geschäftsbeziehung», nennt Jenny sein Verhältnis zu Schneider, und das kam so: Klein Christian, damals neun und Zürcher Sängerknabe, probte am Opernhaus den Knabensolopart in Mozarts «Zauberflöte». In der Pause lief er dem bekannten Theatermann über den Weg. «Ich wusste, er suchte Kinderstimmen für seine Pumuckl-Kinderkassetten, und fand, wir müssten dies von Mann zu Mann besprechen.»
Schneider zeigte sich genauso spontan und engagierte den Jungen. «Es war mein erstes verdientes Geld. 150 Franken. Pro Nachmittag. Ein Vermögen», berichtet Jenny, der in Witikon, einem dörflich geprägten Zürcher Quartier, aufgewachsen ist. Mittlerweile kann der Sohn einer Musik- und Primarlehrerin und eines gesangbegeisterten Ökonomen von der Musik leben – «von der EU-Musik», wie er betont. Von der ernsten E- wie auch der unterhaltenden U-Musik. Beide Richtungen sind gleich wichtig für ihn. «Es gibt in meiner Welt nur gute oder schlechte Musik.»
Die Weichen hat er früh gestellt, einen Pavarotti gibt es nicht mehr aus ihm. «Der klassische Opernbetrieb von heute ist grausam», sagt der «Master of Music», ein Titel, den er sich an der Berliner Hochschule für Musik erworben hat. Im besten Fall werde man erster Tenor und rackere sich an einem Opernhaus, mit Vorzug einem deutschen, ab. «Wie ich in Hamburg», erzählt er, wo er sich während zweier Jahre wie in einem Stahlkorsett vorgekommen sei. «Das ist ein bisschen unromantisch für ein Künstlerleben, wie ich es mir in diesem kurzen Erdendasein vorstelle.»
In der Welt herumgondeln
Jenny weiss, was er nicht will. Als Letztes einen Tobsuchtsanfall wie einst Victor Borge. Der dänische Pianist nahm seine Interpretation dermassen ernst, dass er zu Beginn eines Konzerts ausflippte, weil der Dirigent ein schnelleres Tempo angeschlagen hatte als vereinbart. Die Zuschauer reagierten heftig. Sie begannen schallend zu lachen. «Das ist es, was mich interessiert», sagt Jenny, «die Gratwanderung zwischen Ernsthaftigkeit und Situationskomik. Dabei darf die Fallhöhe durchaus gross sein.»
Heute pendelt er in der Realität zwischen einer kleinen Wohnung in Berlin-Mitte und einer in der Altstadt von Zürich. Er nimmt nach wie vor zwei, drei klassische Engagements pro Jahr an, zuletzt die Tenorrolle in Mozarts «Don Giovanni» in Paris. Und wenn er nicht gerade als Leo Wundergut an einem Anlass singt, etwa für Papst Benedikt – tatsächlich geschehen im Jahr 2009 an einem Schweizergarde-Jubiläum –, feilt er bis zum Umfallen an seinen «Unterhaltungsprogrammen von gestern für Leute von morgen». Oder organisiert das renommierte Festival da Jazz in St. Moritz.
Dies alles als verheirateter Mann, was Jenny in einem Nebensatz erwähnt. «Es ist mir das Schlimmste passiert, was man über einen Mann sagen kann», sagt er, «ich habe mich in eine Frau verliebt, die wie meine Mutter Primarlehrerin ist.» Christian Jott Jenny, wie er leibt und lebt – man weiss nie genau, wie ernst er es meint. «Sehr ernst», sagt er, «ich habe eine Perle gefunden und sie vor anderthalb Jahren geheiratet. Sie lässt mich meine Projekte machen und kommt gut mit sich selber zurecht, während ich in der Weltgeschichte herumgondle.»
WEITERE INFORMATIONEN:
Leserinnen und Leser der «Schweizer Familie» erhalten für «Comedy in Music» (für die Vorstellungen von März bis April 2012) vergünstigte Tickets.

























