Es war schon immer mein Wunsch, über die Kinder vom Napf einen Film zu drehen. Während 365 Tagen habe ich sie mit der Kamera begleitet. Jeden Morgen auf dem Schulweg und nachmittags zu Hause, wo jedes Kind sein Ämtchen hat. Ich liess mir eine Tonstange konstruieren. Die band ich mir am Rücken fest. So konnte ich, ganz alleine als Kamera- und Tonfrau unterwegs, die Nähe und das Vertrauen der 50 Kinder gewinnen, die im Luzerner Napfgebiet in der Gemeinde Romoos leben.
Ich drehte jeden Tag, ich stand immer um fünf Uhr auf. Kamera kontrollieren. Ist die Linse sauber? Sind alle Batterien geladen? Nachts das gedrehte Material prüfen, Protokolle schreiben, Neues vorbereiten. Nach den ersten hundert Tagen habe ich mir eine grosse Pfanne gepostet und Hühnersuppe gekocht. Das hielt mich bei Kräften. Ich drehte ohne Ausnahme, bei jedem Wetter. Ich wollte sehen, wie sich die zerklüftete Napflandschaft im Entlebuch zwischen Luzern und Bern mit den Jahreszeiten verändert. Am Ende hatte ich 400 Stunden Material, aber der Film wurde nur 90 Minuten lang.
2009 habe ich mit den Dreharbeiten begonnen. Im Winter musste ich das eingefrorene Auto vom Schnee befreien, im Dunkeln die schmalen Wege hochsteigen. Herzklopfen. Schaffe ich es? Gelingt mir der Tag? Zum Glück hatte es schon Licht in den Ställen. Die Bauern beginnen noch früher als ich.
Am 1. Dezember 2011 war Premiere. Die Leute standen Schlange. Seit Wochen ist das Kino ausverkauft. In der Schweiz sahen den Film inzwischen 37 000 Menschen. «Die Kinder vom Napf» haben es an die Berlinale geschafft, eines der bekanntesten Filmfestivals der Welt. Dort gibt es einen Gläsernen Bären zu gewinnen. Als Botschafter vom Napf, dem Luzerner Wilden Westen, reisen am 9. Februar vier Kinder nach Berlin: Laura Röösli, Julia und Carolin Vogel und Thomas Bucher. Ich begleite sie.
Thomas und Michael Bucher, 11 und 8:
Thomas: Ich dachte, wenn der Film fertig ist, bekommt jedes Kind als Erinnerung eine DVD. Und fertig. Aber dann kam der Grosserfolg im Kino. Jetzt gehe ich nach Berlin und vielleicht noch viel weiter. Dass ich mit meinem Hobby Mausen so weit komme, ist cool. Michael: Mein Bruder Thomas fliegt nach Berlin. Ohne Mami würde ich so etwas nicht machen. Thomas: Ich möchte einmal ins Showbusiness. Komiker, Schauspieler werden, so etwas. Weil ich mit dem Film entdeckt habe, wie schön es ist, berühmt zu sein. Michael: Unser Knecht Gusti ist auch im Film. Zum ersten Mal im Leben geht er ins Kino. Vielleicht wird er auch berühmt.
Thomas: Ich würde in der Schweiz mit einem Krimi beginnen. Später in England auf Actionfilm gehen. I am catching the mouse! Das ist mein Satz. Mein Grosspapi fing schon Mäuse. Mit langen Scheren, wie Zangen. Die nehme ich mit, auf die Bühne der Berlinale. Heute gibt es Mausefallen, die senden dir ein SMS, wenn eine Maus in die Falle geht. Ich fange Mäuse, weil sie die Wurzeln der jungen Apfelbäume anfressen. Michael: Mami kocht mit Süssmost Risotto, und wenn der Most sauer wird, macht es Fondue. Grosspapi trank immer ein Glas Most gegen seine Schmerzen in den Armen und Beinen. Thomas: Die Mäuse stossen Erde nach oben und machen Haufen. Wenn Papi Gras mäht, kommt diese Erde mit ins Futter. Das haben die Kühe nicht gerne. Wir haben ja auch nicht gerne Dreck im Salat. Letztes Jahr habe ich 120 Mäuse gefangen. Papi gibt mir 50 Rappen pro Maus. Nach dem Mausen wasche ich meine Fallen. Nur mit Wasser. Damit die Mäuse nichts riechen.
Nina und Lukas Kammermann, 11 und 9, und Carolin, Julia und Linus Vogel, 11, 9 und 5:
Carolin, Julia und Linus wohnen am weitesten oben am Napf auf der Breitäbnet. Nina und Lukas etwas oberhalb der Bergstation. Am frühen Morgen auf dem Weg zur Schule überqueren sie mit der Seilbahn die Goldbachschlucht. Bei der Bergstation taucht eine Taschenlampe auf. Das muss Grossvater Fritz sein. Ein Käuzchen ruft. Der Mond scheint. Die Tannen werfen Schatten in den Schnee. Stirnlampen schweben die Hügel runter, ein Leuchtkegel folgt dem anderen. Schwere Atemgeräusche von Kindern. Füsse stapfen durch hohen Schnee. Sternförmig gehen sie wie Pinguine auf die Bergstation zu. Sie schieben Turn-, Schultaschen, Rucksäcke unter die Sitze des blauen Bähnchens. Gitarre, Handorgel, alles kommt mit. Lukas übt noch schnell den Lesetest. Grossvater Fritz schiebt die Tür zu, wünscht gute Fahrt, und los gehts. Über die 200 Meter tiefe Goldbachschlucht zur Talstation, wo der Schulbus wartet. Erste Lichtstreifen am Horizont. Weit unten das Nebelmeer.
Nina: Einmal haben wir Lukas vergessen. Wir waren schon in der Luft. Da sahen wir ihn anrennen und winken. Das ist, weil wir immer singen im Bähnchen, dann merken wir nichts. Mein Grossvater stoppte, wir mussten umkehren. Carolin: Einmal, ganz plötzlich über der Goldbachschlucht, blieb das Bähnchen stehen. Wir dachten, es sei Stromausfall. Grossvater Fritz hat uns angerufen. Wir sollen schön ruhig bleiben, er stelle den Generator ein. Wir hingen in der Luft und kamen zehn Minuten zu spät in die Schule. Das war super. Im Schulbus sahen sie, wie wir mitten über dem Goldbach hingen. Sie fragten alle, hattet ihr Angst? Linus sagte, wir haben nie Angst.
Lukas: Wenn es über Nacht schneit, schreiben wir am Morgen Nachrichten in den Schnee. Für Reto und Martina. Die müssen noch viel früher aufstehen als wir. Mit dem Postauto fahren sie weiter, bis ins Tal runter nach Wolhusen, wo die Sekundarschule ist. Sie schreiben uns auch. Gestern stand: Geht aufs Dach! Wenn es keinen Schnee hat, schreiben wir mit Steinen. Dann können sie es aber nicht mehr lesen, weil Tiere darüberrennen. Mit Blättern haben wir es auch schon probiert. Aber der Wind trägt alles davon. Uns manchmal auch fast. Julia: Im Goldbach unten sehen wir aus dem Bähnchen wilde Tiere. Einmal hörten wir ein Rehkitz heulen. Vielleicht ist ihm die Mutter davongelaufen. Wir haben mit dem Bähnchentelefon Grossvater Fritz angerufen. Einmal war eine Riesenspinne am Fenster. Aber wir dürfen die Türe nicht öffnen während der Fahrt, nie aufstehen und auch nicht schwanken.
In der Schule Filmaufnahmen machen ist etwas vom Schwierigsten. Die Kinder sind am Lesen, Schreiben, Rechnen. Nichts passiert. Aber ganz plötzlich reden sie. Ein Mädchen kommentiert das Zeugnis, es sei das schlimmste Buch der Welt. Ein Bub sagt, er gehe jetzt zuerst an die Fasnacht und schaue erst danach, was er für Noten erhalten habe. Einmal hörte ich die Sirene eines Polizeiautos. Diese Töne sind selten am Napf. Am andern Tag erzählte ein Bub in der Schule, wie sein Vater beim Holzen von der Tanne auf einen Baumstrunk runterstürzte und über den Nagelfluhhang dreissig Meter in die Tiefe rutschte, wo ihn nur noch ein Helikopter retten und hochseilen konnte.
Dustin, Cyrill und Severin Häfliger, 9, 10 und 13:
Heute liegt die Schule Romoos unter einer dicken Nebeldecke. Am Mittag begleite ich die drei Brüder Dustin, Severin und Cyrill nach Hause. Dustin erzählt unterwegs: «Ich musste im Unterricht Tierstimmen erraten. Eine Wildsau, ein Elch und ein Hirsch. Ich weiss, wie Hirsche tönen. Ich gehe sie manchmal füttern, werfe Äpfel runter beim Waldrand. Das mögen sie gerne. Papi hat auch schon eine Wildsau gesehen. Aber selten.» Plötzlich scheint uns die Sonne ins Gesicht. Wir haben es geschafft, sind über dem Nebelmeer. Holzwegen heisst es hier oben, wo die drei Brüder auf 1100 Metern über Meer zu Hause sind. Severin: Ich würde auch gerne mitgehen, nach Berlin ans Filmfestival. Aber ich mag es den anderen gönnen, mit dem Flugzeug zu fliegen. Dustin: Jetzt haben vier andere Glück. Ich freue mich, dass Thomas denen dort seine Mausefalle zeigen kann. Cyrill: Sie können erzählen, was wir alles machen auf dem Napf, müssen aber Hochdeutsch reden. Severin: Im Fussballtraining, unten im Tal, wussten meine Kollegen nicht, wo Romoos ist. Erst seit sie mich im Film gesehen haben, sagen sie, aha, dort oben bist du zu Hause.
Nach der Schule führen die drei Brüder ihre Ponys ins Freie. Fläckli heisst das mit der braunen, Schäckli das mit der schwarzen Nase. Severin: Einmal stürmte, blitzte und donnerte es. Mami rief uns: Schnell, kommt zurück, ins Haus. Die Ponys blieben draussen, rannten im Gewitter übers Feld. Wir hatten Angst, ein Blitz treffe sie. Am Morgen standen sie beide im Stall. Dustin: Ponys haben nicht so gelenkige Hinterbeine wie Leoparden. Aber auf dem Napf müssen sie ja auch nicht angreifen. Einmal ging es um Leben und Tod. Wir hörten unsern Hund Nana heulen. Sie hat die Saumode, den Traktoren nachzurennen. Der Arzt sagte, sie hat einen Riss in der Pfanne, es gebe nur eines, operieren oder einschläfern. Nana ass und trank nichts mehr, hinkte in den nahen Wald und verkroch sich zum Sterben. Grosi weinte. Mami telefonierte einer Naturheilerin. Die konnte helfen, wusste, was wir machen sollen. Cyrill legte Nana die Hände auf. Sie begann zu essen. Heute springt sie wieder über den Zaun.
Cyrill: Ponys muss man mit Druck streicheln, sonst kitzelt es sie, und sie schlagen aus. Sie gebären meist allein, brauchen keine Hilfe. Es macht flutsch, und die Jungen sind draussen. Das kannst du nicht filmen. Nicht mal ich kann dabei sein, denn sie kommen, wann sie wollen. Nach der Schule waren sie da, ein Weibchen und ein Männchen. Zum Glück. Denn zwei Männchen vertragen sich nie so gut zusammen. Sie tun gerne Kräfte messen. Dustin: Wenn du Schuppen oder Hautkrankheiten hast, musst du Wachteleier essen. Die haben viele Vitamine. Am Morgen nehme ich die Pfanne raus, schlage Wachteleier über den Tassenrand. Kurz bevor sie durchgebraten sind, würze ich mit Aromat und Gewürz, dann wird es megafein. Ich könnte jeden Morgen drei essen. Aber ich esse nur eines. Für die Schule schreibe ich einen Vortrag über Wachteln. Eine Wachtel ist meine liebste. Sie hat die perfekte Haltung. Macht keinen Buckel. Im Jahr legt sie etwa 300 Eier. Ein Wachtelmännchen braucht fünf Weibchen. Es hat gerne Auswahl.
Ich staune immer wieder, wie die Kinder hier oben Verantwortung für die Tiere übernehmen. Sie hüten die Schafe, Ziegen, geben Stroh rein, frisches Wasser. Sie sind dabei, wenn die Kuh am Kalbern ist. Selbständig, mit Begeisterung und viel Liebe machen sie nach der Schule ihre Ämtchen.
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