Marco Rima:«Jetzt erst recht!»

Komiker Marco Rima steht seit 30 Jahren auf der Bühne. Im Gespräch erzählt er, was ihn geprägt hat, wieso er sich mit 50 wie eine Wunderkerze fühlte und was er der nächsten Generation alles zutraut.

  • Komiker Marco Rima ist 50 geworden.
  • Marco Rima und seine Frau Christina erwarten Nachwuchs.
  • Marco Rima mit Partner Marcello Weber als Komikerduo «Marcocello».
  • Schmalspurcasanova im Musical «Keep Cool»
  • Marco Rima als Hauptmann Reiker in «Achtung, fertig, Charlie!».
  • Showtime in der «Wochenshow» von Sat1.
  • Marco Rima im Musical «Hank Hoover».

SCHWEIZER FAMILIE: Sie wurden letztes Jahr 50. Haben Sie jemanden eingeladen?
MARCO RIMA: Nein, den Geburtstag feierte ich zusammen mit meiner Frau Christina und unserer kleinen Tochter Malea auf einer australischen Insel. Ich mag Geburtstage nicht besonders.
Sie laden in Ihrem neuen Programm «Humor Sapiens» zum Jubiläum Ihrer 30-jährigen Bühnenpräsenz illustre Gäste wie die Schauspieler George Clooney oder Jennifer Lopez ein, doch die kommen nicht. Privat brauchen Sie also nicht so viel Rambazamba wie auf der Bühne?
Das ist einer der Unterschiede zwischen dem privaten und dem öffentlichen Rima. Die Bühne ist wie ein Ventil: Da kann ich alles rauslassen, was ich privat nicht tun würde. Rollen zu spielen bringt auch Psychohygiene. Andere gehen zum Psychiater und zahlen viel Geld, ich darf auf die Bühne und werde dafür bezahlt.
War das 50. Jahr ein Wendepunkt in Ihrem Leben?
Die Zahl verunsicherte mich damals. 50 bedeutet: alt. Mit 50 steht man ein grosses Stück über der Mitte des Lebens.
Ein Anlass, über Ihr bisheriges Leben nachzudenken?
Ja. Ich war Ende des Jahres 2010 sehr müde, spürte das Alter. Ich wusste: Jetzt muss ich eine Auszeit nehmen. Arbeite ich weiter, verbrenne ich all meine Energien – wie eine Wunderkerze. Zündet man sie an, brennt sie zwar funkensprühend, aber sehr schnell ab.
Wie zeigte sich dieses Ausgebranntsein?
Ich hatte überhaupt keine Lust mehr. Nach sieben Monaten Auszeit kam sie zurück. Schauen wir im Leben des 50-jährigen Marco Rima zurück. Wie waren Sie als Kind? Ein einfaches, fröhliches und lebendiges Kind. Einige Lehrer förderten diese Energie, andere versuchten sie zu bändigen.
Wie das?
Die Lehrer wollten mich brechen und zurechtbiegen. Es gab einen Moment in meiner Schulzeit, in dem mich ein Lehrer so fertig machte, dass ich ernsthaft darüber nachdachte, mir das Leben zu nehmen.
Trotzdem wurden Sie Lehrer.
Ich musste eine Klasse wiederholen und hatte in diesem Jahr eine tolle Lehrerin. Bei ihr fand ich wieder zur Freude zurück und zu meiner Fähigkeit, für den Zusammenhalt und gute Stimmung unter den Schülern zu sorgen. Auch in der Sekundarschule hatte ich gute Lehrer und wollte deshalb Lehrer werden.
In den Sechzigerjahren, Ihrer frühen Kindheit, fand der Vietnamkrieg statt, John F. Kennedy und Martin Luther King wurden erschossen. Haben Sie davon etwas mitbekommen?
Die Morde an John F. Kennedy und Martin Luther King drangen nicht zu mir durch, ich war noch zu jung. Als erstes grosses Weltereignis erlebte ich die Mondlandung 1969. Und ich erinnere mich daran, dass der Boxer Cassius Clay, später Muhammed Ali, den Kriegsdienst verweigerte.
Diskutierten Sie in Ihrer Jugend zu Hause über Politik?
Oft. Es wurde überhaupt viel geredet, denn ich stamme aus einer Tessiner Familie. Wir hatten eine gute Streitkultur.
Mitte der Siebzigerjahre waren Sie ein Teenager. Ein aufmüpfiger?
Meine einzige Rebellion gegenüber meinem Vater bestand darin, dass ich Schauspieler werden wollte. Ansonsten war ich immer der Vernünftige, die Rebellischen schalten mich einen Konservativen. Was nicht stimmte, ich hatte lediglich etwas gegen sinnlose Sachbeschädigungen.
Wirtschaftlicher Aufschwung, Hippies, Feminismus in den Siebzigerjahren: Sprach Sie etwas davon an?
Der Feminismus. Ich hatte eine Riesenklappe, war aber schüchtern im Umgang mit Mädchen. Ich wurde als Gentleman erzogen – einer Dame die Türe öffnen, in den Mantel helfen. Ungerecht fand ich, dass nur der Mann um die Frau werben sollte und nicht umgekehrt. Als es eine mal tat, war ich konsterniert.
Mit welchen Themen befassten Sie sich in jener Zeit?
Das Sonntagsfahrverbot während der Ölkrise begeisterte mich. Doch auch die Angst, das Öl reiche nur noch dreissig Jahre, nistete sich bei mir ein.
Sie absolvierten dann das Lehrerseminar und machten den Begabungstest an der Schauspielschule. Letzteres mit wenig Erfolg.
Das Nein provozierte mich. Jetzt erst recht, ist jeweils meine Reaktion in solchen Situationen. Ich tingelte mit Marcello Weber als Komiker-Duo Marcocello durch die Schweiz. Es dauerte sieben Jahre, bis wir Erfolg hatten. Daneben arbeitete ich Teilzeit als Schwimmlehrer. Dieses Arrangement war ideal. Ein Teil meiner Lebenskosten war abgedeckt, und ich stand als Komiker nicht unter Erfolgsdruck. Eigenverantwortung war mir mein Leben lang wichtig.
Bereuten Sie es je, nicht Lehrer geblieben zu sein?
Nein. Dann wäre es mit meinem Komikerleben vorbei. Als Lehrer würde ich es als politischen Auftrag verstehen, die Schule so zu verändern, dass beide Elternteile arbeiten gehen können.
Wie sähe Ihre Schule aus?
In meiner Schule beginnt der Unterricht morgens um neun mit den Pflichtfächern. Die Schüler verköstigen sich am Mittagstisch, das von pensionierten Köchen zubereitet wird. So bleiben sie in Kontakt mit der Jugend und können ihre beruflichen Fähigkeiten einbringen. Am Nachmittag werden Sport und Kultur unterrichtet, und die Hausaufgaben werden von ehemaligen Lehrern begleitet. Spätestens zwischen fünf und sechs gehen die Kinder heim und sind von der Schule entlastet.

Marco Rima

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