Schweizer Familie: Herr Dill-Bundi, Sie haben Haare auf dem Kopf. Seit wann wachsen sie wieder?
Robert Dill-Bundi: Nach fünf Jahren spriessen sie endlich wieder. Zum Glück! Jetzt sieht man die Narbe nicht mehr gut.
Störten Sie sich an der Narbe?
Ja. Obwohl: Meine Tochter Mareva sagte, andere liessen sich tätowieren, ich hätte jetzt eben eine coole Narbe. Man sieht sie noch immer ein wenig, vor allem hier vorne,
links an der Stirn. Hier wurde die Haut durch die Bestrahlung verbrannt. Da wächst nichts mehr.
Sind Sie eitel?
Klar. Jeder Mensch ist eitel. Am Anfang hat mich die Narbe allerdings mehr gestört. Irgendwann sagte ich mir: Roberto, du bist ein Idiot! Das ist doch das kleinste Problem. Mir wurde bewusst: Ich lebe! Gopf! Ich lebe!
Und das grenzt an ein medizinisches Wunder: Nachdem Ihnen 1999 und 2001 jeweils ein gutartiger Hirntumor rausoperiert wurde, erhielten Sie 2006 die Diagnose: bösartig. Was dachten Sie in dem Moment?
Ich glaubte, der Arzt mache einen Witz, sagte ihm, darüber scherze man nicht. Als er den Kopf schüttelte, brach eine Welt zusammen. Zwei Jahre zuvor hatte ich ein zweites Mal geheiratet, mir ein neues Leben aufgebaut. Der Tumor war inoperabel, so viele Metastasen hatten sich bereits gebildet.
Nach neunmonatiger Chemotherapie und Bestrahlung sagten Ihnen die Ärzte, Sie könnten nichts mehr tun. Wie viel Zeit gaben sie Ihnen noch?
Vielleicht zwei Monate, vielleicht aber auch nur zwei Wochen, zwei Tage.
Was war auf dem Heimweg Ihr erster Gedanke?
Ich mache eine Weltreise, werfe mein Geld zum Fenster raus, mache sogar Schulden. Diesen Gedanken verwarf ich aber rasch. Denn die Schulden hätte ich meiner Familie hinterlassen.
Dachten Sie daran, Ihrem Leben selbst ein Ende zu setzen?
Das kam überhaupt nicht in Frage. Ich überlegte mir bloss, was ich meiner Familie sagen soll. Ich wollte sie nicht belügen. Aber ich konnte nicht sagen, dass ich bald sterben würde. Also sagte ich: Die Medikamente nützen nichts mehr. Aber ich bin sicher, es gibt eine andere Möglichkeit.
Was Sie da noch nicht wussten: Die gab es tatsächlich, wie sich drei Tage später herausstellte. Sie konnten an einer Studie teilnehmen. Drei Jahre mussten Sie ein etwa drei Kilo schweres Gerät mit sich schleppen, das mit vier Elektroden ausgestattet ist. Diese wurden auf den Kopf geklebt und gaben pro Sekunde zwei Ampere Strom an den Tumor ab.
Es war ein Glück, dass ich für die Studie ausgewählt wurde. Sonst wäre ich tot. Der Tumor war so gross wie ein Ei. Das Gerät schrumpfte ihn auf die Grösse eines Fingernagels. Vergangenen Mai konnten die Ärzte ihn rausoperieren. Der Erfolg kommt daher, dass ich die Elektroden ständig getragen habe.
Auch beim Duschen?
Natürlich. Ich bedeckte den Kopf mit einer Duschhaube. Das sah vielleicht aus! Aufgedunsen vom Kortison, das ich vor dieser Therapie nehmen musste, 120 Kilo schwer und mit Duschhaube. Zum Schiessen! Im Ernst: Ich blickte in den Spiegel und dachte: Sieh dich an, Roberto, sieh, was die Krankheit aus dir gemacht hat.
Wollten Sie die Therapie abbrechen?
Nein. Mein Spiegelbild schockierte mich zwar am Anfang. Ich dachte, so könnte ich nicht raus. Die Blicke der Leute auf der Strasse waren unangenehm. Aber im Gegensatz zur Bestrahlung und zur Chemotherapie hatte diese Behandlung keine Nebenwirkungen. Irgendwann gewöhnte ich mich an das Gerät.
Und Ihre Frau?
Für sie war es eine seltsame Situation. Besonders beim Akt. Der fand nur noch im Dunkeln statt. Und sie vermied jeglichen Kontakt mit den Kabeln und Elektroden.
Jetzt sind die Elektroden weg. Und Sie sitzen hier in Ihrem Büro. Wie fühlen Sie sich, nachdem Sie dem Tod von der Schippe gesprungen sind?
Man kann nicht vor dem Tod davonlaufen. Ich habe ihn lediglich hinausgezögert. Ich habe grosses Glück, dass ich in der Schweiz lebe.
Weil hier die medizinische Versorgung besser ist als anderswo?
Ganz klar. Man kann lange kritisieren, die Krankenkassenprämien seien zu hoch. Ich will aber denjenigen finden, der deshalb noch flucht und jammert, wenn er im Spital liegt und auf Hilfe hofft. Neue Technologien kosten eben.
Kürzlich waren Sie bei der Nach-kontrolle. Wie lautet der Befund?
Die Tomografie zeigte nichts mehr an. Im Moment gelte ich als geheilt.
1980 wurden Sie in Moskau Rad-Olympiasieger auf der Bahn, jetzt haben Sie den Tumor besiegt. Sind Sie ein Siegertyp?
Ich stehe auf der Seite der Gewinner. Natürlich war der Moment in Moskau unvergesslich. Aber er bedeutet nicht das Leben. Das weiss ich jetzt.
- Seite 1 | 2
- Nächste Seite ›



























