Der stets elegante Fernsehmoderator Kurt Aeschbacher hat nicht seine besten Stücke aus dem Kleiderschrank genommen. Ausgetretene Turnschuhe, abgewetzte Jeans. Einen Tag lang hilft er der 72-jährigen Erika Lörtscher, eine komplett vermüllte Wohnung zu räumen. Was für einen Tag sein «Sommerjob» ist, macht sie seit fünfzehn Jahren.
An diesem Freitag in Bern-West. Ein hässliches, anonymes Beton-Appartementhaus aus den Siebzigerjahren an einer lauten Ausfahrtsstrasse. Dutzende Briefkästen
im Hauseingang, der mit einem schmuddeligen grauen Teppich ausgelegt ist. Im fünften Stock liegt die Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung einer 95-jährigen Frau. Sie ist hier gestorben, wurde kurz nach ihrem Tod gefunden – nicht wie andere, die sechs Monate in ihrer Wohnung lagen, ehe Erika Lörtscher zum Räumen aufgeboten
wurde.
Es gibt kaum ein unverstelltes Plätzchen in den Zimmern. Schachteln, alte Säcke, Plunder aller Art türmen sich und verhinderten, dass die gehbehinderte Frau überhaupt die Stube oder die Küche betreten, geschweige denn auf ihrem Sofa sitzen konnte. Durch all den Müll führt ein zwanzig Zentimeter breites, freies Weglein zur Haustür, zum Bett und in die arg verschmutzte Toilette. Die Bücher in den Gestellen weisen darauf hin, dass die ehemalige Bewohnerin belesen war: etwas Goethe, Reisebücher, Kunstbände.
Einsatz mit dem Vorschlaghammer Die Bettlaken starren vor Dreck. Und die wüste Wohnung lebt: Auf den Teppichen und in der Einbauküche wuseln Horden von Käfern herum. Verwahrlosung und Sammeleifer haben die Räume zu dem gemacht, was sie sind: ein stinkender Abfallhaufen. In dem eine alte Frau gelebt hat.
Erika Lörtscher bestimmt das Vorgehen. An jedem ersten Tag einer Räumung sortiert sie. Kleider bringt sie in eine Pfarrei. Eisen, Chemikalien, Glas führt sie separat
ab, das Brennbare kommt in eine Mulde, die bis zum Abend gefüllt sein muss: «Damit die Nachbarn nicht ihre alten Kühlschränke darin entsorgen», sagt sie. Dass alles ordentlich getrennt wird, ist ihr ein Anliegen.
Dafür macht sie auch unbezahlte Überstunden. In einem Job, der nicht gut entlöhnt wird und genau genommen Boni in Bankerhöhe verdient hätte. Die Arbeit beginnt. Kurt Aeschbacher räumt die Schubladen aus einem massiven, alten Pult. Er sinniert über Hochzeitsfotos, Urkunden, die ihm in die Hände fallen, und plaudert mit Erika Lörtscher. Ein lockerer Ton fällt ihm schwerer als sonst. «Die soziale, gesellschaftliche Dimension» dieser Unordnung bedrückt ihn: «Dass ein Mensch in einem solchen Elend lebte, ohne dass es jemand gemerkt hat», sagt er. Es ist Kurt Aeschbachers belastendster «Sommerjob».
Die zierliche Erika Lörtscher, 40 Kilogramm schwer, klein wie ein Schulmädchen, in silbrigen Ballerinas, greift zum Vorschlaghammer. So zerkleinert sie die Möbel, damit sie tragbar sind. Sie langt tüchtig zu: «So, der ist weg», schnauft sie, als ein Teil des Pultes in Stücken liegt. Sie übergibt den Hammer ihrem Helfer. «Das macht Spass», sagt Kurt Aeschbacher ohne rechte Begeisterung. Ein riesiger alter Kasten und ein bulliges Buffet stehen noch an. Die Zerstückelungsexpertin mag moderne
Möbel lieber: «Wenn man einmal draufhaut, fallen sie im Gegensatz zu guter alter Handwerksarbeit von alleine auseinander.»
Statt grausliche Wohnungen zu räumen, könnte Erika Lörtscher heute geradeso gut auf einer Theaterbühne stehen. Die Tochter eines Berner Tapezierers und einer Putzfrau wurde als kleines Mädchen beim Fussballspielen auf der Strasse von einer Talentsucherin des Berner Stadttheaters entdeckt. Fortab spielte Erika nahezu alle Kinderrollen: zum Beispiel an der Seite von Peter Arendt in «Schneewittchen und die sieben Zwerge». Sie gab den kleinsten, Stephanie Glaser den grössten Zwerg.
Doch die Eltern waren gegen eine Ausbildung zur Schauspielerin: «Sie fanden, das sei etwas für Zigeuner, ich solle einen rechten Beruf lernen. Nu so de, man hat halt damals den Eltern noch gehorcht», sagt sie in ihrem behäbigen Berner Dialekt, einer Mischung aus Birgit Steineggers Frau Iseli und Lilo Pulver als Vreneli aus dem Film «Uli der Knecht». Verbitterung? Nicht bei ihr. So wurde aus Erika keine Schauspielerin, sondern eine Verkäuferin. Die, dank ihrer Theaterkontakte, nebenbei ein bisschen «modelte». Als Pepsodent-Girl war sie im «Gelben Heftli» zu sehen. Oder mit «Tüchlein, Schürzen und settigem Züügs von der Leinenweberei Langenthal», erinnert sich Erika Lörtscher.
Mit 20 lernte sie in Bern einen amerikanischen Air-Force-Soldaten kennen. Sie heirateten und zogen nach Frankreich, dann weiter nach Libyen, Florida, landeten
schliesslich in Alexandria im amerikanischen Südstaat Louisiana, wo sie 23 Jahre in einer Militärbasis der Air Force lebten und zwei Kinder grosszogen. Sohn und Tochter sind bis heute in Alexandria geblieben. Natürlich habe sie in Amerika «längi Zyti» gehabt, sagt Erika Lörtscher, «aber man gewöhnt sich an alles». Langweilig
wurde es ihr nie. Sie bildete sich zur Innendekorateurin aus und richtete viele Häuser auf der Station ein, überzog Möbel, nähte Vorhänge. Mit 34 erkrankte sie an Brustkrebs; beide Brüste mussten amputiert werden.
«Aeschbachers Sommerjob», SF 1, Donnerstag, 22. Juli, 22.20 Uhr
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