Schweizer Familie: Frau Laeri, Zeitungen haben ihren Geldonkel, das Fernsehen hat Sie – das pure Gegenteil.
Patrizia Laeri: Das sehen viele Leute nicht mehr so traditionell. Angelsächsische Börsensender setzen schon lange auf Frauen.
Warum haben Sie Wirtschaft studiert?
Ich machte die Matura mit Latein. Mit 17 nahm ich an einer Wirtschaftswoche teil. Wir mussten so tun, als würden wir ein Unternehmen führen: Pfannen vermarkten mit Werbespots, Flyern, Aktionen. «Hot Pots» nannten wir unsere Pfannen. Unser Team gewann, das beflügelte mich.
Ihr Vater war forensischer Psychologe, befasste sich also mit Straftätern. Hilft Psychologie auch, die Finanzmärkte zu verstehen?
Mein Vater interessierte sich für jeden einzelnen Menschen, und genau das kann ich jetzt als Journalistin ausleben. Wenn ich Interviews führe, will ich die Menschen verstehen.
Sie wurden vor anderthalb Jahren über Nacht berühmt, als Sie den damaligen UBS-Präsidenten Peter Kurer interviewten.
Ich war schon seit sechs Jahren Wirtschaftsjournalistin, hatte den früheren deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder und Aussenminister Joschka Fischer interviewt, führte kritische Gespräche mit Nationalräten und Schweizer Konzernchefs. Dann kam dieses «10 vor 10»-Interview mit Peter Kurer. Dass es solche Schlagzeilen auslösen würde, war für mich nicht absehbar.
Im Gespräch mit Peter Kurer ging es um die hohen Boni der Banken. Peter Kurer kam ins Stottern, Sie blieben ruhig.
Ruhig, aber hartnäckig. Man nennt dies das «Harvard-Prinzip»: betont höflich, aber in der Sache hartnäckig. Andere Journalisten fragen aggressiv – das ist nicht mein Stil.
Ihre Mutter ist unter Bergbauern aufgewachsen, eine andere Welt als die des Geldes.
An Weihnachten konnte sich die Familie meiner Mutter keine Geschenke kaufen. Sie schnitten Bilder aus dem Katalog aus, klebten sie auf ein Blatt Papier, und versahen sie mit ein paar persönlichen Worten.
Schaut Ihre Mutter heute «SF Börse»?
Natürlich. Aber am Anfang hatte sie gar keine Freude, dass ich zum Fernsehen wollte. Es wäre ihr lieber gewesen, wenn ich zu einer Bank gegangen wäre und einen «richtigen Beruf» gewählt hätte. Seit der Finanzkrise sieht sie es anders.
An der Börse geht es einen Tag rauf, am nächsten runter. Wird das mit der Zeit nicht langweilig?
Die Börse ist nicht einfach eine Kurve, die Börse ist die Herzfrequenz der Welt. Alles fliesst hinein: Politik, gesellschaftliche Unruhen, Krisen, aber auch Erwartungen und Hoffnungen. Die Aktien von Lebensmittelfirmen hängen von den Ernten ab, von den Rohstoffpreisen. Mich faszinieren die grossen Linien: Auf fast jeden Aktien-Crash folgt eine Krise der realen Wirtschaft. Die Anleger haben die Zeitungen von morgen schon gelesen.
Und schlagen daraus Profit?
Mich ärgern Leute, die behaupten, Aktien seien nur etwas für Raffgierige und Spekulanten. Sollen die Leute das Geld auf dem Sparbüchlein horten? Das nützt niemandem etwas. Ich finde es wirtschaftsethisch sinnvoll, das Geld in Firmen zu investieren, in Menschen, in Arbeitsplätze, in Innovationen.
Jetzt dürfen Sie von Berufs wegen keine Aktien kaufen.
Als Wirtschaftsjournalistin darf ich nicht in Verdacht geraten, für einzelne Firmen Partei zu ergreifen. Darum kann ich keine Aktien von einzelnen Firmen halten. Aber ich darf Fonds kaufen. Zum Beispiel einen Index-Fonds, der parallel zum Schweizer Aktienindex SMI läuft. Mit solchen Index- Fonds muss ich automatisch in alle Schweizer Aktien investieren, auch zum Beispiel in Banken, mit deren Bonus- und Lohnpolitik ich nicht einverstanden bin.
Warum verzichten Sie nicht darauf?
Weil es sinnvoll ist, wenn Kapital dort eingesetzt wird, wo es am effizientesten ist. Etwa in der Forschung und Entwicklung energiesparender Technologien.
Wenn Freunde und Verwandte Sie um Rat fragen, dann antworten Sie: «Kauft Nestlé! Kauft Novartis!»
Ich sehe mich nicht als Börsenguru. Ich sage höchstens: Investiert langfristig und nicht in eine Firma allein. Selber habe ich auch schon Themen-Fonds gekauft, zum Beispiel Gold. Das war das beste Geschäft meines Lebens.
Der Goldpreis ist stark gestiegen. Eine nächste Blase, die platzen könnte?
Gold ist an den Dollar gekoppelt. Das funktioniert nach dem Prinzip: Geht der Dollar runter, geht das Gold rauf. «Zurzeit ist Dollar nur noch Konfetti», sagt der Börsenguru Marc Faber. Behält er recht, steigt Gold weiter.
Sind Sie risikofreudig?
Privat schon. Ich reise gern. Im Umgang mit Geld bin ich aber vorsichtig. Dass Märkte übertreiben können, habe ich schon an der Uni gelernt. Im Boom der Neunzigerjahre wurden wir verwöhnt. Wir hatten noch nicht einmal das Grundstudium hinter uns, da buhlten die Firmen um uns und flogen uns mit Helikoptern herum. Dann kam die Krise, und viele meiner Kollegen fanden nicht einmal einen Job.
Vor einem Jahr waren Sie für «10 vor 10» im indischen Mumbai. Dort besuchten Sie nicht die Bankenviertel, sondern die Slums. Wie bringen Sie diese zwei Welten unter einen Hut?
Ich sah dort, wie Wirtschaft im Kleinen funktioniert, wie Not erfinderisch macht. Ich traf noch nie so viel Unternehmergeist an wie in den Slums von Mumbai. Klar: Es ist die Hölle, es gibt keine Medikamente, keinen Sozialstaat, keine Arbeitsrechte, alles ist schlimm.
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