Der Blick schweift über morgenfrische Wiesen und Weiden, über Fichten und Lärchen nach Siders in der Talsohle, auf die andere Talseite zum Val d?Anniviers, hinauf zu schneebedeckten Bergketten. Ein atemberaubendes Panorama. Ziegenglocken bimmeln, eine Männerstimme ruft Befehle, ein Hund bellt, Schweine grunzen, Hühner gackern. Ein Paradies.
«Diese Umgebung macht mich glücklich», sagt der Älpler. 1 Meter 92 gross. Kräftig. Ein Mann, der anpacken kann. Den schwarzen Westernhut tief in die Stirn gedrückt. Auf seiner Jacke der Aufdruck «Alpage du Sex». Was hat die Alp mit Sex zu tun? Armin Andenmatten, 54, lacht: «Sex könnte man hier überall machen - der Name der Alp hat damit aber nichts zu tun.» Anderen Leuten, die vermuten, auf der Alpage du Sex sei das Leben bestimmt höchstinteressant, pflichtet er bei: «Ich bin den ganzen Sommer mit über 300 Weibern zusammen.»
Die Weiber: Kühe, Rinder, Ziegen, Schweine. Und seine Partnerin Kirsten Anhalt, 45, wie er mit einem Augenzwinkern meint. Es ist Armin Andenmattens erste Saison als Älpler. Der gebürtige Walliser ist auch erst seit 2006 ausgebildeter Landwirt. Zwar träumte er schon als Kind davon, Bauer zu werden. «Für meine Spieltiere baute ich in der ganzen Wohnung Stallungen auf - im Wohnzimmer den Bergbetrieb, in meinem Schlafzimmer den Talbetrieb.» Doch erst über einige Umwege fand er zu seinem Traumberuf.
Rasch und unwiderruflich
Andenmatten wuchs in Susten auf. Er half den Bauern und wollte selber einer werden. Sein Vater riet ab. Als Bauer müsse man 365 Tage arbeiten und sei immer schmutzig. Der Sohn des Posthalters entschied sich für eine kaufmännische Ausbildung bei der Post und arbeitete sieben Jahre lang als Betriebsassistent. 1979 wechselte er zur Walliser Kantonalbank, weil er bei der Post zu wenig Entwicklungsmöglichkeiten für sich sah. Der Bank blieb er 23 Jahre lang treu, 13 Jahre davon als Prokurist und Filialleiter für die Region Leuk. Seinen Kindertraum hatte er zwar nicht vergessen, aber: «Meine Arbeit gefiel mir recht gut. Ich hatte auch keinerlei Vorstellung, wie ich zu Hof und Land hätte kommen können. Und ich wollte meinen Kindern eine gute Ausbildung ermöglichen.»
Im September 2000: Von einem Tag auf den anderen kündigte Armin Andenmatten seinen Managerjob. «Vielleicht war es ein bisschen aus Trotz», gibt er zu. «Die zweite Scheidung mit hohen Unterhaltsbeiträgen war einfach zu viel für mich. Ich wollte und konnte nicht so viel bezahlen und zog das dann auch durch.» Er sei ein Mann, der seine Entscheide rasch und unwiderruflich fälle. Doch nun stand er plötzlich da - ohne Arbeit, ohne Tagesstruktur.
Andenmatten unterbricht das Gespräch. Er gibt einem jungen Angestellten Anweisungen zum Ausbessern der Weidezäune, wechselt einige Worte mit Kirstens Vater, der mit Ben, dem Hirtenhund, die Ziegenherde zusammengetrieben hat, kontrolliert den mobilen Melkstand der Kühe, streicht die schmutzigen Hände an den Arbeitshosen ab und nimmt auf dem Natel einen Anruf entgegen. Dann erzählt er weiter: «Als ich nicht mehr weiterwusste, sagte ich meinem Hausarzt, dass ich am liebsten Bauer wäre, aber weder eine Ausbildung noch die Aussicht auf einen Hof hätte. Mein Arzt reagierte mit dem Satz: ?Träume nicht dein Leben - lebe deinen Traum.?»
Grossrat, Oberstleutnant
Mit 47 baute sich Armin Andenmatten einen eigenen Milchziegenbetrieb auf und entschied sich zur dreijährigen Ausbildung zum eidgenössisch diplomier- ten Landwirt. Ein klassischer Aus- beziehungsweise Umsteiger ist der Bankmanager aber nicht, denn schon parallel zu seinem Bankjob hielt er Ziegen oder sogar Kühe. «Ich kam jeweils von der Arbeit nach Hause, wechselte Anzug und Krawatte gegen Stallkleider und ging melken. Mit der Milch produzierte ich in der Küche Käse.»
Später am Abend musste der Bankier und Freizeitbauer sich häufig noch einmal umziehen, denn er engagierte sich in verschiedenen Vereinen und auch politisch. Als Mitglied der Christlich-sozialen Partei CSP war er Gemeinderat in Susten und eine Legislatur lang Walliser Grossrat. «Ich kann mir heute gar nicht mehr vorstellen, wie ich das alles geschafft habe», staunt sogar er selber. Parallel zum Beruf machte er Karriere im Militär. Bis zum Oberstleutnant. Das Karrieredenken hatte seinen Preis: 1978 zerbrach die erste Ehe an seinen monatelangen Abwesenheiten. Und auch die zweite Ehe scheiterte unter anderem an seiner fehlenden Präsenz.
Die privaten Turbulenzen haben sich inzwischen gelegt. 2006 hat Andenmatten auf einem Schafbetrieb im Jura seine heutige Partnerin kennengelernt. Die in der ehemaligen DDR aufgewachsene Kirsten arbeitete als Käserin und lehrte ihn das Käsen mit Schafmilch. Eigentlich hatte sie im Sinn, nach Deutschland zurückzukehren. Doch es kam anders: «Die Liebe funkte dazwischen. Ohne lange nachzudenken, bat ich Kirsten: ?Komm doch zu mir?», erzählt er. Gemeinsam träumen sie seither vom eigenen Hof und Land.
Zehn Personen sitzen am langen Tisch. Der Alpkäse ist vom letzten Jahr und herrlich würzig. Wunderbar schmecken auch die Ziegenmilch und der crèmige Ziegenziger, das frisch gebackene Brot, Salsiz, Rohessspeck. «Viele frühere Kollegen begreifen überhaupt nicht, wieso ich heute als Landwirt arbeite», sagt Armin Andenmatten und schmunzelt entspannt und zufrieden.
Hoch verschuldet und überglücklich
Bei der Bank verdiente er zehntausend Franken im Monat und hatte eine geregelte Arbeitszeit. Jetzt arbeitet er bis zu sechzehn Stunden am Tag, verdient einen Bruchteil seines früheren Lohnes und hat sich mit dem Kauf von landwirtschaftlichen Maschinen hoch verschuldet. Und sagt trotzdem: «Ich habe meine Kündigung bei der Bank vor neun Jahren noch keine Sekunde bereut. Heute kann ich meine Arbeit selber einteilen, bin in der Natur und mit Tieren zusammen.» Hingegen bedauert er manchmal, dass er nicht schon als junger Mann den Schritt in die Landwirtschaft gewagt hat. «Dann lägen die strengsten Jahre jetzt hinter mir.»
In zwanzig Jahren, wenn sein Pachtvertrag für die Alpage du Sex ausläuft, wird Armin Andenmatten 74 Jahre alt sein und Kirsten Anhalt das Pensionsalter erreicht haben. Aber Bedenken, dass sie es kräftemässig nicht schaffen könnten, hat er nicht. «Beide sind wir voller Energie und haben keine zwei linken Hände.» Später wird er sagen: «Wenn alles gut geht, werden wir nächstes Jahr in Mollens 150 Hektaren Land übernehmen können und dort unseren Winterbetrieb aufbauen.» Armin Andenmatten ist ein Macher - ein Manager bleibt er.

























