Schweizer Familie:
Herr Brugger, Sie erforschen den Glauben an Phänomene wie Gedankenübertragung, Hellseherei oder das Vorausahnen künftiger Ereignisse. Glauben Sie selbst an das Übersinnliche?
Peter Brugger:
Nein, ich persönlich glaube nicht daran. Doch ich halte den Glauben ans Übersinnliche auch nicht für kompletten Unsinn – sonst würde ich mich nicht damit beschäftigen.
Schweizer Familie:
Ein Beispiel. Nach Wochen der Funkstille zwischen mir und einer Bekannten greife ich gerade zum Hörer, als mein Handy prompt eine SMS von eben dieser Bekannten vermeldet. Reiner Zufall?
Peter Brugger:
Tatsächlich gibt es im Alltag immer wieder verblüffende Situationen und Zusammentreffen, die wir uns auf natürliche Weise kaum erklären können. Manche Menschen verstehen solche Ereignisse dann als Zeichen einer lenkenden Kraft oder anderer übersinnlicher Zusammenhänge. Sie dem blossen Zufall zuzuschreiben fällt den meisten von uns schwer.
Schweizer Familie:
Warum?
Peter Brugger:
Unsere Wahrnehmung und unser Denken sind darauf ausgerichtet, die Welt um uns herum erklärbar zu machen. Die Fähigkeit, Zusammenhänge zu entdecken und Zeichen zu deuten, ist überlebenswichtig. Wenn im Alltag zwei Ereignisse zusammentreffen, vermuten wir automatisch einen Zusammenhang. Menschen mit einem Faible für Paranormales stellen solche Bezüge besonders rasch und leicht her. Sie neigen deshalb dazu, selbst dort Zusammenhänge zu sehen, wo keine sind. So bringen Esoteriker ein erfolgreiches Bewerbungsgespräch zum Beispiel mit einem magischen Stein in ihrer Hosentasche in Verbindung.
Schweizer Familie:
Übersinnliche Phänomene finden also bloss in unseren Köpfen statt?
Peter Brugger:
Wir haben verschiedene Untersuchungen durchgeführt mit Personen, die an Übersinnliches glauben, und Personen, die nichts von paranormalen Phänomenen halten. In einem Experiment gaben wir den Probanden Wortpaare vor, zum Beispiel «Schachtel – Sonne» oder «Bohne – Tee». Wir baten die Testpersonen anzugeben, wie nahe beieinander die beiden Begriffe für sie lagen. Es zeigte sich: Esoteriker verknüpfen Begriffe leichter und schneller als Skeptiker.
Schweizer Familie:
Sind esoterisch Angehauchte somit auch kreativer als Skeptiker?
Peter Brugger:
Nun ja, sie entdecken selbst dort Bedeutungsvolles, wo andere nichts sehen. Dies allein macht aber noch keine Kreativität aus. Gedankengänge können auch leicht allzu abwegig werden. Die Übergänge von fantasievollem Kombinieren bis zu wahnhaften Gedankensprüngen sind fliessend. Wilde, von Gesunden nicht mehr nachvollziehbare Gedankenverbindungen sind typisch für Schizophrenie-Patienten. Das ist das Spannende an unserer Forschungsarbeit: Wir hoffen, mit unseren Experimenten an Gesunden nicht bloss kreatives Denken zu beleuchten, sondern auch mehr über krankhafte Zustände zu erfahren.
Schweizer Familie:
Was genau läuft denn im Gehirn von Esoterikern anders als in Skeptikergehirnen?
Peter Brugger:
Man weiss, dass sich unsere beiden Gehirnhälften beim Assoziieren, also beim gedanklichen Verknüpfen von Begriffen, die Arbeit teilen. Die linke Gehirnhälfte übernimmt die simplen, direkten Assoziationen, etwa jene zwischen den Begriffen «Tisch» und «Stuhl». Die rechte Gehirnhälfte hingegen denkt gern ums Eck. Sie spürt etwa eine Verbindung auf zwischen den Begriffen «Fischer» und «Spinne» – indem sie sich das «Netz» unbewusst hinzudenkt. Experimente weisen darauf hin, dass Menschen mit einer esoterischen Ader mehr mit der rechten Hirnhälfte arbeiten als solche, denen der Glaube ans Übersinnliche völlig abgeht.
Schweizer Familie:
Kann man diese Führungsrolle der rechten Hirnhälfte auch losgelöst vom Assoziieren beobachten?
Peter Brugger:
Durchaus. Dazu muss man allerdings wissen: Unser Nervensystem ist grösstenteils übers Kreuz organisiert. Die linke Gehirnhälfte steuert die rechte Körperseite und nimmt Meldungen von dort entgegen, während die rechte Gehirnhälfte für die linke Körperseite zuständig ist. Mit diesem Wissen im Hinterkopf hat eine Forschungskollegin Testpersonen gebeten, mit verbundenen Augen möglichst geradlinig einen zwanzig Meter langen Gang entlangzugehen. Das Resultat war verblüffend klar: Je überzeugter jemand an übersinnliche Phänomene glaubt, desto mehr weicht er beim Gehen nach links ab – weil sich die rechte Hirnhälfte offenbar auch hier stärker ins Zeug legt.
Schweizer Familie:
Wenn alles eine Frage des Gehirns ist: Lässt sich ein Skeptiker zu einem Gläubigen bekehren?
Peter Brugger:
Das haben wir uns auch gefragt. Wie schon erwähnt gibt es Ähnlichkeiten zwischen ausgeprägten Esoterikern und schizophrenen Patienten. Bei schizophrenen Menschen ist der Botenstoff Dopamin im Gehirn überaktiv. Also haben wir untersucht, was passiert, wenn wir gesunden Probanden Dopamin verabreichen. Die Resultate sind zwiespältig: Zwar werden skeptische Probanden tatsächlich etwas leichtglä ubiger. Esoteriker verhalten sich unter zusätzlichem Dopamin aber nicht plötzlich schizophren. Das gesunde Gehirn verfügt offenbar über Mechanismen, die es vor wahnhaften Gedanken schützen. Das wollen wir nun noch genauer untersuchen.
Schweizer Familie:
Sie haben kürzlich für ein Projekt mit einem amerikanischen Parapsychologen zusammengearbeitet. Sind Sie sich wegen Ihrer unterschiedlichen Überzeugungen nicht in die Haare geraten?
Peter Brugger:
Nein. Es kann sehr hilfreich sein, einmal mit jemandem zusammenzuarbeiten, der eine andere Sicht auf das Thema hat. Das hält einen davon ab, immer nur in dieselbe Richtung zu denken. Wichtiger als die persönlichen Ansichten des Forschungspartners ist mir, dass er wie ich einem Phänomen wissenschaftlich auf den Grund gehen will und in Kauf nimmt, dass die Resultate dem eigenen Weltbild allenfalls widersprechen.
Schweizer Familie:
Warum ist es denn überhaupt so schwierig, übersinnliche Phänomene ein für alle Mal nachzuweisen oder zu widerlegen?
Peter Brugger:
Das mag zum einen daran liegen, dass es den Glauben an Übersinnliches wohl immer geben wird. Manche Ereignisse und Alltagssituationen sind einfach zu verblüffend, als dass wir nicht versucht wären, dahinter verborgene Zusammenhänge zu vermuten. Und Wissenschaftler sind auch nur Menschen. Sie erforschen, was sie beschäftigt und fasziniert. Zudem gibt es ständig neue wissenschaftliche Erkenntnisse oder technische Erfindungen, die Forscher und Laien von neuem inspirieren.
Schweizer Familie:
Zum Beispiel?
Peter Brugger:
Die Erfindung des Radios war für Parapsychologen unglaublich faszinierend. Da gab es plötzlich eine Technologie, mit der Information ohne Kabel von einem Sender zu einem Empfänger gelangte. Könnte die Gedankenübertragung nicht ähnlich funktionieren? Heute ist es zum Beispiel die Teilchenphysik, deren Erkenntnisse uns verblüffen und unseren Alltagserfahrungen oft widersprechen.
Schweizer Familie:
Aber wenn nun jemand den endgültigen Gegenbeweis liefern könnte?
Peter Brugger:
Die Krux ist: Sie können streng genommen nicht beweisen, dass es etwas nicht gibt. Ihr Gegenspieler kann immer sagen: «Natürlich existiert das Phänomen, wir haben es einfach noch nicht nachweisen können, weil wir zu wenig genau gemessen haben oder das Experiment ungeeignet war.»
Schweizer Familie:
Das Hin und Her wird also ewig weitergehen?
Peter Brugger:
Ich befürchte schon. Ich darf mir da auch keine Illusionen machen über meine eigene Arbeit: Ich kann wahrscheinlich noch so überzeugende Belege liefern, dass das Übersinnliche nur in unseren Gehirnen stattfindet – es werden sich dadurch längst nicht alle von der Suche nach dem Paranormalen in der Welt abbringen lassen.
























